Tagebuch: Uber den Wolken endet die Freiheit

Text:
  • Ueli Zindel
Ausgabe:
13/00

Ueli Zindel über heimliche Mordgelüste

Schmerz macht grausam. Die Erkenntnis traf mich hoch über dem Atlantik. Dabei hatte alles so sorglos angefangen: ein pünktlicher Start, ein milder Abend. Piste frei, Himmel frei. Der Flug von New York nach Zürich dauert acht Stunden. Was solls, dass ich die Beine nicht strecken kann? Der Cognac schmeckt vorzüglich. Dass sich meine Nachbarin, eine ältere Dame, umständlich einrichtet, stört mich nicht. New York! Es waren warme Tage. Die Stadt sah ich zum ersten Mal. Glasbauten. Schwere Luft. Die Müdigkeit; dieser Knabe, der leise «fuck off» sang. Mein Hirn braucht Zeit, zu ordnen.

Das Fluggeräusch ist gleichförmig.

Es gelingt mir, das linke Knie zu strecken.

Sitz 78 Y. Ich stecke inmitten einer Fünferreihe. Die DC10 fasst 270 Personen. Serviert werden Kalbsbraten, Bohnen, Plastikbesteck. Meine Nachbarin rechts säbelt an ihrer Portion. Ihr Ellbogen fegt den meinen vom Tisch. Wir befinden uns auf 10012 Meter Höhe. «Another drink?» Der Flight-Attendant lächelt. Die Bohnen sind sehr trocken.

Meine Nachbarin klagt über Rückenschmerzen. Ihr Mann, ein Sitz weiter, nickt. Ich lehne mich zurück. Die Lichter im Flur sind spärlich. Weit vorn schreit ein Kind. Man sitzt. Man wartet. Der Zug der Lüftung ist kühl. – Offenbar schläft meine Nachbarin lieber mit einem Kissen unter dem Arm. Auf vier Monitoren wimmelt Werbung. Das Kissen der Nachbarin bedeckt jetzt auch mein Knie. Ich döse. Auf meinem Oberschenkel breitet sich eine Wärme aus. Döse ich? Die Wärme ist nass, stelle ich fest. Es ist der Kaffee meiner Nachbarin. Sie riecht nach kölnisch Wasser.

Auf dem Bildschirm flirtet James Bond.

Der Fingerschmuck meiner Nachbarin ist billig. Ihre Finger sind geschwollen. Ihre Hand umfasst meine Armlehne. Jetzt hüllt sie sich in eine Decke. Sie stöhnt. «Schlaf gut!», säuselt ihr Mann. Versehentlich habe ich mich auf ihre Decke gesetzt, meine Nachbarin zerrt daran. «Oh!» Ich entschuldige mich. – «Golden Eye.» Die ersten Schüsse. Ich hab mir die Augenbinde übergezogen. Ich suche die Tiefe des Atems. Und etwas Platz für meine Knie. Dann ein Ellbogenstoss. Es folgt der nächste. Meine Nachbarin richtet sich auf, sie flucht; fluchen möchte auch ich. Wie spät ist es? Ich verlange ein Bier. In meinem Hirn sitzt ein Lied, das heisst «Locker vom Hocker».

Ein junger Passagier, im Flur stehend, kreist langsam mit dem Kopf. James Bond, gross im Bild, schaut skeptisch. «Mein Gott», sagt die Nachbarin. Sie spricht leise. Ihre Stirn klebt jetzt am Vordersitz. Höhe: 11023 Meter. Zeit am Zielort: zwei Uhr zwölf. Ich mag nicht lesen. Ich höre in mich. Alte Bilder tauchen auf. Dann ihre Handtasche. Meine Nachbarin sucht ihre Handtasche. Ihr Kopfhörer landet auf meinem Schoss. Daraus hämmern Gewehrsalven. James Bond. Meine Nachbarin findet ihre Handtasche. Meine Nachbarin findet ihre Tabletten in ihrer Handtasche. Meine Nachbarin drückt ihre Tabletten aus der Cellophanpackung. Meine Nachbarin atmet.

Ihr Mann schläft. Ich nicht. Meine Nachbarin leidet. Ich auch. Wir meiden den Blickkontakt. Der Flug ist ruhig. Der Schmerz hält sie wach. Und mich diese einfache Frage: Wie viele Morde sind eigentlich aus purer Müdigkeit geschehen?

© Beobachter Ausgabe 13 vom 26. Jun 2000 - Alle Rechte vorbehalten

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