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Pro Juventute

«Das berührt eigenartig»

Text:
  • Beat Grossrieder
Bild:
  • Privat  
Ausgabe:
23/11

Indem Pro Juventute im Jubiläumsjahr das Thema «Kinder 
der Landstrasse» an den Rand drängt, wird eine wichtige Chance 
für die Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte vertan, 
findet der Zürcher Historiker Thomas Meier.

Thomas Meier ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Historischen Seminar der Universität Zürich sowie Geschäftsführer der BLG Beratungsstelle für Landesgeschichte. Zusammen mit der Historikerin Sara Galle hat er das Projekt «Aktenführung und Stigmatisierung. Institutionelle Ausschlussprozesse am Beispiel der Aktion ‹Kinder der Landstrasse› 1926–1973» im Rahmen des Nationalen Forschungsprogramms NFP 51 durchgeführt.

Beobachter: «Kinder der Landstrasse» – 
kann die breite Bevölkerung damit noch 
etwas anfangen?
Thomas Meier: Thomas Meier: Nein, leider nicht. Kürzlich habe ich an einer Übung an unserem 
Seminar die Frage gestellt, wer über die Aktion «Kinder der Landstrasse» Bescheid wisse. Von 20 Geschichtsstudierenden wusste spontan nur eine einzige Person, was damit gemeint ist. Das hat mich erschreckt. Offenbar ist das «Hilfswerk» nicht Teil der Allgemeinbildung und auch kein öffentliches Thema mehr.

Beobachter: Umso grösser wäre der Bedarf nach Information. Doch im 
Jubiläumsprogramm zu 100 
Jahren Pro Juventute fehlen die Jenischen. Ein Versäumnis?
Meier: Ich finde schon. Es gehört 
eigentlich zur Identität einer solchen Stiftung, dass sie zu ihrer Geschichte steht. An der Expo.02 etwa erhielten die Fahrenden 
eine Plattform für ihre Anliegen. Dass jetzt ausgerechnet Pro Juventute in ihrem Jubeljahr dieses Thema praktisch aussparen will, berührt doch eigenartig.

Beobachter: Auch auf ihrer Homepage blendet Pro Juventute das «Hilfswerk» praktisch aus, in der Chronik erscheinen nur drei versteckte Sätze dazu. Ist das angemessen?
Meier: Das ist eine Rumpfversion, die ich ziemlich penibel finde. Es wäre das absolute Minimum gewesen, dass man die Termine «1926» als Start- und «1973» als Endpunkt des «Hilfswerks» aufgeführt hätte, so wie die Historikerin Sara Galle das angeregt hatte. Dass jetzt nur ein Vermerk unter der Jahreszahl «1926» erscheint, deutet darauf hin, dass man das Thema marginalisieren will.

Beobachter: Texte von Experten, in denen die «Hilfswerk»-Vergangenheit korrekt dargestellt war, 
verschwanden exakt zum Start der Jubiläums­feiern wieder von der Homepage. Zufall?
Meier: Das kann ich nicht beurteilen. Jedenfalls hat Pro-Juventute-Direktor Stephan Oetiker betont, man wolle keine Geschichtsklitterung betreiben. Wir bekamen aber den Eindruck, dass die Stiftung nicht willens oder überfordert war. Wir wollten Pro Juventute unterstützen – sie hat eine wichtige Chance vertan.

Beobachter: Pro Juventute nennt die Aktion in ihren 
Infomedien «eine unrühmliche Massnahme 
im Auftrag des Bundes» beziehungsweise 
«im Auftrag der Vormundschaftsbehörden». 
Wie kommt das bei Ihnen an?
Meier: Das ist nicht richtig! Natürlich haben das «Hilfswerk» und sein Leiter Alfred Siegfried formell im Auftrag von Vormundschaftsbehörden gehandelt. Aber Siegfried hat sich vehement dafür eingesetzt, möglichst viele Mündel zu erhalten. Es war also eher umgekehrt: Das «Hilfswerk» hat die Behörden richtiggehend gedrängt, jenischen Eltern das Sorgerecht zu entziehen. Dafür gibt es 
in den Akten genügend Belege. Und von einer «unrühmlichen Massnahme» zu sprechen ist schlichtweg schönfärberisch. Auch ging der Auftrag nicht vom Bund aus – die Eidgenossenschaft hat sich lediglich mit Subventionen beteiligt.

Beobachter: Die höchste Leitung der Pro Juventute hat sich erst 1998 bei den Opfern entschuldigt. Sollte man jetzt, im Jubiläumsjahr, nochmals ein Zeichen setzen?
Meier: Was spricht dagegen? Man kann doch sagen, dass man es bedauert – das kostet nichts. Pro Juventute ist eine Institution mit einer Geschichte, und als solche hat sie auch eine Verantwortung.

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© Beobachter Ausgabe 23 vom 10. Nov 2011 - Alle Rechte vorbehalten

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