Tagebuch: Wie viel Offenheit erträgt die Welt?
Ueli Zindel über digitale Geheimnisse.
«Wir sind jung, die Welt ist offen » Mein Primarlehrer liebte den Gesang. Kaum hatte Herr Meier das Schulzimmer betreten und seinen hellbraunen Mantel an den Haken gehängt, sass er auch schon am Klavier und lachte uns an. «Wir sind jung, die Welt ist offen » Wie alle meine Gspäändli sang ich kräftig mit.
An meinem letzten Geburtstag erinnerte ich mich wieder an dieses Lied. In meinem elektronischen Briefkasten fanden sich nämlich zahlreiche Glückwünsche überreicht von Personen und Firmen, die mir auch nicht im Entferntesten bekannt waren. Arglos, wie ich bin, muss ich irgendeinem Händler via Internet persönliche Daten preisgegeben haben. Wie viel Offenheit erträgt die Welt?
Oh, ich weiss: Es gibt ärgerlichere Vorkommnisse. Da werden im Kanton Neuenburg etwa Krankengeschichten mit intimen Daten im Netz herumgereicht; unzählige Anwälte sind der irrigen Meinung, eine E-Mail halte sich per se an ihre Schweigepflicht; eine Schweizer Grossbank gewährte zehn Tage lang Einblick in allerlei private Daten. Der Mensch hat Anspruch auf einen Bereich, der dem Blick der Öffentlichkeit entzogen ist. Haben meine unbekannten Gratulanten diese Sphäre verletzt? Auf wie vielen Datenbanken bin ich registriert? Keine Ahnung. Stimmen die dort gespeicherten Angaben? Keine Ahnung. Wie viele dieser Datenbanken sind miteinander vernetzt? Keine Ahnung! Hätte ich als durchschnittlicher Bürger eine Chance, dies je zu erfahren? Sie teilen wohl meine Ahnung: nein.
Wie viel Offenheit erträgt die Welt? Die Frage ist müssig. Das Informatikzeitalter ist jetzt einfach da, und zwar global, und es lässt sich so wenig rückgängig machen wie der Fall der Berliner Mauer, der uns alle ja so verbunden hat. Nein, ich habe nichts zu verbergen. Die Frage stellt sich nur: Was fangen andere mit meiner Offenheit an im Verborgenen, notabene? Die Richter sind überfordert. Das Internet sprengt nationale Gesetze.
Zum Glück gibt es noch Dinge, die sich von selbst regeln: Börsenkurse zum Beispiel.
Missbraucht eine Firma die Daten ihrer Kunden, stürzen deren Aktien umgehend ab. Wo der Ruf beschädigt ist, disponieren die Investoren um. Der Dow-Jones-Index springt für den Richter in die Bresche, und wir können allesamt beruhigt sein.
In fünf, zehn Jahren wird sich ohnehin niemand mehr für die Privatsphäre interessieren, weder für seine eigene noch für die des andern. Dies jedenfalls verkündete kürzlich ein junger Soziologe. Herrliche Perspektive! Wird innerhalb von wenigen Jahren hinfällig, was über Jahrhunderte als zentrale Errungenschaft galt: das Private?
Häppchenweise tragen wir unsere Gewohnheiten zu Markte. Häppchenweise bindet das Netz uns aneinander. Und häppchenweise werden wir zu digitalisierten Nutzbarkeiten ohne zu wissen, in wessen Händen wir sind. Ist dies der Sieg der Offenheit der Welt? Mein Geheimnis, dachte ich, sei ein Teil meiner Würde. Ich werde mich von dieser Sicht der Dinge verabschieden müssen. Unangenehme Zustände werden dann erträglich, wenn man sie akzeptiert. Ich bin, Unbekannter, dein offenes Buch und du bist mein Spiegel.
Okay, ich gebs ja zu: Alles nur halb so schlimm. So fürchterlich unterscheiden wir uns nicht voneinander. Was ein bisschen stören kann, ist lediglich dies: dass mein Nachbar demnächst weiss, wie frappant ähnlich wir uns sind.
© Beobachter Ausgabe 9 vom 27. Apr 2001 - Alle Rechte vorbehalten









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