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Prix Courage 2000

Der Sieger heisst Herbert Haag

Text:
  • Thomas Angeli
Ausgabe:
20/00

Der Prix Courage 2000 geht an Herbert Haag. Der Theologe und Publizist kämpft seit Jahrzehnten mutig gegen erstarrte kirchliche Dogmen.

Das Blitzlichtgewitter ist vorbei, die Interviews sind überstanden: Müde, aber noch immer mit einem verschmitzten Lächeln auf den Lippen schreitet Herbert Haag zum Perron. «Ich danke Ihnen herzlich für Ihre Liebenswürdigkeit», hat er sich ein paar Minuten vorher vom klatschenden Publikum im Zürcher Hauptbahnhof verabschiedet, «wenn ich je jemandem einen Dienst erweisen kann, bin ich gern für Sie da.»

 

Herbert Haag, der unerschrockene Kämpfer gegen überholte Dogmen in der katholischen Kirche, erhielt am vergangenen Samstag den Prix Courage 2000. Schon den ganzen Tag lang war in der grossen Halle des Hauptbahnhofs eifrig gerätselt und getippt worden. Wer würde von der von alt Bundesrat Otto Stich präsidierten Jury zum mutigsten Schweizer oder zur mutigsten Schweizerin des Jahres 2000 gewählt werden? Die Lehrerin Cornelia Walser, die einem ertrinkenden Kind das Leben gerettet hatte? Die Sektenkritikerin Odette Jaccard? Herbert Haag, der unbequeme Theologe? Würde die Krankenschwester Verena Karrer die 25'000 Franken Preisgeld in ihr Projekt im bürgerkriegsgeplagten Somalia stecken können? Oder würde die Auszeichnung an die Mitarbeiter der Krankenkasse KPT gehen, die sich mit einem Streik gegen die Entlassung ihrer Chefs gestellt hatten?

 

«Mut provoziert»

Den Passanten, die vor den Plakatwänden mit den Porträts der Nominierten stehen blieben, ging der Gesprächsstoff nicht so schnell aus. Und längst nicht alle waren sich einig, was Mut überhaupt sei.

 

«Mut provoziert», sagte Beobachter-Chefredaktor Ivo Bachmann in seiner Ansprache an der Galafeier. «Mut provoziert Beifall, meist aber auch Ablehnung und Kritik. Mut lässt keinen gleichgültig, er bewegt unser Denken und unser Handeln. Und er bewegt – im Kleinen wie im Grossen – unsere Welt.»

 

Beobachter-Verleger Matthias Hagemann warf in seiner Rede einen kritischen Blick auf die «Ich-Gesellschaft», in der niemand mehr Verantwortung übernehmen will. «Wenn jeder nur seinem Egoismus frönt, dann löst sich die Gemeinschaft schliesslich auf, und unser Staatswesen kollabiert.»

 

Leser fieberten live mit

Und während die Gäste im Zürcher Hauptbahnhof bei der Vorspeise über Gott und die Welt redeten, gingen vor den Grossbildschirmen in der Halle die Diskussionen weiter. «Eine gute Sache ist dieser Prix Courage», sagte eine ältere Frau und hoffte, dass «die Lebensretterin Cornelia Walser den Preis erhält».

 

Hans-Beat von Grünigen aus Saanen BE hingegen, der eigens einen Besuch in Basel abgekürzt hatte, um die Preisübergabe vor Ort mitverfolgen zu können, tippte auf Verena Karrer: «Was diese Frau in Somalia macht, verdient grosse Anerkennung.»

Dieser Meinung ist auch Annelies Humbel. Sie war extra aus Hinwil ZH angereist, um Verena Karrer zu unterstützen, und stand nun mit einer Bekannten etwas verloren vor der Grossleinwand. «Wir hatten erwartet, dass die Feier öffentlich ist. Wir hätten Frau Karrer gern persönlich alles Gute gewünscht.»

 

Kurz nach 21 Uhr war es dann endlich so weit. Jurypräsident Otto Stich öffnete das ominöse Kuvert und verkündete feierlich: «Der Prix Courage des Beobachters im Jahr 2000 wird verliehen an Herrn Herbert Haag, emeritierter Theologieprofessor in Luzern.»

 

Grosser Applaus. Vor der Bühne drängelten Fotografen und Kameraleute, als Herbert Haag die Prix-Courage-Statue und den Check entgegennahm.

 

Am Rednerpult gab der Preisträger dann die erhaltenen Lorbeeren unverzüglich weiter: «Alle hier Anwesenden haben den Preis ebenso oder mehr verdient als ich – von den Nichtanwesenden gar nicht zu reden», sagte er. «Mit Freude und Dankbarkeit» nehme er den Preis entgegen, erklärte der immer noch angriffslustige Theologe und stellte klar: «Es heisst, ich kämpfe gegen Dogmen. Doch das stimmt nur zum Teil. Ich kämpfe nur gegen Dogmen, die gar keine sind, aber als solche ausgegeben werden und das Leben unnötig erschweren. Mir geht es letztlich um die Freiheit des Menschen.» Dafür habe er auch vor Jahren die Stiftung «Freiheit in der Kirche» gegründet – und dieser Stiftung werde er auch die 25'000 Franken Preisgeld überweisen.

 

«Ein völlig richtiger Entscheid»

Und die Unterlegenen? «Es ist völlig richtig, dass sich die Jury für Herrn Haag entschieden hat», sagte Reto Wenger von der KPT-Delegation. «Er hat eindeutig mehr Zivilcourage bewiesen als wir mit unserem Streik.»

 

Traurigkeit kam auch bei Verena Karrer nicht auf. «Ich bin neidlos zufrieden mit dem Entscheid», sagte sie – und man glaubt ihr aufs Wort. «Herbert Haag hat den Preis mehr als verdient. Jemand muss sich ja wehren, bei all den Dingen, die der Papst erzählt.»

 

Der Gefeierte selber nahm den plötzlichen Rummel um seine Person gelassen hin, beantwortete geduldig Fragen von Journalistinnen und Journalisten und machte sich dann auf den Heimweg: «Ich bin schliesslich schon 85.»

 

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© Beobachter Ausgabe 20 vom 28. Sep 2000 - Alle Rechte vorbehalten

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    Prix Courage


    Seit 1997 verleiht der Beobachter den Prix Courage, den Preis für ausserordentliche, mutige Taten.

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