iHomeLab Leben im Alter

«Fünf Jahre voraus»: Gebäude des iHomeLab auf dem Gelände der Hochschule Luzern.
James, der virtuelle Assistent: So identifiziert er Menschen.
«Technisch ist das alles schon heute machbar»: Alexander Klapproth (sitzend), Leiter des iHomeLab und Rolf Kistler, AAL-Forschungsleiter.
Pausenlose Überwachung zum Wohl des Menschen: Puppe Anna und ihr Maxi-Tablet im Labor in Luzern.
Alexander Klapproth
Rolf Kistler

An der Hochschule Luzern tüftelt man an Technologien, die das ­Leben im Alter erleichtern ­können. Wo Menschen fehlen, soll künstliche Intelligenz ­einspringen.

Anna hat auf ihrem Maxi-Tablet eine ihrer geliebten Patiencen gelegt, nun hat sie Lust auf ein Glas Milch. Auf dem Weg in die Küche passiert es: Der 86-Jährigen wird schwindlig, sie stürzt. Am Boden liegend, verliert sie das Bewusstsein. «Alles in ­Ordnung, Anna?», fragt James besorgt. Als ­Anna nach zehn Sekunden nicht antwortet, wird James aktiv. Er schickt eine SMS an Lukas, Annas Sohn in New York.

«Anna ist gestürzt», liest Lukas auf dem Display seines Smartphones, das er immer zur Hand hat, selbst wenn er wie jetzt in ­einer Besprechung ist. Lukas drückt den Link zur Webcam und sieht seine Mutter am Boden liegen. Ohne zu zögern, wählt er den zweiten Link an. 6324 Kilo­meter entfernt alarmiert James den Notruf.

73 Sekunden später ist eine Ambulanz des Kantonsspitals Luzern auf dem Weg zu Annas Wohnung. Die Rettungssanitäterin studiert auf einem Monitor Annas Kran­ken­akte, die ihr die Zentrale übermittelt hat: Annas letzter Spitalaufenthalt, Krankheiten, regelmässige Medikamente et cetera. Minuten später klingeln die Helfer an der Wohnungstür. James öffnet.

Während die Rettungssanitäterin Anna in den Sessel hilft – die ­alte Dame ist mit blauen Flecken davon­gekommen –, hält sich James im Hintergrund. Er ist schliesslich nur der Butler. Ein virtueller Butler, der als ausgeklügeltes Sensorsystem in Annas Wohnung steckt.

Science-Fiction? Nein. Wir befinden uns im iHomeLab der Hochschule Luzern, Denkfabrik und Forschungszentrum für intelligente Gebäude. Hier arbeiten Wissenschaftler zusammen mit Industriepartnern an neuen Technologien, um das Leben ­älterer Menschen zu vereinfachen, die selbständig wohnen. Es geht um «um­gebungsunterstütztes Leben» (Ambient-Assisted ­Living, kurz: AAL).

Anna ist nur eine Puppe. Und ihr Sturz im Wohnzimmer ist eine Geschichte, die man für die Besucher inszeniert. Doch iHomeLab-Leiter Alexander Klapproth sagt: «Technisch ist das alles schon heute machbar.» Ambient-Assisted Living hat zum Ziel, die Autonomie von Menschen im Alter unaufdringlich zu unterstützen. Es soll ihnen ermöglichen, länger in den eigenen vier Wänden zu leben – umgeben von einem unsichtbaren Netz smarter Dinge, die ihre Gesundheit überwachen und in tückischen Lebenslagen einspringen.

Der Begleiter, der tut, was man wünscht

Was das heisst, kann man im iHomeLab ­erleben. Von einem fremden Stern scheint das Gebäude auf der grünen Wiese des Hochschulcampus gelandet zu sein, eine Mischung aus Ufo, iPhone und einem ­quaderförmigen Gehirn. Auf der Stirnseite lugt eine schwarze Linse. «Es ist das Auge von HAL», erklärt Alexander Klapproth. HAL 9000 ist der berühmte Supercomputer aus Stanley Kubricks Film «2001: A Space Odyssey», der an Bord des Raumschiffs ­zusehends menschliche – und zerstöre­rische – Züge annimmt.

Der virtuelle Assistent James im iHomeLab ist dagegen absolut freundlich und zu 100 Prozent berechenbar: Über ­eine App gesteuert, öffnet er Besuchern ­bereitwillig die Türen.

Hinter diesen erstreckt sich ein futuristischer Innenraum, für dessen Gestaltung sich die Luzerner von Kubricks Science-Fiction-Klassiker haben inspirieren lassen.

 

Die «künstliche Intelligenz» aber ist nirgends sichtbar, die Technik nirgends greifbar. Sie offenbart sich Besuchern erst, wenn sie ihre Wünsche signalisieren. Man will die Lampe einschalten oder das Licht etwas dimmen? Eine Wischbewegung mit dem Arm genügt – ein Programm, das Individuen anhand ihres Körperbaus identifiziert, machts möglich. Oder wünscht sich der Bewohner, Verdis Oper «La Traviata», die er abends im Wohnzimmer aufgelegt hat, im Schlafzimmer zu Ende zu hören? Nichts einfacher als das – die Wiedergabe wandert mit ihm von Raum zu Raum und von Monitor zu Monitor.

Und da ist James, der allzeit bereite Butler. Er hilft, wo er kann.

James denkt mit und kocht Kaffee

Morgens braut er, noch bevor sich Anna aus dem Bett bewegt, einen Kaffee. In der Waschküche schlägt er vor, die Wäsche dann zu waschen, wenn der Strom am billigsten ist. Und wenn Anna nach dem ­Kochen die Herdplatte nicht ausschaltet, warnt er die alte Dame mit dem ihm einprogrammierten britischen Humor. Selbst Stürze kann er mit der Zeit ­vo­raussehen: Weil er darauf programmiert ist, Annas Gangmuster zu erkennen, erfasst er selbst geringste Abweichungen. James fängt nicht nur Stürze auf und wendet ­kleinere Ka­tastrophen ab – er gibt auch ­An­reize und macht Vorschläge. Für Anna, bei der die Ärzte Anzeichen einer beginnenden Demenz festgestellt haben, ist James unentbehrlich geworden.

Hinter James steckt ein Netz aus Sensoren und Programmen, das die Ingenieure der Hochschule Luzern entwickelt und im iHomeLab eingebaut haben. Mit zwei ihrer Kreationen haben die Luzerner bereits ­internationale Preise eingeheimst (siehe «Smarte Dinge für den Alltag»).

«Das Haus wird zum Partner»

Die grösste Knacknuss sei aber der Mensch, sagt AAL-Forschungsleiter Rolf Kistler. «Es gibt fast nichts Schwierigeres, als mit Werkzeugen der Informatik so ­etwas Unvorhersehbares wie menschliches Verhalten nachzubilden.»

Doch von alldem merkt der Bewohner, die Bewohnerin nichts. Die Philosophie von AAL ist, mit ­einem «Minimum an Hardware das Maximum herauszuholen». Kein technischer Schnickschnack, sondern elegante, ein­fache Funktionalität; keine Armada von Knöpfen und Geräten, sondern eine universale Bedienung, die intuitiv zu hand­haben ist. «Das Haus wird so zum Partner», sagt iHomeLab-Leiter Klapproth. Sofern alles reibungslos funktioniert. Natürlich ist das alles nicht kostenlos zu ­haben. Schon heute sind Systeme auf dem Markt, mit denen man sein Haus «smart» machen kann.

Einfache «Insellösungen» gibt es bereits für wenige tausend Franken, wenn man die Rollläden motorisieren will. Wenn man aber auch die Alarmanlage, die Fenster und die Heizung steuern und Multi­media-, IT-Systeme sowie Haushaltgeräte einbinden will, wird es teurer: rund 50000 Franken, dahinterliegende Services nicht ein­gerechnet. Der Trend gehe eher in Richtung von Aboverträgen, sagt iHome­Lab-Forscher Dieter von Arx. So schrecken die hohen Kosten des Einbaus potenzielle Käufer weniger stark ab.

Technologie kompensiert den Mangel an Pflegekräften

Unbestritten ist das Bedürfnis nach ­Systemen für «umgebungsunterstütztes Leben». In allen Industriestaaten zeichnet sich ein Mangel an Hausärzten und Pflegepersonal ab. AAL erscheint deshalb als ­logische Lösung. Doch die Realität ist deutlich komplizierter. Wird Ambient-Assisted Living von älteren Menschen tatsächlich akzeptiert? «Die Technik wäre im Grunde bereit, eine Vielzahl von Problemen gerade in der Pflegearbeit zu lösen. Doch menschliche Verhaltensweisen und Gewohnheiten hinken dieser Entwicklung hinterher», sagt Karin Frick, Leiterin Forschung am Gottlieb-Duttweiler-Institut (GDI).

 

Pflegefachkräfte beobachten den Trend erst recht mit gemischten Gefühlen. «Wir sind der Meinung, dass Ambient-Assisted Living grosses Potenzial haben kann, das Leben alter Menschen selbständiger und mobiler zu gestalten. Es fördert aber die ­fatale Tendenz, den pflegeabhängigen Menschen auf seine körperliche Existenz zu reduzieren», meinen Heidi Petry und ­Andrea Koppitz, Pflegewissenschaftlerinnen an der Zürcher Hochschule für An­gewandte Wissen­schaften.

Was Technologie nicht leisten kann

Von Robotern oder virtuellen Assistenten sei kein Gefühl, keine Reaktion auf die ­Befindlichkeit, kein passendes Wort und ­keine situationsangepasste Geste zu er­warten. «Je hilfeabhängiger ein Mensch ist, desto wichtiger ist es aber für sein Wohl­befinden, von seinem Gegenüber wirklich verstanden zu werden», sind sich Petry und ­Koppitz einig. Das könne Technologie niemals leisten.

Etwas anders sieht das Iren Bischofberger, Prorektorin der Kalaidos Fachhochschule Gesundheit in Zürich. AAL biete verschiedenste Möglichkeiten, die Pflegearbeit zu erleichtern und Angehörigen ­einen Teil der Bürde abzunehmen.

«Eine automatische Bettauflage etwa, die bei bettlägerigen Menschen durch ­regelmässiges, sanftes Bewegen das Risiko von Wundliegen verringert, ist nichts Unmenschliches», sagt die Pflege- und Gesundheitswissenschaftlerin. «Solche Innovationen verringern den Pflege­aufwand, fördern die Schlafqualität der Betroffenen und entlasten die Angehörigen.»

Iren Bischofberger findet es jedoch wichtig, dass Pflegeprofis stärker als bislang in die Produktentwicklung eingebunden werden. «Humane» Anliegen der ­Gesundheitsfachleute und die Antworten der Technik müssten stärker verschränkt werden. Das iHomeLab hat deshalb vor kurzem seine männlich geprägte Welt der Ingenieure um eine Ärztin bereichert.

Pflegehilfen «werden sich durchsetzen»

Zukunftsträchtig ist AAL auch, weil mit den Babyboomern eine Generation ins Alter kommt, die technischen Gadgets deutlich positiver gegenübersteht. Schon heute gehören Spielkonsolen und Fitnessgeräte zur Grundausstattung von Seniorenzentren, Wi-Fi beziehungsweise WLAN sind bald selbstverständlich, E-Reader ersetzen zunehmend Bücher und Tablets Fotoalben. Auch Pflegeroboter erscheinen nicht mehr so futuristisch.

In der letztjährigen Studie des GDI zum Alter meinte die 83-jährige Zürcher Unternehmerin Rosmarie Michel: «Ich benutze seit vier Wochen einen Roboter-Staubsauger. Das Gerät ist etwas sehr Angenehmes. Es spornt mich an, mich mit der Technik auseinanderzusetzen, seine Funktionen zu verstehen, zwischendurch ‹redet› es sogar mit mir. Ich kann mir gut vorstellen, dass sich solche automatisierten Hilfen auch in der Pflege immer mehr durchsetzen werden. Sie werden irgendwann ganz selbstverständlich zu unserem Lebensstandard dazugehören.» Willkommen, James!

Autor:
  • Irène Dietschi
Bild:
  • Herbert Zimmermann
17. Oktober 2014, Beobachter 21/2014

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