Tagebuch: Wie viele Farben braucht der Kosovokrieg?
Ueli Zindel über mentale und digitale Speicher
Mark besitzt seit sechs Jahren denselben Computer – eine Occasion. Nein, ein Freund der Technik war er nie. Er lebt nach dem Grundsatz: Was funktioniert, braucht nicht ersetzt zu werden. Recht hat er. Schliesslich ist er Historiker.
Nur: Als ich einmal beiläufig erwähnte, dass an seinem Gerät auch CD-ROMs angeschlossen werden könnten, war sein Ehrgeiz geweckt. Von den kleinen Scheiben mit dem grossen Speichervermögen hatte er öfters gehört – aber leider noch keine gesehen.
Er bat mich inständig, das notwendige Zusatzgerät doch möglichst bald mitzubringen. Eine CD-ROM – seine erste – hatte er sich bereits beschafft.
Es war mir sehr peinlich. Ich hatte Mark nämlich zu viel versprochen. Die Meldung: «You need 256 colours – Sie brauchen 256 Farben» war alles, was auf seinem kleinen Schwarzweissbildschirm zu sehen war.
Dann kamen wir auf andere Fragen. Die CD-ROM, die Mark sich hätte ansehen wollen, war nämlich eine Dokumentation des Holocaust. Ist unsere Technik schon so kompliziert, dass sie das grösste Verbrechen an der Menschlichkeit nicht mehr fassen kann? «You need 256 colours!» Mark fiel in ein tonloses Lachen.
Die Bibliothek meines Freundes ist enorm. Sein Bad ist der einzige Raum, in dem sich kein Büchergestell befindet. Marks Fingerspitzen finden in fast jedem Buch die gesuchte Stelle – und dies innert kürzester Frist. Mark ist mein kulturelles Gedächtnis, meine geschichtliche Anlaufstelle, mein universales Lexikon. Der Inhalt seiner Bücher aber hätte Platz in einem staubkorngrossen Chip.
Die Zukunft gehört dem elektronischen Speicher. Dies bestreitet selbst Mark nicht. Täglich werden Unmengen von Daten digitalisiert. Einen Grossteil des Wissbaren erreichen wir per Computer. Doch wie lange halten sich die Formate, die heute noch Standard sind? Eine Gewähr für deren Lesbarkeit gibt es nicht. Der Aufwand, dereinst das passende Gerät zu finden, ist wohl schon bald enorm.
Mark holt sich ein Bier – und wird zusehends feuriger. Seinen Beruf versteht er als Verpflichtung: zu erfassen und zu ordnen, was auf dieser Welt geschah. Verächtlich zeigt er auf meinen Laptop. «Wie viele Farben verlangt demnächst der Kosovokrieg? Zweihundertsechsundfünfzig? Tausendundeine?» Kleinlaut packe ich mein CD-Laufwerk wieder ein.
So wie ich Mark kenne, wird er sich keinen neuen Computer kaufen. Von der Geschwindigkeit hat er nie viel gehalten. Möglicherweise hat ihn mein heutiger Besuch darin noch bestärkt. So vieles geht so schnell – und noch mehr geht vergessen. Marks Frage aber ist ernst: Was geschieht mit unseren Erinnerungshilfen? Beschleunigt die digitale Welt das Vergessen? Ganz einfach darum, weil «alte» Zeugnisse nicht mehr lesbar sind? Bereits heute gibt es über fünfzig Videoformate. Werden sie zu Opfern des Films, der «Zukunft» heisst? Wer ist der Nutzniesser? Worin besteht der Profit?
Marks Haus steht weitab von der Bushaltestelle. Beidseitig des Weges liegen flache Felder. Geborgen unter der Schädeldecke, im Rahmen seiner Möglichkeiten, arbeitet mein persönlicher Speicher. Am Horizont leuchten die Lichter der Stadt.
© Beobachter Ausgabe 2 vom 21. Jan 2000 - Alle Rechte vorbehalten









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