Tagebuch: Joggen – nur noch mit Aktentasche

Text:
  • Urs von Tobel
Ausgabe:
25/00

Okay, ich passe mich an. Am Sonntagmorgen ist das aargauische Reppischtal eindeutig mit Hunden übervölkert, so dass ich Richtung Hasenberg und Egelsee jogge. Nach zehn Einlaufminuten treffe ich auf Fred und Vreni samt Hirtenhund Viola. Eine erfreuliche Begegnung: Die alte Dame Viola reibt den Kopf an meinem Knie und holt sich die ihr zustehenden Streicheleinheiten. Viola kennt übrigens auch den Begriff der Neutralität – unbekannten Spaziergängern und Joggerinnen schenkt sie keine Beachtung.

Weiter gehts, vorbei an einem knurrenden Boxer, der sich fast an seiner Leine erdrosselt, was wiederum Trauer auslösen würde. Bei den Besitzern jedenfalls. Und dann folgt die Begegnung des Tages: Rund 200 Meter vor mir schlurft ein junges Pärchen durch den Wald. Im Abstand von hundert Metern zieht ein Dobermann in horrendem Tempo seine Kreise um das umschlungene Paar. Natürlich unangeleint, denn so lange Leinen sind im Fachhandel nicht erhältlich. Und überhaupt: Leinen entsprechen dem Wesen des Hundes in keiner Weise. Das haben mir die Kynologen bisher beigebracht.

Ah, das Paar biegt nach links ab, Richtung Heitersberg. Das Hundchen verschwindet zwischen den Bäumen – und mit ihm auch die Sorge um meinen trotz seinen 57 Jahren immer noch knackigen Po. Trotzdem keimt in mir ein gewisser Unmut gegen den Halter auf. Denkt er denn nicht daran, dass sein Hund ein Reh mit Leichtigkeit in den Tod hetzen kann? Ein eigenartiger Tierfreund übrigens, dessen Hund nur über einen Stummelschwanz verfügt. Coupieren ist in der Schweiz seit Jahren verboten. Mit Recht, denn der Hund dürfte sich ob dieser Amputation weit weniger freuen als sein Halter.

Nun gut, ich jogge weiter. Das Bellen des Hundes flaut mit zunehmender Entfernung ab. Entspannt greife ich zur Teeflasche und beuge der drohenden Dehydrierung vor. Gleichzeitig spüre ich einen gewissen Blasendruck – ich muss mal. Natürlich halte ich zuerst nach Spaziergängerinnen, Bikerinnen und Joggerinnen Ausschau, auf dass ich nicht öffentlich Anstoss errege.

Kaum begonnen, rückt das Bellen bedrohlich näher und wird prompt in Gestalt des coupierten Dobermanns sichtbar. Das Tier muss mindestens zwei Kilometer von Herrchen und Frauchen entfernt sein. Und es nimmt exakt Kurs auf mich. Wie soll ich das Tier abwehren, die Hände sind mir ja gebunden? Blitzartig gehen mir die zig Zeitungsartikel durch den Kopf, die das gefahrlose Verhalten gegenüber unberechenbaren Hunden beschreiben. Also, anblicken soll ich den Hund nicht. Das macht den sensiblen Vierbeiner nämlich so aggressiv, dass er meinen Blick mit einem Schnappen quittieren könnte.

Ich darf auch mein Heil nicht in der Flucht suchen, denn Hunde haben einen angeborenen Hetz- und Fangtrieb, den ich nicht wecken darf. Zudem spricht meine aktuelle Betätigung gegen eine überstürzte Flucht. Schliesslich muss ich mich hüten, unkontrollierte Bewegungen auszuführen. Hundchen schlösse daraus messerscharf auf meine Nervosität. Nervöse Jogger aber haben kein Recht auf Unversehrtheit. Endlich erinnere ich mich des einschlägigen Artikels: den Hund mittels Aktentasche von mir fern halten. Ich werde künftig nur noch mit Aktentaschen joggen gehen.

Der schwanzamputierte Hund biegt fünf Meter vor mir ab. Nun habe ich auch ihn von Herzen gern – wie alle Dobermänner, die gehen.

© Beobachter Ausgabe 25 vom 08. Dez 2000 - Alle Rechte vorbehalten

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