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Christine Egerszegi

«Vielleicht trauen wir uns zu wenig»

Text:
  • Gian Signorell
Bild:
  • www.christine-egerszegi.ch
Ausgabe:
19/07

Sie brauchte Mut, um zu ihrer körperlichen Beeinträchtigung zu stehen. Und als der iranische Botschafter kam. Und als sie Elisabeth Kopp einlud. Am 21. September ist Christine Egerszegi Gastrednerin beim Prix Courage 2007 des Beobachters.

(Bild: www.christine-egerszegi.ch)

Beobachter: Sind Sie mutig?
Christine Egerszegi: Ich würde mich nicht als mutig bezeichnen. Jedenfalls würde ich mich nicht eignen als Stunt-Woman.

Beobachter: Warum?
Egerszegi: Ich hätte zu viel Respekt vor den körperlichen Herausforderungen.

Beobachter: Man kann aber auch im Geiste mutig sein.
Egerszegi: Dort habe ich mehr zu bieten. Man muss unterscheiden zwischen Mut und Zivilcourage. Mut ist auch ein Drauflosstürmen, ohne links und rechts zu schauen. Zivilcourage ist eher verbunden mit Gradlinigkeit, mit Durchhaltevermögen in der eigenen Meinung für eine Person oder Sache.

 

Beobachter: Gibt es in Ihrer Karriere als FDP-Politikerin einen Erfolg, auf den Sie besonders stolz sind, weil er ohne Mut nicht zustande gekommen wäre?
Egerszegi: Ja, die erste BVG-Revision, als wir die Lebensversicherer zu mehr Transparenz gezwungen haben. Ich war Präsidentin der BVG-Subkommission und hatte es in meiner Partei nicht ganz einfach, weil einige der Mitglieder eng mit der Versicherungsbranche verbunden waren.

Beobachter: Hatten Sie deswegen je Probleme?
Egerszegi: Als ich vor vier Jahren parteiintern für den Bundesrat kandidierte, sprach meine Haltung für viele Parteikolleginnen und -kollegen gegen eine Kandidatur.

Beobachter: Haben Sie Ihr Handeln bereut?
Egerszegi: Nein, rückblickend bin ich stolz, durchgehalten zu haben. Umso mehr, als Transparenz bei einigen Versicherern jetzt sogar zum Marketing-Argument wird.

Beobachter: Waren Sie ein mutiges Kind?
Egerszegi: Ich hatte mit sechs Jahren Kinderlähmung und war bis in die zweite Klasse auf Hilfe angewiesen. Körperlicher Mut war deshalb von vornherein ausgeschlossen.

Beobachter: Brauchte es Mut, mit dieser Diagnose umzugehen?
Egerszegi: Es dauerte eine ganze Weile, bis ich darüber reden konnte. Ich war über 40, bis ich das nicht mehr verdrängte und einen körperlichen nicht als generellen Mangel empfand. Ich war ganz neu im Nationalrat und lief mit einem Kollegen über den Steinboden, als er mich fragte, ob ich denn hinke. Da habe ich zum ersten Mal gesagt: Ja, es stimmt, ich hinke!

Beobachter: Brauchte auch der Empfang des iranischen Botschafters im letzten Winter Mut? Schliesslich hatte er angekündigt, er würde Ihnen weder die Hand geben noch Sie anschauen.
Egerszegi: Ja, so waren seine Bedingungen. Handschlag oder Blickkontakt mit einer Frau würden ihn entwürdigen. Meine erste Reaktion war: so nicht. Um diplomatische Probleme zu vermeiden, akzeptierte ich schliesslich. Danach habe ich mit dem kuwaitischen Botschafter alle Botschafter aus islamischen Ländern zu einem Arbeitsessen eingeladen. Meine Mitarbeiter waren nicht so begeistert. Sie meinten, das sei unüblich.

 

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Beobachter: Ein Arbeitsessen?
Egerszegi: Ja. Ich habe vor den versammelten islamischen Botschaftern dargelegt, dass in der Schweiz die Menschenrechte nicht einfach von einer anderen kulturellen Tradition ausser Kraft gesetzt werden können. Ich habe versucht zu erklären, dass die Verfassung an oberster Stelle steht und die Religionsfreiheit abgewogen werden muss gegen andere Freiheiten, Meinungsfreiheit, Redefreiheit.

Beobachter: Kam die Botschaft an?
Egerszegi: Ja, ich denke schon. Im religiösen Rahmen neigen wir dazu, alles unter den Mantel des gegenseitigen Verständnisses zu tun. Aber es gibt Bereiche, wo man eine Haltung vertreten muss.

Beobachter: Fehlt hier manchen Schweizerinnen und Schweizern der Mut?
Egerszegi: Vielleicht trauen wir uns zu wenig, Unterschiede zu benennen. Das beinhaltet ja keine Wertung, sondern schafft die Grundlage zu einem besseren Zusammenleben.

Beobachter: Für viele war Ihr gemeinsamer Gang aufs Rütli am 1. August mit Micheline Calmy-Rey eine mutige Tat.
Egerszegi: Nein, das brauchte keinen Mut. Ich treffe mich regelmässig mit Calmy-Rey. Wir hatten schon vor eineinhalb Jahren beschlossen, dass wir den 1. August gemeinsam verbringen möchten.

Beobachter: In der Innerschweiz waren nicht alle glücklich über Ihr Kommen.
Egerszegi: Entscheidend war, dass der Kanton Uri sowie Stadt und Kanton Luzern mit der Feier einverstanden waren. Gegen deren Willen hätte ich nicht teilgenommen.

Beobachter: Warum nicht?
Egerszegi: Die Feier wäre dann illegal gewesen. In der Rolle der Parlamentspräsidentin sehe ich mich nicht eine offizielle Bundesfeier gegen den Willen der Kantone durchstieren.

Beobachter: Ein Mangel an Zivilcourage?
Egerszegi: Nein, das ist Achtung vor unserer Demokratie. Zivilcourage heisst für mich, dass ich mich für jemanden einsetze. Hier aber ging es nur um mich selber.

Beobachter: Sie haben sich auch für Elisabeth Kopp eingesetzt.
Egerszegi: Ja, ich habe sie an die Feier zur Wahl als Nationalratspräsidentin mit allen Ehren einer ehemaligen Bundesrätin eingeladen. Und ich habe bei der Premiere des Films «Elisabeth Kopp - eine Winterreise» eine einführende Rede gehalten. Der Film hat mich erschüttert. Wie jemand hochgejubelt, dann wie ein Kaninchen gepackt und fallengelassen wird.

Beobachter: Elisabeth Kopp war in Politikerkreisen lange geächtet. Dass sich jemand so entschieden auf ihre Seite stellt, ist ungewöhnlich.
Egerszegi: Das ist Ausdruck einer gewissen Haltung. Vielleicht hatten gewisse Leute Angst, gemeinsam mit einer Person gesehen zu werden, der die Aura von Misserfolg anhaftet. Elisabeth Kopp aber war nachweislich eine gute Justizministerin. Ich bin nicht bereit, die Gesamtleistung zu ignorieren, weil sie einen Fehler gemacht hat.

Beobachter: Ist jemand, der nicht so mutig ist, ein schlechterer Mensch?
Egerszegi: Nein, nicht von vornherein. Wenn jemand keinen Mut oder keine Kraft - geistige oder körperliche - hat, voranzuschreiten, dann kann das auch mit seinem Umfeld zu tun haben. Nur wenn man einen Ort hat, wo man Geborgenheit erfährt und unbestritten ist, kann man wirklich mutig sein.

© Beobachter Ausgabe 19 vom 12. Sep 2007 - Alle Rechte vorbehalten

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