Tagebuch: Innere Werte
Urs von Tobel über die Reichen und Schönen und ihre Todesanzeigen
Den «Tages-Anzeiger» lese ich zu Hause, «Blick», NZZ und weitere Printprodukte in der Redaktion. Die Lektüre ist Pflicht, ein Redaktor muss schliesslich im Bild sein, welche Themen von der Konkurrenz beackert werden. Wobei ich in der Regel mehr lese als nötig. Mich faszinieren die Reichen und Schönen, mit denen der Beobachter bekanntlich recht wenig am Hut hat. So greife ich halt zusätzlich zur «Schweizer Illustrierten».
Dabei wird mir bewusst, dass die Reichen und Schönen die Traumvillen wirklich verdient haben. Entweder haben sie gut geerbt, gut Tennis gespielt oder ganz aus dem Nichts ein Unternehmen, wenn nicht gar ein Imperium geschaffen. Gerade im letzten Fall dürfen sie doch die Früchte ihrer Arbeit ohne schlechtes Gewissen geniessen; zumal sie auch noch ihre Traumfrau gefunden und mit ihr im rüstigen Alter von 55 Jahren noch Zwillinge gezeugt haben und sich nun ob des unbeschwerten Kinderlachens in ihrem Traumhaus freuen.
Auf den Boden holt mich dann wieder der «Blick», der einige Zeit später von der Scheidung berichtet und den dynamischen Mann zum Alimentezahler zurückstuft. Verliebt er sich erneut, beginnt die Story in der «Schweizer Illustrierten» von neuem, und der «Blick» kann wieder abschliessen. Für mich ist das alles in allem kein Grund, reich und schön zu werden – es braucht zu viel Nerven.
Doch dann folgt der letzte Akt – in der seriösen NZZ, auf den Seiten mit dem schwarzen Rand. Nicht selten trauern drei Viertel einer Zeitungsseite um einen Reichen und einstmals Schönen. Die Familie tut ihre stille Trauer kund. Die Direktionsetage und die ganze Belegschaft sind ebenso tief betroffen vom allzu frühen Hinschied ihres «geschätzten Mitglieds der Geschäftsleitung». Zudem hat der Verwaltungsrat die «schmerzliche Pflicht», den Tod seines Präsidenten bekannt zu geben. Die Studentenverbindung Zofingia trauert um den «unvergessenen» Farbenbruder «Zapfe». Vielleicht war der Verblichene noch Rotarier, Kiwaner oder Präsident des Golfklubs, was die Spalten weiter füllt.
Solche Abgänge sind stark und machen mich neidisch. Ich muss mich wohl mal mit einer einfachen Todesanzeige meiner Familie begnügen. Obwohl alle Menschen gleich sind. Aber eben: Ich bin weder Verwaltungsrat noch Mitglied edler Vereine. Der Männerturnverein, dem ich angehöre, kann sich Todesanzeigen nicht leisten. 60 Franken Jahresbeitrag reichen einfach nicht aus. Und eine Erhöhung um zehn Franken erlaubt die Anschaffung neuer Faustbälle, aber nicht das Schalten von Todesanzeigen. Aber es muss doch ein probables Mittel geben, um als Gleicher ins Reich der Gleichen einzugehen! Ein guter Kollege hat mir nun mit Rat weitergeholfen. «Urs», hat er mir gesagt, «du musst den Kommerz mit Geist kompensieren.» Das habe ich nun getan. Den Text der Todesanzeige kann man ja selber aufsetzen. Darin steht nun der Satz: «Er hatte innere Werte.» Jetzt hängts nur noch von den Leserinnen und Lesern ab, ob sie die inneren Werte gleich stark werten wie drei Viertel einer NZZ-Seite.
© Beobachter Ausgabe 16 vom 04. Aug 2000 - Alle Rechte vorbehalten









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