Tagebuch: Totgesagte leben manchmal länger

Text:
  • Urs von Tobel
Ausgabe:
14/00

Urs von Tobel über dunkle Ahnungen beim Joggen

Leichter Dauerlauf auf der «Traummeile», meiner bevorzugten Joggingstrecke. Wie immer befällt mich ein frommer Schauder, wenn ich in den finsteren Fichtenhain gelange. Denn hier, mitten im Tann, drei Meter neben dem Weg, liegt ein Grabstein. Leonhard Studer oder etwas Ähnliches steht darauf. Zwar definiert heute ein Friedhofsreglement, wo die letzte Ruhestätte sei, aber Studers Grabstein dürfte älter sein als das Reglement der Gemeinde. Und er ist nun einmal hier. Vielleicht liebte Studer ja dieses Waldstück besonders. Genau werde ich das wohl nie wissen…

Der Schrei eines Greifvogels schreckt mich aus meinen Grübeleien. Der Vogel fliegt tief, den Baumstämmen instinktiv um Haaresbreite ausweichend. Ein roter oder schwarzer Milan, ein Habicht oder ein Mäusebussard? Zu dumm, dass ich nur Namen kenne, sie aber keinem Vogel mit Sicherheit zuordnen kann. Bestimmt ist es keine Eule, denn diese fliegen nur nachts. Das hat mir ein Vogelfreund gesagt. Und der wirds wohl wissen.

Weil mein Geist zuvor in morbiden Sphären weilte, fällt mir ein, dass dieser Vogel eigentlich auch tot sein sollte. Ich selbst habe ihn nämlich totgesagt respektive -geschrieben. Etwa 25 Jahre sinds her. Die unheilvolle Meldung ging über den Ticker an alle Medien. Ein Produzent hatte sie mir in die Hand gedrückt und gesagt, ich solle noch telefonisch zwei, drei Statements von Fachleuten einholen und die Geschichte zu Papier bringen. Maximum sechzig Zeilen, Abgabetermin 18 Uhr. Inhalt der Hiobsbotschaft: Die Greifvögel stürben aus, eine wissenschaftliche Studie belege dies. Umweltgifte schwächten die Schalen der Vogeleier, die brütenden Vögel würden sie mit ihrem Gewicht eindrücken.

Irgendwie schaffte ich es, den Autor der Studie an die Strippe zu kriegen. Der sagte, es sei schon so, wie er das geschrieben habe – und übrigens werde er die Studie auch als Buch herausgeben, ob ich nicht einen Bestelltalon ins Blatt einrücken könne. Ich hämmerte meine sechzig Zeilen in die Schreibmaschine. Der Artikel erschien mitsamt dem Bild einiger Greifvögel, von denen die Leser annehmen mussten, es seien die letzten ihrer Art.

Offensichtlich ein etwas voreiliger Schluss. Jedenfalls bemerke ich seit etlichen Jahren vermehrt Greifvögel auf meiner Joggingrunde. Totgesagte leben eben länger. Und totgesagte Vögel fliegen heute gar durch den Wald. Eben diesen Wald, den ich kurz nach den Greifvögeln auch totgesagt habe. Dies mit Inbrunst. Ich war ein fanatischer Anhänger des Waldsterbens, der Wald konnte sich diesbezüglich auf mich verlassen. Mein Zorn gegen alle Autofetischisten überstieg das landesübliche Mass.

Immerhin hab ich beim Wald einen Teilerfolg verbucht: Gesund ist er ganz offensichtlich nicht. Sonst hätte er den Sturm «Lothar» um einiges besser verkraftet. Dass er trotzdem lebt, schleckt aber keine Geiss weg. Und die Greifvögel leben auch. Plötzlich wird mir bange, der kalte Schweiss löst den üblicherweise heissen ab. Folgt Leonhard Studer etwa dem Beispiel des Waldes und der Vögel? Geistert er bereits durch den Wald? Auf eine solche Begegnung bin ich keineswegs erpicht. Meine Beine laufen plötzlich etwas schneller.

Jetzt bin ich bei der Waldhütte Berikon angelangt. Die Joggerei ist erspriesslich: Die Gedanken bekommen Flügel, ich löse mich vom Alltagskram. Und ich löse mich definitiv von der «Traummeile», bevor sie, mit oder ohne Leonhard Studer, zum Albtraum wird.

© Beobachter Ausgabe 14 vom 07. Jul 2000 - Alle Rechte vorbehalten

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