Wahl der Wohnlage: Damit das Traumhaus nicht zum Albtraum wird

Text:
  • Reto Westermann
Ausgabe:
9/00

Beim Immobilienkauf achten viele primär auf Preis und Leistung – und übersehen die Bedeutung des Standorts. Doch wo freundliche Nachbarn, gute Verkehrswege oder Kulturangebote fehlen, wird man einen voreiligen Kauf rasch bereuen.

Tagelang waren Oberholzers auf Besichtigungstour. Schliesslich haben sie die richtige Wohnung gefunden und kaufen ab Plan: drei Zimmer, Terrasse und Garage, alles zusammen für 395 000 Franken. Auch die ländliche Lage passt ihnen. «Hier haben wir unsere Ruhe», denken sich Oberholzers.

Zehn Monate später können sie einziehen. Die Wohnung gefällt auch in natura, doch die Ernüchterung folgt schnell: Die Gemeinde muss sparen und streicht die Busfahrten am Wochenende. Und der Nachbar entpuppt sich als fleissig übender Musiker. Schon bald bereuen Oberholzers ihren Kauf.

Mit solchen Problemen schlägt sich die Beratungsstelle des Hausvereins Schweiz in Bern häufig herum: «Viele Käufer überlegen zu wenig, welche Auswirkungen ein neuer Wohnort auf ihr Leben und ihren Alltag haben kann», stellt Geschäftsführer Luzius Theiler fest. Meist landen die Haus- und Wohnungsbesitzer aber zu spät in der Beratungsstelle – sie haben bereits gekauft.

Die beste Lösung wäre oft ein Wiederverkauf. Doch der ist immer mit Umtrieben und oft auch mit Verlusten verbunden. Wer Wohneigentum erworben hat, ist zu einem gewissen Grad daran gebunden. Deshalb darf man sich bei der Auswahl nicht nur von den Preisen leiten lassen, sondern muss detaillierte Abklärungen machen. Man sollte sich bewusst sein, dass der Immobilienkauf oft die teuerste Anschaffung im Leben ist. Deshalb geht es darum, das Objekt an dem Ort zu finden, wo es einem wohl ist – heute, und in den nächsten Jahren.

Es genügt nicht, nur das Haus samt Umschwung zu besichtigen oder sich vom Verkäufer alles am Modell erklären zu lassen. Auch die nähere Umgebung, die Nachbarschaft, das Quartier und die Gemeinde müssen genau unter die Lupe genommen werden. Dabei sollte folgende Regel beachtet werden: an die Zukunft denken!

Das gilt besonders für Käufer mit Kindern. Ein Haus, das Platz für Eltern und Nachwuchs bietet, passt sicher für die erste Zeit. Doch schon einige Jahre später kann es zu einem Hindernis werden. Was tun, wenn ein weiteres Kind dazu kommt, wenn man zu Hause ein Büro einrichten möchte, oder wenn die Ehe in die Brüche geht?

Ideal sind multifunktionale Häuser
«Je flexibler die Wohnräume sind, desto besser lassen sie sich verschiedenen Lebenssitutationen anpassen», sagt Susanne Gysi, Leiterin des Wohnforums der ETH Zürich. Flexibilität bedeutet im einzelnen:

  • Alle Zimmer, egal ob darin gewohnt, geschlafen oder gearbeitet wird, sind gleich gross und erlauben verschiedene Möblierungen.
  • Trennwände zwischen Zimmern sollten aus leichten Materialien, wie etwa Gipsplatten bestehen. Sie können später problemlos entfernt oder angepasst werden.
  • Einfamilienhäuser sollten so konstruiert sein, dass eine Unterteilung in zwei Wohnungen möglich ist.

In der Realität sind massive Wände und unterschiedlich grosse Zimmer aber weit verbreitet. Dass es auch anders geht, zeigen zum Beispiel die Wohnungen im «Wohnpark Balance» in Wallisellen oder in der «Wohnfabrik I» im bernischen Toffen. Dort können die Käufer nach eigenem Gusto unterteilen und später jederzeit wieder verändern.

Ob das eigene Wunschhaus genügend flexibel ist, können Laien nur schwer erkennen. Der Rat von Fachleuten, etwa von einer Architektin, lohnt sich. Gemessen an einem Kaufpreis von 500 000 Franken oder mehr sind die wenigen Hunderternötli Honorar gut investiertes Geld.

Genauso wichtig wie das Haus oder die Wohnung ist die Umgebung: Wie steht es mit Sonne und Lärm? Wer das Objekt mehrmals besichtigt, und zwar nicht nur bei schönem Wetter am Wochenende, sondern auch bei Regen und unter der Woche, erhält darüber Klarheit. Fachleute empfehlen auch Besuche nach dem Eindunkeln. Erst dann merkt man, ob etwa der Weg von der Bushaltestelle nach Hause für Frauen, Kinder und ältere Leute problemlos alleine zu begehen ist.

Prüfen Sie auch die Nachbarn
Schwieriger zu überprüfen sind die künftigen Nachbarn. Wohnen sie bereits dort, kann man einfach klingeln und den Kontakt suchen. Existiert die Siedlung aber erst auf dem Plan, ist man auf Auskünfte des Verkäufers angewiesen. Deshalb ist es angebracht, Informationsveranstaltungen der Verkaufsfirma zu besuchen. Dort trifft man auf andere Interessenten und spürt, ob auch Leute mit derselben Wellenlänge darunter sind.

Dabei kann man ebenfalls herausfinden, ob noch weitere Kinder im Alter der eigenen in der Siedlung wohnen werden. Denn in einem solchen Fall ist ein tolerantes Klima gegenüber dem Nachwuchs meist garantiert.

Einen genauen Blick ist auch die weitere Umgebung wert. Gibt es Einkaufsmöglichkeiten, gute Verkehrsverbindungen, Schulen und kulturelle Angebote? Vor allem abseits der Zentren gilt es die Vor- und Nachteile genau abzuwägen. «Ich sehe öfters frustrierte Leute, die aufs Land gezogen sind – und schon kurze Zeit später wieder zurück in die Stadt wollen», sagt Luzius Theiler vom Hausverein. Freunde und Verwandte seien plötzlich weit weg, ein zweites Auto werde nötig, abends erreiche man zu Fuss höchstens noch den Stammtisch im örtlichen «Bären». Fahrpläne, Veranstaltungskalender und Strassenkarten gehören deshalb vor jedem Liegenschaftskauf zur Pflichtlektüre.

Hat man sich erst einmal ein Bild über die aktuelle Situation verschafft, sollte man ebenfalls genügend weit in die Zukunft schauen: Bringt der öffentliche Verkehr die Kinder in zehn Jahren auch ins Gymnasium oder in die Berufsschule? Wieviel Freizeit verbringt man als Pendler im Zug oder im Auto? Susanne Gysi vom Wohnforum empfiehlt, die Kosten für die Mobilität gleich in die monatliche Belastung des neuen Hauses einzurechnen. Denn: Abos und Fahrkosten fürs Auto können ins gute Geld gehen und lassen die preiswerte Wohnung auf dem Land plötzlich in einem anderem Licht erscheinen.

Auf keinen Fall überstürzt kaufen
Checklisten und Berater sind hilfreich bei der Suche nach dem Traumhaus ohne Makel. Es lohnt sich aber auch, Freunde zur Besichtigung mitzunehmen. Im Zweifelsfall gilt: Lieber einmal mehr hinfahren, als beim grössten Kauf des Lebens daneben zu greifen. Die Angst, jemand könnte einem das Objekt wegschnappen, ist beim heutigen grossen Angebot auf dem Markt unbegründet.

Denn so viele Interessenten, wie einem die Verkäufer häufig weismachen wollen, gibt es pro Haus oder Wohnung oft nicht. Deshalb gilt: Lassen sie sich auf keinen Fall zu einem vorschnellen Kauf drängen.

© Beobachter Ausgabe 9 vom 28. Apr 2000 - Alle Rechte vorbehalten

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