Tagebuch: Zähneknirschen hinter dem Maulkorb
Thomas Angeli über Zitierverbote und Selbstzensur
Noch einmal umblättern, dann ist diese Ausgabe des Beobachters Altpapier. 96 Seiten Lektüre liegen dann hinter Ihnen. Alles, was die Redaktion in den vergangenen zwei Wochen beschäftigt hat, haben Sie nun erfahren.
Genauer gesagt: fast alles. Einiges, was besonders spannend wäre, schreiben wir nämlich nicht. Nicht weil sich in unseren Büros schreibfaule Zyniker herumtreiben, die sich daran ergötzen, was sie den Leserinnen und Lesern vorenthalten haben. Im Gegenteil: Wir wollen schreiben, und zwar spannend und ungeschminkt. Aber manchmal dürfen wir nicht.
Die Krux beginnt bereits beim Recherchegespräch: «Guten Tag Herr Vonarburg. Ich schreibe an einem Artikel über die tödlichen Nebenwirkungen von Blutegeln. Sie besitzen ja eine Zucht. Mit welcher Blutgruppe füttern Sie die Tierchen eigentlich?» Stille am andern Ende der Leitung, dann beginnt Herr Vonarburg zu erzählen. Ich schreibe wacker mit, erfahre aber bloss, was ich sonst schon weiss. «Da ist noch etwas…», sagt Herr Vonarburg plötzlich, und ich hauche ein interessiertestes, verständnisvollstes «Ja?» in den Hörer. «Aber das dürfen Sie auf keinen Fall schreiben!», befiehlt Vonarburg. Dann erzählt er von den schmutzigen Geschäften der Konkurrenz. Und erzählt. Und erzählt. Vor meinem geistigen Auge breitet sich schon der grosse Skandal aus. Zum Schluss jedoch folgt die Bekräftigung: «Aber wie gesagt: Das dürfen Sie auf keinen Fall schreiben!» – «Aber anonym könnte man doch…», werfe ich ein, was Vonarburg mit einem «Wo denken Sie hin, der weiss doch sofort, woher Sie das haben» quittiert. Mit der Drohung, mir einen Prozess anzuhängen oder mit der Schrotflinte vorbeizukommen oder gleich beides, falls auch nur ein Wort aus diesem Gespräch an die Öffentlichkeit dringt, verabschiedet sich der Informant.
Natürlich gibt es auch liebenswürdigere Zeitgenossen. Den jovialen Pressesprecher eines Schweizer Grossunternehmens etwa: Wer an einer Pressekonferenz eine kritische Frage zu viel stellt, wird anschliessend von ihm vertrauensvoll zur Seite genommen: «Also, ich kann Ihnen dazu schon etwas mehr sagen als mein Chef, als Hintergrundinformation, ganz unter uns.» Und selbstverständlich «off the record», was so viel heisst wie: «Wehe, wenn Sie auch nur ein Sterbenswörtchen davon schreiben.»
So sitzen wir Beobachter-Schreiberlinge also tagelang vor unsern Computern, starren auf den leeren Bildschirm und zerbrechen uns den Kopf darüber, was wir schreiben dürfen. Ab und zu treffen wir uns privat und erzählen uns – natürlich immer streng vertraulich –, was wir «off the record» wieder alles erfahren haben. Dann gehen wir frischen Mutes ins Büro und schreiben das, was keiner zurückgenommen hat.
Meistens liest dann Philippe Ruedin den Text. Er ist Leiter unseres Beratungszentrums und zuständig fürs Presserecht. Mit seinen Interventionen hat er schon vielen aus der Redaktion juristischen Ärger erspart. Ausgestattet mit feinem Gespür für Ehrverletzungen, Verleumdungen und unlauteren Wettbewerb, zeigt er dann mit dem Finger auf die letzte spannende Passage im Text und meint: «So kannst du das unmöglich schreiben.»
Nun wissen Sie also, weshalb der Beobachter dieses Mal nur 96 Seiten zählt. Und wenn Sie es nicht begriffen haben, dann ist bei Ihnen… (Da hat Philippe Ruedin gesagt, das dürfe ich nun wirklich nicht schreiben.)
© Beobachter Ausgabe 12 vom 09. Jun 2000 - Alle Rechte vorbehalten









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