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aktualisiert am 13. Okt 2010 12:35Prix Courage 2010

Kandidat Stefan Wittwer

Text:
  • Matieu Klee
Bild:
  • Monika Fischer/Mathias Braschler
Ausgabe:
16/10

Der 41-jährige Familienvater bewegte einen sturzbetrunkenen Autolenker in letzter Sekunde dazu, vom Bahnübergang zu fahren. Jetzt wird er zum «Ritter der Strasse» geschlagen.

Kandidat zum Ritter geschlagen

Er war der Favorit von Nationalratspräsidentin Pascale Bruderer, wie sie ihm an der diesjährigen Prix-Courage-Feier gestand: Stefan Wittwer, 41, aus Langnau im Emmental. Gewonnen hat er den Preis des Beobachters zwar nicht, doch jetzt wird er zum «Ritter der Strasse» geschlagen. Der Familienvater habe selbstlos sein eigenes Leben riskiert, als er im April einen Autofahrer vor einer Kollision mit dem Zug bewahrte, begründet die Jury ihren Entscheid. Sich so mutig zu verhalten wie Stefan Wittwer sei heute alles andere als selbstverständlich.

Wie eine Wand rast ein Zug auf Stefan Wittwer zu. Immer wieder, seit jener Nacht im April 2010: Familie Witt­wer ist auf Besuch in Thun. Es wird spä­t. Zufrieden macht man sich auf den Heimweg ins Emmental. Keiner ahnt, dass bald nichts mehr sein wird wie zuvor.

Konolfingen, Thunstrasse: Ein Auto­fahrer wartet an der geschlossenen Barriere – doch nicht vor den Schranken, sondern dazwischen. Der 41-jährige Wittwer steigt sofort aus, läuft unter der Schranke durch, reisst die Autotür auf. Der Fahrer ist sturz­betrunken. Ehefrau Karin Wittwer fleht ihren Mann an zurück­zukommen, der Zug ­werde jeden Moment auftauchen.

Aber Wittwer muss handeln, schlägt aufs Autodach und brüllt den Betrunkenen an. Jetzt endlich bewegt dieser sein Fahrzeug von den Schienen und fährt in die Schranke. Der Lebensretter bringt sich in letzter Sekunde in Sicher­heit und hält sich die Ohren zu: «Ich warte­te auf den grossen Knall. Doch es blieb still.» Der betrunkene Fahrer nutzt den Schock seines Retters und macht sich aus dem Staub.

Der Lokführer scheint nichts mitzubekommen: Ohne zu brem­sen oder zu pfeifen, fährt er vorbei. Am Übergang standen über zehn Autos. Niemand hat geholfen, und alle wollen gleich weiter. Eine einzige Zeugin wartet mit der aufgelösten Familie auf die Polizei.

Tags darauf ist Wittwer nicht mehr der Alte. Er kann sich nicht konzentrieren, muss immer wieder weinen, kann eine Zeitlang nicht arbeiten. Von der Opferhilfe­stelle hört er, er habe frei­willig gehandelt, niemand habe ihn gezwungen. Seine «Opferqualität» sei zu gering, um eine Therapie zu bezahlen. Kein Dank. Keine Anerkennung. Das nagt am meisten. Der Autofahrer wurde noch nicht gefunden. Ihm möchte Wittwer nur einmal in die Augen sehen und die Meinung sagen.

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© Beobachter Ausgabe 16 vom 05. Aug 2010 - Alle Rechte vorbehalten

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