Denkzettel Nr. 12

Struwwelpeter und Suppenkaspar

Text:
  • Helmut Stalder
Ausgabe:
14/09

Das erfolgreichste Erziehungsbuch aller Zeiten, «Struwwelpeter», wurde in rund 100 Sprachen und Dialekte übersetzt, verfilmt, vertont, adaptiert und parodiert. Zum 200. Geburtstag des Autors Heinrich Hoffmann ­erscheint es neu mit Zeichnun­gen von 1858 und als Comic.

Magersucht: Suppenkaspar, 1845

Hoffmann hatte als Nervenarzt in Frankfurt einen scharfen Blick für kindliche Fehlentwicklungen: Der verwahrloste Struwwelpeter, die zeuselnde Pauline, der leichtsinnige Robert, Hans Guckindieluft, Tierquäler Friedrich und Daumenlutscher Konrad sind Prototypen der Erziehung. Und einige Figuren zeigen Störungen, für die die Psychiatrie heute Namen hat. Zappelphilipp leidet am Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom, Suppenkaspar an Anorexie. Darauf gründet der Erfolg des Buchs: Es setzt Erziehungsfälle ins Bild, mit denen Eltern weltweit seit je konfrontiert sind.

Überholt ist Hoffmanns Pädagogik. Sie basiert auf Einschüchterung: Die Kinder verhungern, verbrennen, ertrinken, werden verspottet und um ihre Daumen gebracht. Da irritiert das Pseudonym, das Hoffmann anfangs benutzte: Reimerich Kinderlieb.

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© Beobachter Ausgabe 14 vom 08. Jul 2009 - Alle Rechte vorbehalten

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