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Verdingkind

Erika Benz wurde mit 19 Jahren zwangssterilisiert

Text:
  • Otto Hostettler
  •  und Dominique Strebel
Bild:
  • Stephan Rappo
Ausgabe:
21/11

Der Vormund versprach Erika Benz einen Ausflug. Doch er fuhr sie in die psychiatrische Klinik.

Erika Benz, 58, arbeitet als Reinigungskraft. Sie ist verheiratet, lebt in St. Gallen und fordert eine Rehabilitierung der Zwangssterilisierten. Bis heute geht ihr ihr abgetriebenes Kind nicht aus dem Kopf. Es wäre heute 38 Jahre alt.

«Mit 19 wurde ich unfruchtbar gemacht. Das war 1972.

Aufgewachsen war ich mehrheitlich 
bei einer Tante, der Grossmutter und in Pflegefamilien. Mein Vater war Alkoholiker und verprügelte meine Mutter. Mit 17 
wurde ich selber Mutter. Der Vater meiner Tochter machte sich aus dem Staub, als sie noch ein Baby war. Um für unseren 
Lebensunterhalt aufzukommen, füllte ich in einem Laden Regale auf. Etwa zwei Jahre später verliebte ich mich erneut – und wurde wieder schwanger.

Irgendwie erfuhr mein Vormund 
davon, vermutlich erzählte es ihm meine Chefin. Und so versprach er mir einen 
Ausflug mit dem Auto. Endlich mal etwas Schönes, dachte ich. Doch er fuhr mich 
in die Psychiatrische Klinik Wil. Offenbar, um mich als ledige Mutter psychiatrisch abzuklären. Ich verstand überhaupt nicht, worum es eigentlich ging.

Einige Wochen später holte mich der Vormund wieder ab. Er sagte, ich müsse zu einer Untersuchung ins Kantonsspital St. Gallen. Aber es war eine abgekartete Sache. Er lieferte mich am Abend ab, ich erhielt eine Beruhigungsspritze. Am Morgen wurde ich auf einem Schragen in den Operationsraum gebracht.

Ein Arzt erkundigte sich, ob ich wisse, was für einen Eingriff er nun vornehmen werde. Ich wusste es nicht. Der Arzt verliess den Raum, wahrscheinlich rief er den Vormund an. Kurz darauf kam er wieder, das Prozedere nahm seinen Lauf.

Als ich aufwachte, wusste ich noch 
immer nicht, was passiert war. Eine 
stämmige Schwester bemerkte hämisch: ‹Sie haben es ja so gewollt.› Erst dann dämmerte es mir. Ich weiss bis heute nicht, wer den Eingriff angeordnet hat.

Im Arztzeugnis, das ich im Geschäft 
abgeben musste, hiess es, ich sei ‹wegen 
Unterleibsstörungen› krankgeschrieben. Diese Begründung macht mich noch 
heute wütend. Sie haben mir mein Kind weg­genommen und mich unterbunden, 
sterilisiert, wie man so schön sagt. Und das nannten sie ‹Unterleibsstörungen›!»

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© Beobachter Ausgabe 21 vom 12. Okt 2011 - Alle Rechte vorbehalten

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