Rosa Bolliger
«Wir Jenischen finden immer wieder zueinander»
Das Hilfswerk «Kinder der Landstrasse» hatte Rosa Bolliger-Moser alle fünf Kinder weggenommen. Nun traf die 99-Jährige erstmals ihre Enkelin.
Eines Tages im letzten Sommer – an das genaue Datum erinnere ich mich nicht mehr – klopfte plötzlich jemand an die Tür meines Zimmers. Ich lag im Bett, richtete mich auf. Dann trat eine Frau herein, die ich nicht kannte. Ich fragte: «Wer bist du?», und sie antwortete: «Ich bin die Margrit, dein Grosskind!» Sie setzte sich neben mich, nahm meine Hand – und wie wir uns in die Augen schauten, hatte ich das Gefühl, sie längst zu kennen. Ich habe immer gewusst, dass ich irgendwo noch ein Grosskind habe. Aber ich musste 98 Jahre alt werden, bis wir uns endlich gefunden hatten.
Von unserer Familie haben sich so viele aus den Augen verloren, weil wir Jenische sind und die Pro Juventute mit ihrem Hilfswerk «Kinder der Landstrasse» hinter uns her war. Das Hilfswerk nahm uns die Kinder weg, brachte sie zu Pflegefamilien oder steckte sie in Heime. Ich selber wurde 1905 geboren und kam als Vierjährige in eine Bauernfamilie. Man sagte mir, ich sei Waise und hätte keine Eltern und keine Geschwister. Dabei hatte ich zwei Brüder und zwei Schwestern. Jedes wurde an einen anderen Ort gebracht.
Ein Testament brachte alles ans Licht
Nachdem wir etwas miteinander geplaudert hatten, gingen Margrit und ich in die Cafeteria hier im Heim. Ich hatte grosse Freude, endlich wieder ein Mitglied unserer Familie bei mir zu haben. Margrit erzählte mir, wie sie mich gefunden hatte. Als ihr Bruder, den sie nicht gekannt hatte, starb, erhielt sie ein Testament. Darauf standen die Adressen von weiteren Verwandten. Sie telefonierte diesen Leuten, und man sagte ihr, sie habe noch ein Grosi: die Rosa im Blindenheim Horw.
Margrit sei völlig überrascht gewesen, als sie von mir erfuhr. Drei, vier Wochen lang habe sie sich nicht entscheiden können, ob sie sich bei mir melden solle oder nicht. Sie hatte Angst, dass nach so vielen Jahren alles wieder hochkommen würde. Ausserdem misstraut sie allem, was von den Ämtern kommt, sogar dem Testament des eigenen Bruders. Das geht allen Jenischen so, die mit dem Hilfswerk zu tun hatten. Und trotzdem hat man uns das Jenische nicht austreiben können; irgendwie finden wir immer wieder zueinander.
Ich selber wusste auch nicht recht, ob ich mich mit Margrit noch anfreunden würde. Ich sagte ihr, wir könnten den Kontakt auch abbrechen, falls ihr das lieber sei. Doch dann haben wir uns so gut unterhalten, und sie hat mir Briefe und Karten geschickt; sie ist jetzt eine von uns geworden. Wir waren uns eigentlich sofort sehr vertraut. Von ihrer eigenen Familie hat Margrit niemanden mehr. Ich bin die Einzige ihrer leiblichen Angehörigen, die sie noch lebend getroffen hat.
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Es brauchte viele Jahre, bis ich meine Kinder wiedergefunden hatte; wir hatten einfach nie aufgehört, uns zu suchen. Heute leben nur noch meine Töchter Klara und Emma. Zum Glück wohnt Emma ganz in der Nähe und besucht mich fast jeden Tag. Mit Klara aber haben wir fast keinen Kontakt mehr – die Vergangenheit hat so vieles kaputtgemacht.
Margrit wurde 1947 geboren. Als sie etwa fünf Jahre alt war, wurde sie vom Seraphischen Liebeswerk ins Kinderheim versorgt. Das Liebeswerk arbeitete mit der Pro Juventute zusammen. Die Schwestern sagten Margrit, sie sei ein Waisenkind.
Später ist Margrit von einer Bauernfamilie adoptiert worden. Erst kürzlich, als ihre Pflegemutter ins Altersheim kam und sie das Haus räumte, entdeckte Margrit im Schreibtisch ihrer Adoptiveltern die Akten über ihre Kindheit. Da war ihr plötzlich klar, dass sie sehr wohl eine eigene Familie gehabt hatte.
Ihre Wege kreuzten sich bereits früher
In der Cafeteria tranken wir ein Glas und erzählten uns dieses und jenes. Margrit sagte, sie erinnere sich noch gut daran, dass in der Nähe ihres früheren Wohnorts häufig Zigeunerwagen Halt gemacht hätten. Sie beschrieb den Ort – und da merkte ich: Das muss unsere Sippe gewesen sein! Von unserer Familie hatten einige immer genau dort ihren Standplatz. Wir waren uns also schon damals nahe gekommen, ohne etwas voneinander zu wissen.
Als es langsam spät wurde, brachte mich Margrit wieder hoch ins Zimmer. Noch am selben Abend rief ich sie an; ich wollte mich für den Besuch bedanken und schauen, ob sie gut nach Hause gekommen sei. Sie sagte, auch ihr habe der Besuch gut getan. Nur habe sie ihren Schirm bei mir vergessen. Als ich sie fragte, ob ich ihr den Schirm vielleicht schicken solle, meinte Margrit lediglich: Nein, das sei nicht nötig, denn sie komme mich sowieso bald wieder besuchen.
© Beobachter Ausgabe 10 vom 13. Mai 2004 - Alle Rechte vorbehalten








