Tagebuch: Fauler Wahlzauber

Mitarbeit:
  • Adrian Schmid
Ausgabe:
25/99

Adrian Schmid über «Revolvergeschichten» rund um die Zauberformel.

Kumuliert, panaschiert, gestrichen. Ich habe gewählt – und hätte es besser bleiben lassen. Seit dem 24. Oktober ist im Bundeshaus der Teufel los. Speziell untergefeuert habe ich mit meiner Namenliste zwar nicht; dennoch werde ich von den Politstrategen dauernd angemacht. «Die Wähler sind selbstverständlich nicht dumm», verkündet Frau Koch. Danke! Oder Herr Blocher. Er kennt meine innersten Wünsche: «Die Wähler wollen eine bürgerliche Schweiz.» Aha! Herr Durrer wiederum missbraucht mich als Zugpferd für seine zwei Jung-Bundesräte: «Es entspricht nicht dem Wählerwillen, dass von zwei neu gewählten Regierungsmitgliedern eines nach acht Monaten wieder abzutreten hat.» Woher weiss er das?

Die Zauberformel durchläuft momentan harte Zeiten. Bis der alt-neue Bundesrat am 15. Dezember erneut ins Amt geschickt wird, lasse ich mich täglich neu überraschen. «Geheimplan: Blocher für Ogi», weiss eine Sonntagszeitung. Als Fährtenleger amtet CVP-Oberturner Adalbert Durrer. «Sie würden staunen, wenn Sie wüssten, wer dieses Szenario für realistisch hält», nebuliert er. Tags darauf verwischt er die Spur gleich selber wieder. Alles «Revolvergeschichten».

Immer neue Bundesratsformeln werden hervorgezaubert. Der linke Andrea Hämmerle will den liberalen Franz Steinegger als Ersatz für den heimatlosen Adolf Ogi. Andere schassen Ogi und Metzler und krönen Bodenmann und Steinegger. Verbal geräumt wird auch der Zürcher Stuhl: SVP-Wunder Rita Fuhrer für Moritz Leuenberger. Da tönt «Mobbing gegen Dreifuss» schon fast bieder.

Die Taktiker rätseln: Blocher einbinden oder ausgrenzen? Ich rätsle mit und mache einen Tauchgang in die Flut alter Zeitungen. «Ich wäre ein guter Bundesrat», sagte Blocher vor einem Jahr. Am Wahlabend: «Ich bin nicht Kandidat.» Einen Tag später: «Das Parlament wird mich nicht wählen.» Schön und gut, aber will der Mann überhaupt? Endlich – im «Herald Tribune» ein klares Wort: «Nein.» Das wäre geklärt. Irrtum. Parteichef Ueli Maurer greift zum Machtwort: Das «Nein» sei als «Ja» zu verstehen – ein Ubersetzungsfehler. «Blocher wird antreten, wenn wir ihn brauchen.» Und siehe da.

Nichts glaube ich mehr. Im faulen Zauber um den Bundesrat wird gepunktet, geopfert, gelogen und getäuscht. Ich hoffe auf die Fairness des Zuschauers und tauche im Archiv nach ausländischen Voten zum Regierungspoker. Fehlschlag. «Sieg der extremen Rechten», jaulen die Franzosen. Die faschismuserprobten Spanier hat primär das «historische Aufholen der Rechtsextremen» gestochen. Und die Schweden bilanzieren alpenkundig: «Es geht bergab mit der Schweiz.»

Entnervt stosse ich den Zeitungsberg beiseite. Gefragt sind jetzt Taten. Aktionsplan, Punkt eins: Für die nächste Auslandsreise grabe ich die alte mausbraune Identitätskarte aus. Der signalrote Pass verschwindet in der Aktenmappe – viel zu auffällig. Aktionsplan, Punkt zwei. Ich stelle mich am 15. Dezember zur Wahl. Zugegeben, der Vorschlag ist nicht von mir. Eigenmächtiges Vorpreschen zerstört die Chancen. Man muss sich bitten lassen. Lanciert hat die Sache meine Tochter. Gestern Abend skandierte sie laut meinen Namen. Aktionsplan, Punkt drei: Griff zum Zauberstab. Moritz Dreifuss zieht sich zurück und macht Platz für Rita Blocher. Weil sich Kaspar Ogi und Pascal Deiss schon lange mit Ruth Leuenberger streiten, schlägt die Stunde von Franz Bodenmann. Adolf Metzler, Joseph Villiger und Ruth Couchepin staunen. Kumuliert, panaschiert, gestrichen.

© Beobachter Ausgabe 25 vom 10. Dez 1999 - Alle Rechte vorbehalten

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