Tagebuch: Vom «Denver Clan» zum Beobachter

Text:
  • Nina Santner
Ausgabe:
11/00

Nina Santner über späte Einsichten aus ihrem Jugend-Tagebuch

«Berühren verboten!» Die Warnung auf meinem Tagebuch ist eindeutig: Schnüffler haben darin nichts zu suchen. Auch mir selbst habe ich den Zugang zehn Jahre lang verwehrt, denn das Tagebuch aus meiner Teenagerzeit sollte bis zum Jahr 2000, in Geschenkpapier eingewickelt, in meiner Geheimschublade ausharren und mir zu meinem 25. Geburtstag ein Lesevergnügen der besonderen Art bereiten. Den Schlüssel habe ich in weiser Voraussicht auf den Buchrücken geklebt. Gespannt stecke ich ihn ins Schloss und öffne das Buch.

Der erste Eintrag datiert vom 14. 9. 1989. «Hallo Nina», begrüsse ich mich. «Gratuliere zum Geburtstag. Wie gehts dir? Hast du einen Freund? Bist du ins Gymi gekommen? Ich rate dir, etwas Sport zu treiben!» Diese Bemerkung sitzt, denn meine Kondition befindet sich zurzeit wieder einmal auf dem Tiefpunkt.

Zu meiner Uberraschung finden sich im Tagebuch politische Stellungnahmen zur Armee und zum Pensionsalter 65 für Frauen. Unübersehbar auch mein begeistertes Engagement für den Frauenstreiktag 1991, welcher mich zugleich um eine Biologieprüfung gebracht hat. «Der Wald wird die Menschen überleben!» Auch Umweltschutzparolen schmücken diese Seiten. Kein Wunder also, dass ich auf den grossen Typ mit Wuschelhaaren, Greenpeace-Anstecker und «no more war»-Pullover gestanden bin. Doch daraus wurde nichts, denn die Vorstellungen über meinen Traummann änderten sich häufig. Die Schönen aus den Fernsehserien «Denver Clan» und «Falcon Crest» hätten mir trotz ihrem fortgeschrittenen Alter gefallen oder dann der Popsänger Jason Donovan. Ausserdem sollte mein Zukünftiger singen können und ein Abenteurer sein. Auch bezüglich Heirat hatte ich damals alles geregelt: Ich wollte ein Secondhandkleid kaufen und das gesparte Geld einer wohltätigen Organisation spenden.

Auf den Seiten findet sich auch weniger Lustiges: Tief sass der Schock, als ich während eines Sportlagers mit Freundinnen zum Autostoppen an den Strassenrand stand. Als tatsächlich ein Mercedes anhielt und ein bedrohlich wirkender Mann ausstieg, suchten die Jungs, die uns hätten beschützen sollen, als Erste das Weite. Schliesslich kamen auch wir heil davon, doch noch Jahre danach raste mein Herz, wenn ich bloss an Autostopp dachte.

Im Firmlager in Rom war ich dagegen besser aufgehoben. Dort galt meine ganze Aufmerksamkeit den unzähligen streunenden Katzen. Der Pfarrer konnte mich nur mit Mühe davon abhalten, einen vierbeinigen Flohträger im Handgepäck über die Schweizer Grenze zu schmuggeln. Dieses Erlebnis füllt zwei Seiten – für die Audienz beim Papst benötigte ich gerade drei Zeilen.

Mit 14 Jahren wäre ich gern berühmt geworden – als Schauspielerin oder Sängerin. Doch ein Jahr später beschloss ich, lieber mit «echten Verdiensten» Berühmtheit zu erlangen. So wie Diane Fossey, die Berggorillas erforschte, oder wie Nelson Mandela, der in Südafrika gegen die Apartheid kämpfte. Nicht im Traum hätte ich mir jedoch vorstellen können, dass ich einst als Volontärin beim Beobachter über mein Jugendtagebuch schreiben würde. Oder dass mich als Geschichtsstudentin verstaubte Akten faszinieren könnten. Dabei war meine Teenie-Aktion eigentlich ein klares Omen: Wer verwahrt schon bewusst sein Tagebuch, damit er zehn Jahre danach Gedankengänge aus vergangenen Zeiten ausgraben kann?

© Beobachter Ausgabe 11 vom 26. Mai 2000 - Alle Rechte vorbehalten

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