Tagebuch: Väter bekannt, Mütter unbekannt
Anita Pfenninger über ketzerische Gedanken beim Korrekturlesen.
So oft habe ich das «Tagebuch» eines Redaktionskollegen, einer Redaktionskollegin korrigiert – und nun hats mich auch gejuckt… Mich, die ich sonst nicht schreibe, sondern gewohnt bin, an einem bestehenden Text herumzufeilen.
Jetzt schreibe ich, und ich habe schon die ersten Probleme: Der Titel ist zu kurz, kann nicht zum Ausdruck bringen, was ich sagen möchte. Und in dieser Rubrik ist auch keine Einleitung vorgesehen, die etwa so lauten müsste: Was einer teilzeitlich berufstätigen Frau im gebärfähigen Alter, aber ohne Kinderwunsch, beim Korrekturlesen der Titelgeschichte «Familie: Kinder-Baisse statt Baby-Boom» durch den Kopf geht…
Angefangen hats ja mit einer simplen Äusserlichkeit: Routinemässig lasse ich die so genannte Rechtschreibprüfung über die Titelgeschichte laufen. Dabei werden unbekannte (oder eben falsch geschriebene) Wörter angezeigt.
Irgendwann bei diesem Kontrolldurchgang gerate ich ins Grübeln, und zwar darüber, welche Wörter als bekannt einprogrammiert sind (links vom Strich) – und welche nicht (rechts).
- Geschäftsführer (bekannt) – Geschäftsführerin (unbekannt).
- Soziologe, Soziologieprofessor – Soziologin, Psychologin.
- Gemeinderat, Ministerpräsident – Kantonsrätin, Bundesrätin.
- Kadermann – Ökonomin.
- Soziologe, Soziologieprofessor – Soziologin, Psychologin.
Es ist schon seltsam: Väter sind dem Korrekturprogramm bekannt, Mütter jedoch nicht. Unbekannt auch: Doppelbelastung, Kindererziehung, Primarklasse… Offensichtlich haben die – männlichen? – Programmierer schlicht und einfach vergessen, dass es auch berufstätige Frauen gibt.
Irgendwann komme ich wieder aus dem Grübeln raus, denn ich bin ja angestellt fürs Korrigieren, nicht fürs Sinnieren. Oder doch? Das Korrekturlesen umfasst natürlich das Aufspüren der Rechtschreib- und Satzzeichenfehler, das Uberprüfen von Personen- und Ortsnamen und von Jahreszahlen – aber vor allem auch das kritische Erfassen und Bereinigen allfälliger inhaltlicher Unstimmigkeiten. Wenn eine Stilblüte überlesen wurde, möge die Leserin, der Leser dies verzeihen: Im Lauf eines langen Arbeitstages kann jede und jeder einmal eine Schwäche haben.
Selbstverständlich ist hingegen, dass ich am Artikel keine inhaltlichen Veränderungen vornehme, nur weil mir etwas nicht gefällt. Schliesslich bin nicht ich die Autorin. Doch manchmal juckt es mich schon, einen Nachsatz zu platzieren mit dem Hinweis «Anmerkung der Korrektorin».
Bei Stellen wie «Väter gehen unbeirrt ihren Berufsweg» oder «Bei den Männern hat die Geburt eines Kindes nicht die geringsten Auswirkungen auf die Erwerbstätigkeit» möchte ich schon am liebsten anmerken: «Ja, liebe Männer, und da wundert ihr euch noch, dass die Frauen immer weniger bereit sind, Kinder zu gebären?» Das ist ziemlich polemisch, ich weiss. Aber nicht ganz falsch, oder? «Für Mütter ist es schwierig, neben der Kindererziehung berufstätig zu sein…» Für Männer hingegen stellt sich diese Frage oft gar nicht.
Falls Sie die Titelgeschichte nicht ohnehin schon gelesen haben: Vielleicht habe ich Sie ja jetzt «gluschtig» gemacht.
© Beobachter Ausgabe 8 vom 14. Apr 2000 - Alle Rechte vorbehalten









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