Patientenverfügung Mein letzter Wille geschehe

Patientenverfügung: Mein letzter Wille geschehe

Wer nach einem Unfall im Koma liegt, hat keinerlei Gewähr, dass sein Wille bei den medizinischen Behandlungen berücksichtigt wird. Mit einer schriftlichen Verfügung sollte man in gesunden Tagen vorsorgen.

Als der Patient ins Spital eingeliefert wird, ist er bewusstlos. Sein Zustand ist kritisch. Die behandelnden Ärzte wissen nicht, ob er es schaffen wird. Seine Lebenspartnerin macht die Ärzte darauf aufmerksam, dass er einmal gesagt habe, er wolle nicht um jeden Preis am Leben gehalten werden, wenn ihm etwas Schlimmes zustosse. Die herbeigeeilten Eltern des Patienten sind allerdings anderer Meinung. Sie verlangen von den Ärzten, alle lebenserhaltenden medizinischen Massnahmen auszuschöpfen. Ein wüster Streit zwischen Eltern und Lebenspartnerin entsteht. Die Nerven aller Beteiligten liegen blank.

 

Die Szene ist erfunden, aber alltäglich.

 

Solche Situationen können vermieden werden, wenn in einer Patientenverfügung festgehalten wurde, wie in einem solchen Fall vorzugehen sei. «Es kommt häufig vor, dass Angehörige unterschiedlicher Meinung sind über die Weiterführung oder den Abbruch lebenserhaltender Massnahmen», sagt Daniel Scheidegger, Chefarzt Anästhesie des Universitätsspitals Basel. Mit einer Patientenverfügung wäre die ohnehin belastende Situation für alle Beteiligten einfacher gewesen.

Mit dieser Verfügung kann man in gesunden Tagen schriftlich für den Fall vorsorgen, dass man einmal nicht mehr in der Lage sein könnte, eigene Wünsche zu äussern. Zum Beispiel wenn man nach einem Unfall im Koma liegt, einen Hirnschlag erlitten hat oder wegen krankheitsbedingter Schmerzen unfähig ist, einen klaren Gedanken zu fassen. Die Patientenverfügung richtet sich in erster Linie an die behandelnden Ärzte. Sie erleichtert ihnen und den Angehörigen, schwierige Entscheide in schwierigen Momenten zu treffen. Angehörige werden entlastet, weil sie nicht um die Frage ringen müssen: «Was hätte die Verunfallte wohl gewollt?»

Die Verfügung enthält Anordnungen über die medizinische Betreuung: Lebensverlängernde Massnahmen sind ebenso zu thematisieren wie die Entbindung vom Arztgeheimnis. Allenfalls ist darin auch eine Vollmacht für die engsten Bezugspersonen für wichtige medizinische Entscheide zu erteilen. Sie enthält zudem Wünsche des künftigen Patienten über Sterbebegleitung und Sterbeort. In der Verfügung steht auch, ob der Patient Untersuchungen zu Forschungszwecken, eine Organspende oder Obduktion zulässt.

Die Patientenverfügung muss klar formuliert und aktuell sein. Jeder Mensch ändert seine Haltung zum Leben, zu Krankheit und Tod im Lauf der Jahre. Deshalb sollte jede Person ihre Patientenverfügung mindestens alle zwei Jahre überdenken und allenfalls ändern oder bestätigen. Denn je kürzer die Unterzeichnung der Patientenverfügung zurückliegt, desto eher kann der Arzt davon ausgehen, dass sie den Willen des Patienten noch immer richtig zum Ausdruck bringt.

Rätselraten über Patientenwillen
Die Patientenverfügung ist für Ärzte und Angehörige rechtsverbindlich. Der Arzt muss sie ausnahmsweise nicht befolgen, wenn der Patient zur Zeit der Abfassung nicht urteilsfähig war oder wenn Anhaltspunkte bestehen, dass er inzwischen die Meinung geändert hat. Auch wenn Ungesetzliches wie zum Beispiel aktive Sterbehilfe verlangt wird, ist die Verfügung nicht verbindlich.

Ohne Patientenverfügung sieht sich der Arzt nicht selten vor die schwierige Aufgabe gestellt, über Leben oder Tod eines urteilsunfähigen Patienten, den er von früheren Behandlungen nicht kennt, zu entscheiden. Daneben ist für ihn oft ungewiss, welcher der Angehörigen dem Patienten wohl am nächsten steht. Oft sind weittragende Entscheide zu fällen. Diese können bis zur Frage gehen, ob «sinnlose» lebenserhaltende Massnahmen weiterzuführen sind oder nicht. Der Arzt trägt zwar immer nach den Regeln der ärztlichen Kunst die volle Verantwortung für den Behandlungsentscheid. Er entscheidet allein, hat aber als Hüter des Selbstbestimmungsrechts des Patienten zu handeln. Seinen Behandlungsentscheid muss er nach dem mutmasslichen Willen des Patienten und in dessen Interesse treffen.

Die Richtlinien der Schweizerischen Akademie der Medizinischen Wissenschaften geben dem Arzt Anhaltspunkte, wie er den mutmasslichen Willen des Patienten herausfinden kann. Wenn der Patient Lebenszeichen äussert, die auf einen gegenwärtigen Lebenswillen schliessen lassen, sind diese entscheidend. Ist ein Wiedererstarken des Lebenswillens vorauszusehen, ist eine solche Aussicht für das ärztliche Vorgehen massgebend. Fehlt es an solchen Anzeichen, dienen frühere Äusserungen des Patienten, Angaben von Angehörigen und eine allenfalls vorhandene Patientenverfügung des Patienten selber als Orientierungshilfen. «Wir Ärzte sind froh um eine vorhandene Patientenverfügung. Denn auch im Ärzteteam ist man sich nicht immer einig über die Weiterführung lebenserhaltender Massnahmen», so der Basler Chefarzt Daniel Scheidegger.

Patientenverfügung: Das ist zu beachten

 

Patientenverfügung selber verfassen:

  • Besprechen Sie den Text mit Ihrer Hausärztin und einer anderen Vertrauensperson.

  • Lassen Sie Ihre Unterschrift auf der Patientenverfügung notariell beglaubigen.

  • Übergeben Sie Ihrer Hausärztin und Ihrer Vertrauensperson je eine Kopie Ihrer Patientenverfügung.

  • Machen Sie in Ihrem Portemonnaie einen Vermerk mit einem Hinweis auf Ihre Patientenverfügung und den Adressen der Kontaktpersonen.

  • Überdenken und aktualisieren Sie Ihre Patientenverfügung alle zwei Jahre. Gleich bleibende Verfügungen unterzeichnen und datieren Sie jeweils neu.

  • Reden Sie mit Ihren Angehörigen über Ihre Patientenverfügung. Das erlaubt es der Familie, sich emotional damit auseinander zu setzen. So ist sie auch für den Ernstfall vorbereitet.

 

Vorgedruckte Patientenverfügungen sind bei diesen Organisationen erhältlich:

Text:
  • Alexandra Gavriilidis
Bild:
  • Thinkstock Kollektion
25. November 2004, Beobachter 24/2004