Denkzettel Nr. 5
Priesterinnen der Häuslichkeit
Seit längerem ist in der Bildung von der «Bubenkrise» die Rede. Fachleute stellen fest, dass die Knaben teils leistungsmässig hinter die Mädchen zurückfallen. Nun wird erwogen, sie zeitweise getrennt zu unterrichten.
Bis um etwa 1850 drückten Mädchen und Knaben gemeinsam die Bank – weil die Schulstuben nichts anderes zuliessen. Mit dem Erstarken der bürgerlichen Gesellschaft verfestigten sich jedoch die Geschlechterrollen. So hielt der Zürcher Erziehungsdirektor Heinrich Ernst 1909 fest, Mädchen sollten zu ihrem «natürlichen Beruf» geführt werden, nämlich «Mütter, Erzieherinnen und Priesterinnen im Tempel der Häuslichkeit zu sein». Sie hatten Handarbeits- und Hauswirtschaftsunterricht und generell weniger Stunden. Knaben lernten Werken – und Algebra, wichtig fürs Gymnasium. Erst in den neunziger Jahren wurde die Trennung überwunden.
Heute ist das Argument für getrennte Lektionen nicht das Rollenbild, sondern die Lernpsychologie. Jungen und Mädchen lernen anders – wenn die Schule dies ermöglicht, sind sie gleichermassen erfolgreich.
© Beobachter Ausgabe 7 vom 01. Apr 2009 - Alle Rechte vorbehalten

