Zigaretten: Jugendaktion mit viel Schall und Rauch
Tabakindustrie und Handel verzichten freiwillig auf den Verkauf von Zigaretten an unter 16-Jährige. Doch die Kampagne ist unter Gesundheitsexperten höchst umstritten. Und ein Misserfolg, wie ein Beobachter-Test zeigt.

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Chris Henderson ist 12-jährig. Und das sieht man ihm an: durchschnittliche Grösse, kein Stimmbruch, kein Bartwuchs. Zigaretten kann er aber problemlos kaufen. «Sind die für dich?», will die Verkäuferin im Volg-Laden zwar wissen. Doch ein kurzes «Ja – eh – nein, für meine Mutter» genügt bereits, und Chris erhält sein Päckchen Marlboro. In fünf von sechs Anläufen kommt der Bub ans Ziel.
Das dürfte nicht sein. Seit Ende Oktober läuft eine gemeinsame Aktion von Handel und Zigarettenindustrie. Das Motto: «Verkauf von Zigaretten nicht an unter 16-Jährige – OK?». Zur breit angelegten Kampagne gehören Plakate für die Verkaufsstellen, Zeitungsinserate, Informationsbroschüren, Aufkleber für Zigarettenautomaten sowie Handzettel für Jugendliche und Eltern. Beim Start versicherte Edgar Oehler, Präsident der Vereinigung der Zigarettenindustrie: «Wir wollen nicht, dass Jugendliche rauchen.»
Bloss ein Werbegag? Oder mehr? Der Beobachter wollte es genau wissen und schickte vier Jugendliche im Alter zwischen 12 und 15 Jahren auf Zigaretten-Einkaufstour – im Raum Uster, in Zürich, in Basel und im aargauischen Birr-Lupfig. Getestet wurden nur Händler, die bei der Aktion ausdrücklich mitmachen: Kiosk AG, Epa, Volg, Pick Pay, Primo/Visavis, Spar und verschiedene Tankstellen. Das Resultat ist ernüchternd:
- In 21 von 27 Versuchen erhielten die Kinder die verlangten Zigaretten.
- In 17 Fällen wurden die Zigaretten ohne Nachfrage verkauft. Viermal genügte die Ausrede, die Zigaretten seien für die Eltern bestimmt.
- Zweimal wurde der Verkauf kommentarlos verweigert.
- Zweimal sagten die Verkäuferinnen, die Eltern sollen die Zigaretten selber holen.
- Einmal wurde der Verkauf erst nach der Frage nach einem Ausweis verweigert.
- Nur eine Verkäuferin lehnte den Verkauf mit dem Hinweis auf die Aktion ab.
Armes Personal an der Front
Nicht überrascht vom Resultat ist Verena El Fehri, Leiterin der Arbeitsgemeinschaft Tabakprävention (AT): «Ohne gesetzliches Verbot ist der Verkaufsverzicht für das Personal an der Front wenig motivierend.» Tatsächlich geraten die Verkäuferinnen zwischen Hammer und Amboss. Sie müssen den oft unangenehmen Dialog mit den Jugendlichen führen – nicht die Strategen der Kampagne. Und Angestellte der Verkaufsstellen sind am Umsatz beteiligt, zum Beispiel bei der Kiosk AG.
Deshalb reagiert das Personal zum Teil hilflos – auch beim Beobachter-Test. «Aber du weisst, dass wir eigentlich nicht an Jugendliche verkaufen dürfen?», so eine Basler Kioskfrau zum 13-jährigen Tester. Und sackte das Geld für die Zigaretten ein.
«Enttäuscht» über das Testresultat zeigt sich Hans Hess, Präsident der Vereinigung des Tabakwarenhandels. Paffende Kinder auf dem Pausenplatz seien nicht im Interesse des Handels, versichert der Obwaldner FDP-Ständerat. Seine Vereinigung verfolge «lautere und faire Absichten». Aber: «Wir werden nicht derart viel Geld und Aufwand in eine Kampagne stecken, die nichts bringt», sagt Hess und kündigt eine schnelle Analyse von Kosten und Nutzen an. Immerhin geht die Übung ins Geld: Rund 500000 Franken sind veranschlagt.
Von einem raschen Abbruch will der Aktionspartner indes nichts wissen. «Die Kampagne hat erst begonnen», sagt Edgar Oehler. Bis das Personal in den 20000 bis 30000 Verkaufsstellen informiert sei, brauche es etwas Zeit. Und er interpretiert das Resultat des Beobachter-Tests andersrum: Sechs Kaufversuche seien erfolglos geblieben. «Immerhin», meint Oehler, «das ist ein Anfang.»
Die Diagnose ist unbestritten: Jugendliche greifen immer früher und immer häufiger zur Zigarette. Mitte der achtziger Jahre rauchte jeder siebte 15-Jährige regelmässig – inzwischen jeder vierte. Dies zeigt eine breit angelegte Schülerbefragung aus dem Jahr 1998.
Weit auseinander gehen die Meinungen bei der Therapie. Mit dem Verkaufsverzicht wolle sie Kindern «den Zugang zu Zigaretten erschweren» und die «Suchtprävention unterstützen», versichert die Tabaklobby. «Nichts, rein gar nichts» halte er von der Kampagne, sagt dagegen Christoph Junker vom Institut für Sozial- und Präventivmedizin der Uni Bern. «Damit schiebt die Tabakindustrie den schwarzen Peter auf die Kioskinhaber.» Zudem sei die Botschaft «Rauchen ist Sache der Erwachsenen» kontraproduktiv. «Das Rauchen wird so für Jugendliche erst recht zu einem interessanten Ding», sagt Junker. Würde es die Branche ernst meinen, «müsste man alle Zigarettenautomaten entfernen».
Keiner traut den Initianten
Ob Präventivmediziner, Gesundheitsbeamte oder Tabakgegner – niemand traut den Vätern der Kampagne über den Weg. Der Verkaufsverzicht sei eine reine Imagekampagne, heisst es überall. «Zigarettenfirmen eignen sich nicht als Partner für eine Kampage», postuliert die Arbeitsgemeinschaft Tabakprävention. «Umfassende Aktionen werden von der Tabakindustrie entweder ignoriert oder aktiv bekämpft», sagt AT-Leiterin Verena El Fehri. «Umfassend», das heisst höhere Tabaksteuern, deutlichere Warnungen auf Zigarettenpackungen, Werbeverbote, rauchfreie Arbeitsplätze sowie Ausstiegshilfen für Raucher. Und dazu gehören auch Präventionsstrategien wie etwa die Tagung «Smoking out» für Lehrkräfte Anfang November in Luzern.
Als Indiz für die wahren Ziele der Hersteller gilt die Werbung. Hier arbeite die Branche mit «Vorbildern der Jugendlichen wie Rennfahrern, Schauspielerinnen und Rockstars», kritisiert die AT. Laut englischen Studien rauchen jugendliche Formel-1-Fans häufiger als jene, die sich für Rennsport nicht interessieren. Motorsport ist ein beliebtes Umfeld der Tabakwerbung. Aktuelle Sujets in der Schweizer Werbung sind eine ausgelassene Tanzparty oder ein muskulöser Surfer.
Bei Kindern bestens bekannt ist auch das Camel-Kamel. 68 von 100 Kindern im Alter von 11 bis 12 Jahren erkennen auch in einem verfremdeten Inserat die Zigarettenmarke Camel – am kuschelig-witzigen Kamel. Zu diesem Resultat kommt eine Untersuchung bei 550 Kindern in Langenthal. Unter 16 Marken wurden nur Nivea und der Glacestängel Magnum noch besser erkannt. «Ein verhängnisvolles Resultat», meint Studienleiter Theodor Abelin, Chef des Instituts für Sozial- und Präventivmedizin der Universität Bern. «Die Zigarettenwerbung wird bereits von 11-jährigen Kindern wahrgenommen und macht das Rauchen in ihrer Sicht der Welt zu einem Alltagsbegleiter», sagt Abelin. Das sei «für ein schwer gesundheitsschädliches Suchtmittel unhaltbar».
Vor diesem Hintergrund erscheint die Kampagne der Hersteller und Händler als Farce. Edgar Oehler wehrt sich: «In Grönland rauchen viel mehr Kinder als bei uns, und dort gibt es weniger Tabakwerbung.» Und überhaupt: «Machen wir nichts, werden wir kritisiert – unternehmen wir etwas, ist es auch falsch.»
Tatsache ist: Der freiwillige Verkaufsverzicht ist auch im Handel nicht allen geheuer. So machen Denner und Coop bei der Kampagne nicht mit. «Unser Personal wäre mit der zusätzlichen Aufgabe überfordert», sagt Denner-Generalsekretär Lukas Brühwiler. Und Coop? Der Grossverteiler will in den nächsten Monaten selber eine Aktion starten – allein, aber mit dem gleichen Ziel. Ein gemeinsames Programm mit der Zigarettenindustrie erachtet Coop als «nicht glaubwürdig».
© Beobachter Ausgabe 24 vom 24. Nov 2000 - Alle Rechte vorbehalten









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