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Prix Courage 2004

Kandidatin Karin Witzig

Text:
  • Vera Buelleron
Bild:
  • Ursula Meisser
Ausgabe:
18/04

Die Tessiner Gemüsepflanzerin nahm Flüchtlinge bei sich auf – vom Staat gibts Repressalien, aus dem Volk solidarischen Zuspruch.

(Bild: Ursula Meisser)

Polizei? Karin Witzig begreift nur sehr langsam, was vor sich geht. Es ist fünf Uhr morgens, und ihr Haus in der Magadinoebene ist umstellt. Als ob sich Terroristen darin befänden. Dabei beherbergt die Gemüsebäuerin nur eine Gruppe obdachloser Ecuadorianer, die ausgeschafft werden sollen – unter ihnen kranke Kinder. Karin Witzig schämt sich für ihr Land.

So wie damals, als sie im Dezember 2002 vor einem Einkaufszentrum mit dort musizierenden Ecuadorianern ins Gespräch kommt und von ihnen erfährt, dass sie auf dem Parkplatz leben. Karin Witzig nimmt die ganze Sippe bei sich auf – bis die Polizei einfährt. Schon bald steht eine neue Gruppe Flüchtlinge vor ihrer Tür. Nun droht der 45-jährigen «Wiederholungstäterin» Gefängnis. Das hat im Tessin eine Welle der Solidarität ausgelöst: 142 Personen haben beim Staatsrat Selbstanzeige eingereicht, weil sie ebenfalls Flüchtlingen geholfen hätten.

Mutig sei sie, sagen alle. Doch Karin Witzig wehrt ab: «Nein, ich habe mich nur geschämt. Diese Leute haben nichts, und mir steht ein ganzes Haus zur Verfügung.» Na ja, das mit dem Haus ist so eine Sache. Andere würden wohl eher von einem ausgebauten Hühnerstall sprechen. Die Küche besteht gerade mal aus zwei Kochplatten und einer Feuerstelle. Darüber befindet sich eine Art Mansarde, «wo etwa 20 Menschen schlafen können», sagt Witzig. Sie lässt offen, ob das Massenlager derzeit besetzt ist.

Schon immer hat sie nach einer anderen Lebensform gesucht als jener, bei der jeder sich selbst der Wichtigste ist. Sie wollte auch nicht den Weg ins Hotelfach gehen, den die Eltern für sie vorgesehen hatten. Sie besuchte stattdessen die Rudolf-Steiner-Schule, zog sich zurück in die Berge der Toskana, wo sie Drogensüchtigen half, clean zu werden, und bot, wann immer möglich, Bedürftigen ein Dach zum Schlafen an.

Etwas entrückt wirkt sie auch heute noch, wenn sie – ein Liedchen trällernd – im wallenden Rock durch den Gemüsegarten schlendert und es ringsum von Baulärm, Industrieanlagen und Verkehrschaos dröhnt. Aber sie weiss sehr wohl, was sie will: aufrütteln zu mehr Offenheit.

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© Beobachter Ausgabe 18 vom 02. Sep 2004 - Alle Rechte vorbehalten

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