Tagebuch: Gefreiter Budliger auf Recherche

Text:
  • Urs Rauber
Ausgabe:
9/00

Urs Rauber über anonyme Drohbriefe und die Krux einer polizeilichen Befragung

Hinter jedem Artikel steckt eine Geschichte, die nicht geschrieben wird. Weil sie nicht erzählt werden darf – Schutz der Privatsphäre, des Redaktionsgeheimnisses, erhöhtes Prozessrisiko. Oder weil sie auf ein Nebengeleise führt. Oder weil sie schlicht den Anspruch des «öffentlichen Interesses» nicht erfüllt.

Im Tagebuch ist das zum Glück anders.

Eines Tages treffe ich den Gefreiten Budliger. Ich nenne ihn jetzt einmal so – siehe oben Grund Nummer eins. Als er hört, dass ich Journalist bin, verwirft er die Hände. «Dann können Sie ja gleich selbst an den Computer sitzen. Nein, ich muss mich schämen vor Ihnen mit meinem Zweifingersystem…»

Budliger und ich sitzen in einem kleinen Raum ohne Fenster mit kargem Mobiliar: ein abgewetzter Tisch, zwei Stühle, ein altmodischer Computer – ein Modell aus den achtziger Jahren, die Software neueren Datums. Das Kämmerchen, kaum acht Quadratmeter gross, wirkt wie ein Verhörzimmer. Die Tür ist offen.

Etwa zehn Minuten lang erzähle ich meine Geschichte. Dann geht Budliger kurz weg und kommt mit drei Formularsets zurück. «Jetzt der Reihe nach.» Name, Vorname, Geburtsdatum, Postleitzahl. Zackig hackt er meine Personalien in das grosse graue Ungetüm. Im Gang draussen weibeln Leute hin und her. «Grrrüezi», schnarrt ein mächtiger Mann mit Bauch, der rasch hereinschaut.

Das erste Formular ist bald ausgefüllt und ausgedruckt. «Äch, jetzt habe ich meinen Kugelschreiber vergessen», sagt Budliger, «darf ich Ihren benutzen?» Klar, ein Journalist hat das Schreibzeug immer dabei. Dann tippt er wieder einige Zeilen und lehnt sich zurück.

«Was wissen Sie über die Briefe?» Nach kurzem Nachdenken mutmasse ich, aus welchem Umkreis die Verfasserin stammen könnte, es gebe da zahlreiche Hinweise – «wenn es überhaupt eine Frau ist». Budliger, 20 Jahre jünger, lächelt: «Das ist jetzt Ihre psychologische Menschenkenntnis. Die kann zutreffen oder auch nicht.» Hoppla, merke ich, das war die falsche Antwort.

Ein amtlicher Rapport ist kein journalistischer Report. Hier recherchiert Budliger, nicht ich. Geduldig setzt er nochmals an: «Was wissen Sie über die Briefe?» Freundlich und erwartungsvoll blickt er mich an – wie ein Lehrer, der die halbe Klasse abfragt, bis endlich die erlösende Antwort kommt. Journalisten sind schlechte Interviewpartner: Statt zu antworten, interpretieren sie. Das denkt Budliger sicher auch.

Auch bei der nächsten Frage klappts nicht ganz. Budliger: «Nehmen Sie die Briefe ernst?» Rauber: «Ja.» Das ist zu knapp, die vollständige Antwort sollte lauten: «Ja, sonst wäre ich nicht zur Polizei gegangen.» Budliger hämmert den Satz ins Protokoll.

Nach drei viertel Stunden sind wir fertig. Der Polizeiposten hat die Anzeige wegen zweier Drohbriefe, die ich auf einen kritischen Artikel erhalten habe, entgegengenommen. Der Strafantrag ist korrekt ausgefüllt: Frage, Antwort, Zusatzfrage. Verlangt sind Daten und Fakten, keine ausschweifenden Erklärungen. Die beiden «Corpora Delicti» leitet Budliger an Spezialisten weiter.

«Seit drei Wochen mache ich jetzt Bürodienst.» Der Polizeigefreite verdreht die Augen. Viel lieber leiste er den Dienst in Uniform, draussen an der Front. «Aber Schreibarbeiten müssen auch sein.» Zum Abschied drückt mir Herr Budliger kräftig die Hand: «Aber nicht, dass ich jetzt im Beobachter komme.»

© Beobachter Ausgabe 9 vom 28. Apr 2000 - Alle Rechte vorbehalten

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