Denkzettel Nr. 20
Vom Genie bis zum «Kretin»
Die Volksschule steckt seit je im Dilemma: Sie muss sich an alle richten – aber nicht alle Kinder sind gleich leistungsfähig.

Schulentlassung um 1920
Was tun, wenn vom Genie bis zum Gegenteil alle in der Schulbank sitzen? Man versuchte, die Klassen zu homogenisieren. «Schwach- und Blödsinnige» galten um 1850 als nicht bildungsfähig: Um die «Kretins» sollten sich private Institutionen kümmern.
Das änderte sich um 1900. Nun wurden Sonderklassen für «Schwachbefähigte», Blinde, Taubstumme und Verwahrloste eingerichtet. Dies nützte den Regelklassen und erlaubte die gezielte Förderung der Schwachen. 100 Jahre lang verfeinerte man das Angebot, um jedem Einzelnen gerecht zu werden.
Jetzt schwingt das Pendel zurück. «Integrieren statt separieren», heisst es nun. Sonderklassen werden aufgelöst und «Problemkinder» in Regelklassen betreut. Eltern «normaler» Kinder fürchten ums Niveau. Aber die Pädagogen versichern, gemeinsames Lernen nütze allen. Und man will die Stigmatisierung abbauen und einem Gleichheitsideal näher kommen. Aber das Dilemma bleibt: Klugheit ist nun mal ungleich verteilt.
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© Beobachter Ausgabe 22 vom 29. Okt 2009 - Alle Rechte vorbehalten
