Trauma: Gefangen in den Bildern der erlebten Katastrophe
Luxor, Halifax, Eschede Namen, die für das Unvorstellbare stehen. In den Seelen vieler Opfer, Helfer und Hinterbliebenen lebt das blanke Entsetzen weiter. Die Psychotraumatologie kann erst in Ansätzen Hilfe bieten.

Nebenartikel
Indien, Zugsunglück: rund 500 Tote.
Saxetbach, Canyoning-Unfall: 21 Tote.
Evolène, Lawinenkatastrophe: 12 Tote.
Eschede, Zugentgleisung: 100 Tote.
Halifax, Flugzeugabsturz: 229 Tote.
Luxor, terroristisches Massaker: 58 Tote.
Die Liste der Katastrophen und des Wahnsinns liesse sich endlos fortführen (Bild: Flugshow-Unglück von Ramstein 1988). Daten, Zahlen, Fakten, die wir, mehr oder minder geschockt, zur Kenntnis nehmen. Und natürlich wird die Schuldfrage gestellt. Menschliches oder technisches Versagen? Müssig.
Entsetzliches wird sich immer zutragen – weil Menschen fehlbar bleiben, weil Naturgewalten sich nicht bändigen lassen und weil Computer immer dümmer sein werden, als die Sicherheit erlaubt.
Mögen sich Opfer und materielle Schäden noch in Zahlen fassen lassen, die seelischen Trümmerhaufen, die solche Katastrophen bei Betroffenen und Beteiligten zurücklassen, bleiben unfassbar, liegen jenseits des Vorstellbaren.
Der Horror kommt immer wieder
Traumatisierte haben das Unfassbare erlebt und sind in ihrem Selbst- und Weltverständnis zutiefst erschüttert. Sie sind Gefangene ihrer entsetzlichen Vergangenheit und durchleben die Katastrophe immer und immer wieder. Halten die Symptome über längere Zeit an, sprechen die Fachleute von einer posttraumatischen Belastungsstörung, kurz PTBS genannt. Ein Phänomen, das erst seit kurzem als Diagnose anerkannt wird.
Lange Zeit galten Uberlebende von Katastrophen in erster Linie als Gerettete und die Hinterbliebenen als gewöhnliche Trauernde. Ganz zu schweigen von der fehlenden «Hilfe für Helfer»: Einsatzleute der Polizei, der Feuerwehr oder der Armee hatten das erlebte Leid, die gehörten Schreie, die versehrten Leichen oder das Sortieren von Gliedmassen wegzustecken – weil das Verdrängen zum beruflichen Anforderungsprofil gehörte.
Psychologische Betreuung, Nachsorge und Supervision wurden jahrelang vernachlässigt. Bestes Beispiel für die fatalen Folgen dieser Unterlassung liefert die Tragödie von Ramstein. Vor genau elf Jahren explodierte bei einer Flugshow ein abgestürzter Jet der italienischen Kunstflugstaffel in der Zuschauermenge: 70 Menschen starben, über 1000 wurden zum Teil schwer verletzt.
Helfer berichteten von rennenden menschlichen Fackeln, von einem Vater, der – selber in Flammen stehend – sein kerosinbespritztes Kind zu löschen versuchte, von einer Frau, die aus der Bewusstlosigkeit erwachte und sich inmitten von verkohlten Leichen fand, weil sie alle im herrschenden Chaos für tot gehalten hatten.
Spätfolgen lang bagatellisiert
Heute gelten solche Erlebnisse als «höchstmögliche seelische Erschütterung». Ramstein aber geschah, als psychologische Spätfolgen noch kollektiv verleugnet oder zumindest bagatellisiert wurden. Ramstein-Opfer wissen es besser: Noch heute treffen sich Angehörige, Traumatisierte und geschockte Katastrophenhelfer regelmässig in einer Selbsthilfegruppe, um über das zu reden, was nie hätte passieren dürfen.
Vom sechsköpfigen Feuerwehrzug, der damals im Einsatz stand, sind nur noch zwei dabei. Einer hat sich erhängt, drei haben gekündigt und einer leidet an schwersten posttraumatischen Störungen.
Die meisten Traumaopfer haben eine schockartige seelische Verletzung erlitten: Krieg, Folter, Unfälle, Gewaltakte.
Die «Katastrophe» kann aber auch eine höchst persönliche sein: der plötzliche Tod eines Angehörigen etwa, eine bedrohliche Krankheit oder Entwurzelung. Rund 25 Prozent der Traumatisierten entwickeln eine posttraumatische Belastungsstörung (PTBS). Die Symptome werden chronisch. Körper und Seele befinden sich in einem dauernden Alarmzustand.
Die Patienten leiden unter Panikzuständen, Wutausbrüchen und sind übermässig schreckempfindlich. Typisches Merkmal sind die so genannten Flashbacks: Im Kopf wird der Katastrophenfilm immer und immer wieder abgespult. Die schrecklichen Bilder lassen sich weder löschen noch aushalten. Und die Einzigartigkeit des Erlebten macht die Opfer oft zu Aussenseitern der Gesellschaft.
Als Paradebeispiel gelten die verstörten Vietnam-Veteranen, die sich nach der Rückkehr nicht mehr in die Gesellschaft integrieren liessen. Ihr jahrelanges, diffuses Leiden brachte die wissenschaftliche Erforschung des PTBS ins Rollen.
© Beobachter Ausgabe 17 vom 20. Aug 1999 - Alle Rechte vorbehalten









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