Tagebuch: Sport für die Seele

Text:
  • Urs von Tobel
Ausgabe:
26/99

Beobachter-Redaktor Urs von Tobel über das soziale Plus des chinesischen Sports.

Es ist 6.30 Uhr. Morgens, wohlverstanden. Seit einer halben Stunde jogge ich. Jetzt wäre eigentlich der Moment für einige Stretchübungen gekommen. Doch die lasse ich lieber bleiben, denn die Blamage wäre programmiert. Neben mir steht nämlich eine siebzigjährige Frau – das linke Bein hält sie gestreckt gegen den Himmel gerichtet, fast senkrecht. In dieser Haltung ruht sie gelassen in sich. Wenn ich stretche, strecke ich unter Ächzen und Stöhnen die Fingerspitzen bis zu den Fussknöcheln. Dabei bin ich ja noch nicht siebzig! Hier droht Frust. Da ist es mir auch kein Trost, dass ich schneller jogge als der Opa auf der Rundbahn. Der schaukelt fröhlich fürbass und schiebt geduldig einen Fussball vor sich her, der mit Sicherheit vor der Volksbefreiung 1949 hergestellt worden ist.

Peking bei Tagesanbruch. Im Lauf meines zweimonatigen Aufenthalts habe ich sie allesamt kennen gelernt, die Tag für Tag neben mir ihr Morgentraining absolvierten. So chinesisch bin ich in den Wochen meines Sprachaufenthalts geworden, dass ich meine sportliche Aktivität ebenfalls auf den Morgen verlege. Nachgeholfen hat sanfter Zwang: Am Abend schliessen in Peking die Beizen spätestens um 22 Uhr. Man hat schliesslich gegessen und kann nun ins Bett. Die Nachtkatzen, wie die Bar- und Discogänger genannt werden, habens schwer in dieser Gegend.

Dafür gibt es am Morgen Interessantes zu sehen. Da sind etwa die Taijiquan-Gruppen, mit und ohne Schwert. In vollkommener Ruhe üben sie ihre Kampfkünste. Daneben geben sich Studenten ihrem Basketballtraining hin. Jeden Morgen sind auch die Gymnastikgruppen der Frauen präsent. Und natürlich die Einzelgänger: die Frau, die vergnügt vor sich hin singt; der Kampfkunstmensch, der jede Minute einen martialischen Schrei ausstösst.

Und mittendrin ich, der absolute Aussenseiter. Nicht wegen des Joggens und Stretchens, das tun auch Chinesen. Nein, ich achte auf die anderen. Und dies scheint völlig unchinesisch zu sein. Ich bin zu sehr Schweizer – oder zu sehr Journalist: Ich muss wissen, was andere treiben. Das bringt mir während des Morgentrainings gewisse Nachteile, denn ich will ebenso beweglich sein wie die siebzigjährige Chinesin. Genau das aber ist meinen chinesischen Sportskollegen komplett egal. Sie tun einfach das, was sie tun, ob Sprint oder Spaziergang.

Offenbar ist das in Peking überall so. Eines Morgens habe ich auch den Baihai-Park besucht. Dort legen die Rentner ihre Tangos und Walzer auf die Steinplatten, dass es eine Freude ist. Niemand von ihnen fürchtet, dass ein anderer blöd schauen könnte. Denn es schaut keiner. Und niemand moniert, die Schritte seien nicht ganz korrekt.

Und genau das ist das Schönste am chinesischen Morgensport: Er ist einladend für alle, niemand wird abgeschreckt. Niemand muss topfit sein. Etwas Freude am Sport genügt. Nicht einmal der Läufer aus der Schweiz, der weniger beweglich ist als die siebzigjährige Frau, blamiert sich. Das wirkt auf Europäer wirklich anregend.

Ob ich es schaffe, etwas von dieser Gelassenheit in den schweizerischen Alltag hinüberzuretten, wird sich weisen. Ich habe mir jedenfalls vorgenommen, in Zukunft auch dann ganz in mir selber zu ruhen, wenn ich meine Fingerspitzen Richtung Boden bewege. Ächzen hin oder her. Zumindest in diesem Moment werde ich immer wieder von neuem einen Moment lang ganz Chinese sein.

© Beobachter Ausgabe 26 vom 16. Dez 1999 - Alle Rechte vorbehalten

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