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Prix Courage 2003
Sternstunde des Muts
Die Gewinner des Prix Courage 2003 sind gekürt: Die Jury ehrt den Kampf gegen Filz und Mobbing, und die Leserschaft belohnt einen beherzten Rettungseinsatz.
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Tanzwettkämpfe, Schwingfeste, Handballmeisterschaften: In der Zürcher Saalsporthalle wurden schon die verschiedensten Meisterinnen und Meister gekürt. Die heutige Ehrung sprengt jedoch den üblichen Rahmen: Der Name der Disziplin lautet «Mut».
27. September 2003. Auf dem Spielfeld befinden sich 35 feierlich gedeckte Tische. 2000 weisse Kerzen flackern in den Rängen der Tribüne. Es ist kurz nach 19 Uhr. Rund 300 Gäste aus Politik, Wirtschaft, Kultur und Medien begeben sich in den weitläufigen Saal. Christian Sauter, 67, sitzt mit seiner Frau Elisabeth an Tisch Nummer zwei. Die Nervosität sei erträglich, sagt er. «Im Fussball ist die Spannung grösser. Sagen wir beim FC Zürich.» Dann: «Dies sage ich, um mich zu beruhigen.» Der emeritierte Medizinprofessor spielt selber leidenschaftlich Fussball. In seiner Mannschaft sei er «knapp der Jüngste».
19.15 Uhr. Röbi Koller begrüsst die Gäste. Auf der Leinwand wird ein Kurzfilm mit Porträts früherer Kandidatinnen und Kandidaten gezeigt. Die Favoriten dieses Jahres stehen für Christian Sauter längst fest: «Ich würde den Preis Simon Forster und Theo Egger geben. Ein Kind vor fünf Hunden zu retten, das braucht wirklich Mut.»
19.40 Uhr. 22 Spots tauchen den Raum in gedämpftes Licht. Das Kerzenmeer funkelt. Die Vorspeise wird aufgetragen: Lachsroulade, gefüllt mit Forellenmousse. «Wie geht es Ihnen jetzt, Herr Sauter?» – «Ich würde sagen, die Spannung ist wie vor einem Europameisterschafts-Ausscheidungsspiel.»
Neben der Bühne, im bläulichen Licht, steht eine Installation aus schief stehenden Zaunlatten. Das Motto des Abends lautet «Offenheit». 36 Motoren hievten 80 Scheinwerfer und 16 Lautsprecher an die Decke, 50 Personen richteten den Saal während über 30 Stunden ein. Das Gesamtgewicht der Technik: knapp 13 Tonnen. Das Material wurde von einem Sattelschlepper und zwei Transportern herbeigekarrt.
1998 entdeckte Christian Sauter, dass ein Kollege der Universität Zürich sich mit einem falschen akademischen Titel schmückte. Die Enthüllung wurde für Sauter zum Spiessrutenlauf. Zahlreiche Wissenschaftler gaben sich Sauter gegenüber empört – und schwiegen, als sie Farbe hätten bekennen sollen. Christian Sauter wurde massiv unter Druck gesetzt und schliesslich disziplinarisch bestraft. Sowohl der frühere wie auch der jetzige Universitätsrektor gehen dem Krebsspezialisten heute aus dem Weg.
Aus den Lautsprechern dringt leise Musik. «Ein bisschen Werbung für den Publikumspreis habe ich schon gemacht», sagt Sauter. So habe er zum Beispiel jene Ausgabe des Beobachters, in der die Nominierten vorgestellt wurden, bei seinem Coiffeur liegen lassen.
20.30 Uhr. Zwölf Spots erhellen die Bühne. Beobachter-Chefredaktor Balz Hosang zitiert den österreichischen Dichter Stefan Zweig: Eine «Sternstunde» sei der Moment, «wo wir zwischen Gewöhnlichkeit und Grösse, zwischen Feigheit und Mut wählen können. Für die Beobachter-Leserschaft gabs die grösste Sternstunde im dichten Nebel, in einem Unwetter, in der Schlammlawine von Schlans.»
An Tisch Nummer drei schauen sich zwei Männer ungläubig an. «Albert! Das sind jo mir!»
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Marcus Levy und Albert Pfister retteten im November 2002 in Schlans drei Menschenleben. Die beiden kennen sich seit 30 Jahren – vom Sehen. Pilot Levy flog bei einer Sichtweite von 20 Metern über das Dorf; Pfister liess sich zum ersten Mal in seinem Leben an einem Helikopter anseilen. Die beiden verständigten sich über Handzeichen. «Ich wusste, dass ich Marcus vertrauen kann», sagt Pfister auf der Bühne. Applaus. Blitzlichtgewitter. Zwei glückliche Männer.
20.40 Uhr. Auf dem Bühnensofa nehmen die Jurymitglieder des Prix Courage Platz. «Es war nicht leicht zu entscheiden», sagt die Musikerin Dodo Hug. «Die Diskussion war sehr sachlich», erklärt der Mäzen Bruno Franzen. Und die Zürcher SP-Nationalrätin Jacqueline Fehr betont: «Alle Taten waren sehr beeindruckend. Wir haben es uns nicht leicht gemacht.»
Christian Sauter hat keine Zeit mehr, ein fussballerisches Bild zu bemühen. Um 20.45 Uhr verkündet Jurypräsident Otto Stich: «Die Jury verleiht den Prix Courage des Beobachters 2003 an Herrn Professor Doktor Christian Sauter für seinen uneigennützigen Einsatz gegen Titelbetrug, Filz, Mobbing und Rechtsverweigerung an der Universität Zürich.» Sauter und seine Frau Elisabeth sitzen mit angehaltenem Atem reglos da. Otto Stich: «Eine Universitätsklinik muss als Vorbild dienen. Die Patienten müssen den Ärzten vertrauen können.»
Der Sieger empfängt den Blumenstrauss, nimmt Hellebarde und Händedruck entgegen. Wieder drängen sich Kameraleute vor der Bühne. «Ohne meine Frau hätte ich es nie geschafft», sagt der Hauptgewinner. Im Übrigen sei er daran, seine Geschichte in Form eines Buchs zu protokollieren – und rechne für jedes Kapitel mit einem Ehrverletzungsprozess. «Mit dem Preisgeld kann ich ja die Unkosten bezahlen.»
Elisabeth Sauter ist perplex. «Das hätte ich nie gedacht», sagt sie. Der Gewinner, zurück am Tisch, ergänzt: «Ich hatte mir null Chancen ausgerechnet.»
20.55 Uhr. Marcus Levy, Albert Pfister und Christian Sauter stehen zwischen Tisch zwei und drei mit ihren Weingläsern. Die drei tauschen Visitenkärtchen aus. Man vereinbart ein gemeinsames Essen.
21 Uhr. Die Spannung ist gelöst, der Saal in warmes Licht getaucht. Es ist Zeit für den Hauptgang: Entrecôte Château, gegart mit geschmorten Schalotten, dazu gemischtes Herbstgemüse und Kartoffel-Marroni-Püree.
Christian Sauter gibt Interview um Interview: geduldig, sachlich – manchmal auch mit Schalk. Auf den Nachtisch verzichtet er aus Gewohnheit: «Ich bin ein Dessertmuffel», sagt er. Die Kerzen im Saal faszinieren ihn. Sie erinnern ihn an Sterne. Das Lieblingssternbild des Hobbyastronomen ist der Schütze. Am 21. Juni 2001, während einer Sonnenfinsternis, konnte er es in Sambia, Afrika, ganz deutlich sehen. «Eine leuchtende Wolke. Unvergleichlich. Wunderbar.»
© Beobachter Ausgabe 20 vom 03. Okt 2003 - Alle Rechte vorbehalten


