Tagebuch: Nichts als Scherereien mit plappernden Coiffeurs
Ueli Zindel über die Wehrlosigkeit im Coiffeursalon
Mein Coiffeur ist ein stiller Mensch. Seine Arbeit betrachtet er als Handwerk. Er schont das Mundwerk: meines und seines. Und wenn ich ehrlich bin, schätze ich den jungen Mann – deswegen. Wie er meine Haare schneidet, ist mir eigentlich egal. Sie betrachten mein Haupt? Sie lachen? Ich weiss, ich sollte wieder mal… zu Carlo. Tja. Coiffeure, Coiffeusen sind Schicksal, Zufall – je nachdem.
An meinem früheren Wohnort gabs den Salon «Natascha». Natascha war blond; sehr blond; sie war die Chefin. Sie betrachtete es als flankierende Aufgabe, mich zu unterhalten. Sie redete in einem fort. Aus naheliegenden Gründen verbot ich mir zu nicken. Natascha hätte mir, temperamentvoll wie sie war, mit ihrer Schere leicht in mein bewegtes Haupt fahren können.
Also musste ich, um nicht unhöflich zu erscheinen, reden. Reden. Reden… «Ja!», sagte ich. «Ach, wirklich?» – «Natürlich!» – «Genau!» Natascha berichtete von den Russen. Von ihrer Nasenoperation. Von ihrem Mann, der Pole war, den Radrennsport aufgegeben hatte und jetzt auf Stellensuche war. «Wirklich?» – «Ach ja?»
Die Wehrlosigkeit des Coiffeurkunden ist sprichwörtlich. Eine fremde Person hantiert mit einem geschliffenen Werkzeug – in unmittelbarer Nähe unserer Nervenstränge! Dies weckt übelste Ängste. So modisch mich Natascha jedes Mal frisierte, so erschöpft war ich jedes Mal nach dem Besuch bei ihr.
Ganz anders Carlo. Er begrüsste mich; er machte sich an die Arbeit – schliesslich hielt er mir den Spiegel an den Nacken und fragte: «Recht so?» That’s it. Ich war zufrieden. Carlo verstand seine Arbeit als eine Art Meditation. Ich meditierte mit. Die Augen hatte ich geschlossen. Ohne Brille kriegte ich von dem, was er tat, ohnehin nichts mit.
«Herr Zindel!» Mein letzter Coiffeurbesuch machte schon sehr bald deutlich, dass mich heute anderes erwartete. Die Beschwingtheit des Jünglings war enorm. «Sind wir wieder einmal so weit, Herr Zindel?» Locker griff der Friseur in mein Haar. «Sie waren schon länger nicht mehr hier, Herr Zindel?» – «Und Sie noch gar nie!», hätte ich am liebsten geantwortet. «Sie haben Schuppen, Herr Zindel!» – Wo war Carlo?
In dem überschaubaren Raum – dem einzigen des Geschäfts – war er nicht ausfindig zu machen. Einen weiteren Angestellten gab es nicht. Um den beschwingten Herrn nicht zu brüskieren, unterliess ich es, nach Carlo zu fragen. Regen prasselte gegen das Fenster. Aus den Lautsprechern rann süsse Musik. Der Namenlose orientierte mich über die Schuppenplage. Glatzköpfige Menschen seien viel seltener betroffen. Für eine Weile verharrte er beim Thema «Glatze». Immer mehr Menschen, erklärte er, litten heute unter Haarausfall.
«Sind Sie kurzsichtig, Herr Zindel?» – Der Coiffeur kam auf seine Kontaktlinsen zu sprechen, mit denen er sehr zufrieden sei. Die meisten Menschen seien heute ja zufrieden mit ihren Kontaktlinsen. Ich schwieg. Ich döste. Und stellte leicht beunruhigt fest, dass der Coiffeur jetzt nicht nur jeden zweiten, sondern neuerdings jeden Satz mit meinem Namen krönte. «Die Hingis ist out, Herr Zindel.» – «Ich fahre halt Motorrad, Herr Zindel.» – «Wenn das Wetter mitmacht, Herr Zindel.»
Carlo. Hilfe! Erlöse mich! – «Er ist nicht mehr hier, Herr Zindel.» Nicht mehr hier? Weshalb der brüske Abschied? Ich mochte mich nicht erkundigen. Aber ich hegte einen leisen Verdacht: Carlo, der stille Diener der Eitelkeit, hatte ganz einfach zu wenig geplappert.
© Beobachter Ausgabe 6 vom 17. Mär 2000 - Alle Rechte vorbehalten









Sozialhilfe
Die Sozialhilfe ist unter Druck – und letztes Auffangnetz: Betroffene erzählen