Tagebuch: Geschlechterkampf beim Velofahren

Text:
  • Birthe Homann
Ausgabe:
17/00

Birthe Homann über alltägliche Strassenkämpfe auf zwei Rädern

Ich fahre (fast) jeden Tag mit dem Velo zur Arbeit – egal, wie gut oder schlecht das Wetter ist. Ich bin da hart im Nehmen, und Regen macht ja bekanntlich schön. Velofahren ist zudem gesund, umweltfreundlich und tut gut – das dachte ich jedenfalls bis vor kurzem. Seit einiger Zeit wird nämlich meine morgendliche und abendliche Tour quer durch die Stadt zum Kampf: Es geht ganz eindeutig um Territorialgewinne, Macht und Selbstbestätigung.

Die Beziehung des Mannes zu seinem Velo muss eine ganz besondere sein: Da darf niemand dazwischenfunken. Das Velo und sein Fahrer bilden eine starke Einheit – komme da, wer wolle. Das Velo-Ego des Mannes ist gross. Wehe, es wagt mal eine Frau, auf ihrem Drahtesel an so einer rollenden Trutzburg vorbeizuradeln.

Vorbeiradeln? Ja, das solls geben. Denn nicht jeder stolze Besitzer eines neuen, supercoolen, vollgefederten Fully-Mountainbikes ist schliesslich auch ein trainierter Fahrprofi, wie ich es bin. Das ist dem Veloeigner aber egal: Hauptsache, er gewinnt das Rennen. Kann doch nicht sein, dass er vom schwachen Geschlecht überholt wird. Nein, da muss gegengesteuert werden. Volle Kraft voraus, auch wenn die Ampel 100 Meter weiter vorn soeben auf Rot gesprungen ist und die Autokolonnen vorbeiziehen.

Was tut die weise Frau gegen solches Rowdy-Verhalten? Lächelt sie still, bleibt sie ganz cool und sinniert über die lächerlichen männlichen Protzereien? Schön wärs. Leider ist auch «frau» nicht gegen Angabe und Kraftmeiereien gefeit. Auch mein Ego wird angekratzt, wenn da einer mir nichts, dir nichts an mir vorbeizieht. Das wär ja wohl gelacht: Ich trete in die Pedale. Vorwärts, vorwärts – nichts anderes zählt mehr. Mit hochrotem Kopf verfolge ich den Übeltäter, schliesslich soll mein Fitnesstraining nicht umsonst gewesen sein.

Das Ergebnis? Schweissnass, abgekämpft und sauer komme ich morgens in der Redaktion an. Oder schweissnass, kämpferisch und voller Elan – je nach Resultat der morgendlichen Zweikämpfe. Das eigene Ich ist nämlich leicht beeinflussbar: Niederlage oder Sieg, darum gehts im Leben.

Das ist ja lächerlich, finden Sie, liebe Leser und Leserinnen? Da haben Sie vollkommen Recht. Aber soll ich einfach klein beigeben? Kommt nicht in Frage. Oder soll ich bei der nächsten Tour de Suisse mitmachen? Wäre eine Alternative.

Ich habe die Lösung gefunden. Eine richtig fiese und somit typisch weibliche Idee werde ich realisieren. Ich kaufe mir eines dieser neuen Bikes mit Elektromotor. Den Motor werde ich irgendwie unter Tourentaschen oder sonstigem Velozubehör verstecken. Kein Mensch wird ihn je sehen. Ich werde im Eilzugtempo an all den Velo-Platzhirschen vorbeiziehen und mit einem müden Lächeln zur Kenntnis nehmen, wie sie sich hinter mir abrackern. Hämisch werde ich dann anhalten und grinsend sagen: «Wie wärs mit etwas mehr Konditionstraining, Sportsfreund?» Und abdampfen.

© Beobachter Ausgabe 17 vom 18. Aug 2000 - Alle Rechte vorbehalten

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