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Prix Courage 2004

Was ist Mut?

Text:
  • Moritz Leuenberger
Bild:
  • art4press.ch

Rede von Bundesrat Moritz Leuenberger.

(Bild: art4press.ch)

Mut bezeichne, so lehrt mich das Wörterbuch, ursprünglich den Sinn des Lebens, ganz neutral zunächst, die Gesinnung, die Stimmung, dann positiv gewertet, der Mutige, dem Gott hilft, der Edelmut oder die Demut, aber dann auch kritisch, der Übermut, der Wagemut bis hin zum verwerflichen Mutwillen.

Die Courage kommt von coeur, vom Herzen, dem Antipoden des Verstandes.

Wenn wir uns die Taten, die für einen Preis nominiert sind, ansehen, so fällt auf, dass die Menschen, die sie vollbrachten, offensichtlich jeweils ihrem Herzen folgten und nicht eine kalkulierende Risikoanalyse darüber anstellten, ob sie mit ihrer Tat Erfolg haben würden oder nicht. So hat gewiss auch keiner der Nominierten bei seiner Tat an einen Preis für Zivilcourage gedacht, den er dann vielleicht einmal zugesprochen erhalten könnte. Er oder sie haben instinktiv gehandelt, sind einer Eingebung gefolgt, und so ist es denn auch ganz natürlich, dass jeder Preisträger findet, sein Verhalten sei doch völlig normal gewesen, er habe einfach so vorgehen müssen, seinem Gewissen folgend, ohne zweifelnd und zögernd den Verstand zu befragen. Denn der Verstand hätte wohl zu einem anderen Vorgehen geraten.

  • Der Verstand hätte wohl gesagt, wer sich in ein brennendes Auto stürze, könnte bei einer Explosion ums Leben kommen.

  • Der Verstand hätte wohl sagen müssen, es könnte schwer, wenn nicht tödlich verletzt werden, wer gegen aggressive Randalierer einschreitet.

  • Der Verstand hätte vielleicht gewarnt, es verliere die Achtung seiner Mitmenschen und würde überdies bestraft, wer „sans-papiers“ illegal beherberge.


Es ist dieser Sieg des Herzens über den Verstand, der heute gepriesen wird, symbolisch für all die vielen, die das tagtäglich bei anderen Gelegenheiten auch tun, ermunternd für all die Ängstlichen, denen der Mut im entscheidenden Moment fehlt.

Wir preisen indessen nicht jede mutige Tat, nicht einfach den Mut als solchen. Wir preisen nicht, wer ohne Helm Motorrad fährt, nicht den Raser, der von sich selber prahlt, er sei mutig. Wir sind uns einig, solcher Mut ist kriminell.

Wir bewerten nicht nur den Mut, sondern zusammen mit ihm auch die mutig angestrebte Tat.

Es gibt Kandidaten und Kandidatinnen für den heutigen Preis, deren Mut im Ergreifen einer Volksinitiative, einer Klage oder eines Rechtsmittels bestand. Das empfinden ja nicht alle immer als lobenswerten Mut. Jedenfalls ist der VCS nicht unter den Kandidaten, obwohl der manchmal ja auch Rechtsmittel ergreift. Es ist also immer auch das Ziel, das die Mutigen vor Augen hatten, das wir preisen.

In der Regel tun wir dies zudem nur, wenn dieses Ziel, hinter dem wir alle stehen, auch tatsächlich erreicht wurde. Ich weiss nicht, ob je ein Lebensretter gewürdigt wurde, dem es nicht gelang, Leben zu retten, obwohl ja auch er sowohl mutig war als auch einen guten Zweck verfolgte.

Dies ist bei der Zivilcourage als einer politischen Form des Mutes nicht anders:

Wir loben Politiker, die für ihre Überzeugung das Gefängnis nicht scheuten, wie Vaclav Havel, Lennart Meri, Nelson Mandela oder Aung San Sun Kyi. Dabei bewundern wir nicht nur ihre Zivilcourage als solche, sondern auch die Werte, die sie verteidigen. Wir achten mutige Selbstaufopferung zugunsten der Freiheit, der Menschenrechte, der Achtung vor dem Leben. Niemand in unserer Hemisphäre bewundert den Mut von Selbstmordattentätern, doch wer sich an die Bilder nach dem 11. 9. 2001 von jubelnden Frauen und Kinder in Palästinenserlagern erinnert, weiss, dass anderswo Mut zugunsten völlig anderer Wertordnungen gepriesen wird.

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Zivilcourage gegen eine Diktatur, gegen Unterdrückung, das können wir uns gut vorstellen und wir haben viele Beispiele zur Hand. Doch wie ist das denn mit der Zivilcourage in einer Demokratie? In der Demokratie vollzieht ja die Regierung nur den Willen des Souveräns und bereitet ihm die Grundlagen für die Entscheidung vor. In der Demokratie wird doch niemand unterdrückt, haben alle die selben Rechte und auch die selben Pflichten, nämlich sich einzubringen, einzumischen, teilzuhaben, Verantwortung zu übernehmen. Das steht auch so in der Verfassung. Das ist eine Bürgerpflicht. Kann denn eine Bürgerpflicht eine besondere Zivilcourage sein, die prämiert werden soll? Braucht eine Demokratie Helden und Heldinnen? Ist unser Ideal nicht eine Welt von Gleichberechtigten mit den gleichen Pflichten? So schwebt uns im Grunde genommen eine Welt ohne Preise für mutiges Verhalten vor, weil Mut und Zivilcourage ganz selbstverständlich von allen wahrgenommen werden müssten.

Aber gestehen wir uns ein: Dieses Ideal ist eine Vision. Die Wirklichkeit sieht anders aus.

Unsere Demokratie ist weitgehend auch zu einer Gesellschaft des Konsums, der Anspruchshaltung verkommen. Alle müssen Anschluss an alle Infrastrukturen haben, aber ihren Lärm will niemand ertragen; das soll der Staat richten. Für Hilfeleistungen an Menschen in Not gibt es soziale Institutionen, viele fühlen sich nicht selber zum Handeln angesprochen. Für alle und jede mögliche Risiken gibt es Versicherungen. Wir sind eine Versicherungsgesellschaft geworden. Am Postschalter darf es keine Warteschlange geben, jeder und jede will sofort bedient werden; andrerseits soll der Briefträger doch bitte genügend Zeit haben für einen Schwatz oder eine kleine Hilfeleistung im Haus. Heute wird jede Leistung, auch jede soziale Hilfeleistung auf ihren ökonomischen Wert hin erfasst, aufgerechnet und verrechnet. Das ist vielleicht für eine effiziente gesellschaftliche Sozialpolitik notwendig. Aber der Mensch ist ein soziales Wesen, das sich für andere und für die Gemeinschaft auch spontan einbringt. Dabei wird er auch vom Herzen und nicht nur vom Portemonnaie gesteuert. Kennedys Forderung: „Fragt nicht, was der Staat für Euch tun kann, fragt, was Ihr für den Staat tun könnt!“, ist nicht blosser Romantizismus, sondern spricht den Willen der Menschen an, Verantwortung zu tragen und tragen zu wollen.

Dieser Wille, diese Freude, dieser Mut wird uns zuweilen aber auch gedämpft, um es gelinde zu sa-gen. Wir verstehen durchaus, dass Menschen sich nicht einmischen wollen. Blicken wir durch die Medien in die Welt, sehen wir Terror, Elend, Bomben. Hoffnungslosigkeit macht sich breit. Wenn wir die Bilder aus Beslan, Palästina, Irak sehen, müssen wir da nicht alle verzweifeln? Sind wir nicht machtlos? Wer mag noch an eine bessere Welt glauben, an den Frieden, an das Gute?

Ach, wie verständlich ist da Verzweiflung, die Hoffnungslosigkeit, die Abkehr, das Wegschauen. Ob all dem Ungemach, das einem täglich, ja stündlich begegnet und begegnen könnte, möchte manche und mancher am liebsten aussteigen oder, wie Dostojewskis Iwan Karamasow seinem Bruder gestand, „dem lieben Gott die Eintrittskarte zurückgeben“.

Aber es gibt auch die andere Reaktion. Es gibt immer wieder Menschen, die schauen nicht weg, nicht bei einem gefährlichen Unfall, nicht bei Unrecht, das sie sehen, nicht bei einer ungerechten Gesetzesregelung, die sie nicht verstehen können. Da gibt es immer wieder Menschen, die bringen sich selber ein, unter Gefährdung ihres eigenen Lebens, ihres Rufes; da gibt es Menschen, die hoffen und für ihre Hoffnung auf Gerechtigkeit alles aufs Spiel setzen und ihr eigenes Risiko nicht lange abwägen. Das sind Menschen, die Verantwortung übernehmen, sich den Herausforderungen stellen, die nicht dem Pessimismus verfallen, sich aber auch nicht damit begnügen, einfach fröhlich und optimistisch zu sein, sondern die für ihre eigene Hoffnung arbeiten, indem sie den kühlen Verstand überwinden und beherzten Mut zeigen.

Solche Menschen müssen einen Preis erhalten, denn es sind mutige Menschen, die sich nicht im kalten Kalkül verkriechen, sondern die uns helfen, an eine Welt zu glauben, wie wir sie uns vorstellen.

Sie beweisen uns: Mut ist der Sinn des Lebens.


Es gilt das gesprochene Wort.

 

© Beobachter Online 24. Sep 2004 - Alle Rechte vorbehalten

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    Seit 1997 verleiht der Beobachter den Prix Courage, den Preis für ausserordentliche, mutige Taten.

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