Tagebuch: Spezialtherapie für Doppellinkshänder

Text:
  • Daniel Leiser
Ausgabe:
18/00

Daniel Leiser über seine handwerklichen Erfahrungen.

«Nein, aus dir wird wirklich nie ein Handwerker.» Das muss der Grossvater meines Schulfreunds Sämi gedacht haben, wenn ich ihm jeweils das Ergebnis eines Nachmittags in seiner Werkstatt präsentierte. Gesagt hat er aber nie etwas. Dafür bin ich ihm heute dankbar, sonst wären mir jene Nachmittage kaum in derart guter Erinnerung geblieben. Oft, wenn es draussen kalt war oder regnete, trat er uns in seiner geheizten Werkstatt einen Teil seiner Werkbank ab. Jeder von uns erhielt Hammer und Zange, genügend Nägel sowie jede Menge Holz. Und dann wurde gehämmert, was das Zeug hielt.

Am Anfang fiel mir der qualitative Unterschied zwischen Sämis und meinen Arbeiten überhaupt nicht auf. Erst als unsere Projekte grösser und gewagter wurden, musste ich feststellen, dass meine Fähigkeiten dafür nicht mehr ausreichten. Ab diesem Zeitpunkt fielen die Nachmittage in der Werkstatt immer spärlicher aus. Als Sämi sich schliesslich selber Bett und Bartresen zimmerte, war mit Handwerken meinerseits vollends Schluss. Übrigens: Sämi führt heute eine eigene Schreinerei.

«Dafür kannst du ja gut schreiben», trösteten mich meine Eltern. Damals konnte ich mich damit aber nicht abfinden: «Was nützt mir das Schreiben, wenn alle anderen selber an ihren Mofas herumbasteln können?» Heute bastle ich an meinen Texten herum. Ein Beruf ohne Tastatur und Bildschirm? Unvorstellbar. Trotzdem holen mich meine handwerklichen Jugenderinnerungen immer wieder ein. Etwa wenn sich Freunde und Verwandte darüber lustig machen, dass sich die Wände meiner Wohnung nach einem Jahr immer noch bilderlos präsentieren und nach wie vor nackte Glühbirnen Licht spenden: «Ein Jurist mit zwei linken Händen eben.» Mittlerweile habe ich diesen Kratzer an meinem Selbstbewusstsein jedoch mit einer Spezialtherapie wegpoliert: Ich kaufe Möbel zum Selberzusammenbauen. Ausgerüstet mit Papier, Schreibzeug und Meter, tauche ich ein in die grosse Welt der Regale, Kommoden und Gestelle. Dort wird ausgemessen, werden Materialien und Lackierungen begutachtet.

Dabei ist im Vorteil, wer sich bereits im Voraus einige Gedanken gemacht hat. Hat man das gewünschte Objekt endlich gefunden und ist man damit zu Hause angekommen, wird es erst richtig spannend: Stimmt die Farbe? Wurden alle Bauteile eingepackt? Das schrittweise Zusammenbauen verläuft dank beiliegender Anleitung in der Regel problemlos – sofern eben der Schwierigkeitsgrad wegen fehlender oder falscher Teile nicht erhöht wird. Aber zu erleben, wie durch die eigene Arbeit aus einem Haufen lackierter Spanplatten, Zapfen, Schrauben und anderer undefinierbarer Dinge ein brauchbares Möbelstück entsteht, ist Balsam auf die Seele jedes gehänselten Bürolisten.

Deshalb frage ich mich nach einem solch aufbauenden Erlebnis jeweils, warum dieser therapeutische Beitrag der Möbelhäuser eigentlich nicht von den Krankenkassen bezahlt wird. Wie die Behandlung der eingeklemmten Finger, der Beulen und blauen Flecken wegen unfachmännischer Montage…

© Beobachter Ausgabe 18 vom 03. Sep 2000 - Alle Rechte vorbehalten

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