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Prix Courage 2005

Münsingen macht Mut

Text:
  • Birthe Homann
Bild:
  • Stephan Rappo
Ausgabe:
18/05

Mit dem Prix Courage zeichnet der Beobachter mutige Menschen aus, die hinschauen und handeln. Die Berner Gemeinde Münsingen hat sich dieses Jahr ganz dem Motto «Zivilcourage» verschrieben. Ein Ortstermin.

Mutige Menschen auszuzeichnen ist ein toller Anlass für eine Galafeier. Am 23. September ist es wieder so weit: Zum achten Mal verleiht der Beobachter den Prix Courage. Der festliche Anlass findet in der Giessereihalle Puls 5 in Zürich statt. Die neu zusammengesetzte Jury unter dem Vorsitz von Schriftsteller Franz Hohler und vier früheren Preisträgern – Ruth Ramstein, Marcus Levy, Christian Sauter und Anita Chaaban – vergibt den mit 25'000 Franken dotierten Hauptpreis. Gesucht wird die Nachfolge von Naser Zubaku und Fritz Luchsinger, die nach einem Unfall auf der A12 eine Frau und ihr Baby aus dem brennenden Auto retteten. Die Beobachter-Leserschaft entscheidet über den Publikumspreis von 10'000 Franken.

Nominiert sind in diesem Jahr fünf Einzelpersonen und eine Gruppe, die in unterschiedlichen Lebenssituationen einen schwierigen Weg gewählt haben: Die Kandidatinnen und Kandidaten zeigten Zivilcourage oder standen gegen alle Widerstände zu ihrer Überzeugung.

Die Bevölkerung sensibilisieren

Einen aussergewöhnlichen Weg ist auch die Gemeinde Münsingen gegangen: Der Ausschuss für Gesundheitsförderung und Suchtprävention (AGS) des Städtchens zwischen Bern und Thun hat sich dieses Jahr dem Thema Zivilcourage gewidmet. Projektleiterin Sue Niederhäuser, 35, sagt, warum: «Wir haben in der Bevölkerung eine gewisse Hilflosigkeit festgestellt gegenüber Alltagssituationen. Was tun, wenn jemand auf den Boden kotzt oder eine Bierflasche wegschmeisst?» Sich einfach nur aufregen, das könne es wohl nicht sein.

Die vier anderen Mitglieder der AGS-Projektgruppe Zivilcourage, Sonja Kaspar, Margret Streit, Ruth Scheppler und Ramazan Cakir, nicken zustimmend. Sue Niederhäuser, die als soziokulturelle Animatorin der Jugendfachstelle Aaretal arbeitet, ergänzt: «Man muss ja nicht immer erst etwas tun, wenn etwas passiert ist. Wir wollen die Bevölkerung sensibilisieren, sich mit dem Thema Zivilcourage auseinander zu setzen.»

Die Projektgruppe steht mit Herzblut und mit viel ehrenamtlichem Engagement hinter ihrem «Baby». Mit verschiedenen Aktionen machen die fünf Verantwortlichen auf das Projekt aufmerksam: An verschiedenen Stellen im Dorf stehen grosse gelbe Plakattafeln, bedruckt mit dem Text der «Berner Erklärung» – einem Aufruf gegen Gewalt und Diskriminierung (siehe Nebenartikel «Kampagne: Respekt zeigen – Respekt fordern»). Dieser Text ist zudem in fast allen Münsinger Restaurants auf gelben Tischsets aufgedruckt.

Neben verschiedenen Workshops rund um Zivilcourage steht auf dem Programm auch ein Fotowettbewerb unter dem Motto: «Du bist anders als ich – ich bin anders als du.» Und das Projekt ist auf Nachhaltigkeit ausgerichtet: Nächsten Januar wird der erste Münsinger Zivilcourage-Preis verliehen, der in Zukunft jedes Jahr vergeben werden soll.

Wer derzeit die Berner Gemeinde besucht, kommt an der Farbe Gelb kaum vorbei: Neben Plakaten und Tischsets sensibilisieren Flyer in Geschäften, Schulen und in der Jugendfachstelle für mehr Zivilcourage im täglichen Leben. «Die Gäste sind begeistert von den Sets», sagt Wirt Peter Schütz vom Restaurant Schlossgut. Immer wieder würden welche nachbestellt, und ausländische Touristen hätten sogar Sets mit nach Hause genommen.

Ein ganz normales Städtchen

Münsingen an der Aare: 11'000 Einwohner, davon 1100 Ausländer, 7 Polizisten und unter den 20 Beizen das älteste Gasthaus des Kantons Bern – der «Bären» aus dem Jahr 1371.

Münsingen ist Standort des renommierten Möbelherstellers USM, die Meringue der Konditorei Berger gibts überall in der Schweiz zu kaufen, und die grosse schlossartige psychiatrische Klinik ist im ganzen Kanton Bern bekannt. Ein idyllisches Städtchen mit alten Bauernhäusern, einer viel befahrenen Durchgangsstrasse und über 100 Vereinen – vom Fussballklub übers Kinderjodlerchörli bis zu den Wanderfreunden. Hier lässt es sich gut leben.

Bernhard Lüthi, Inhaber der Drogerie Lüthi und Präsident der Vereinigung Aaretaler Spezialgeschäfte, erzählt, wie er fast täglich mit dem Thema Zivilcourage konfrontiert wird. Der stämmige 45-jährige Familienvater bezeichnet sich selbst als «mutig» und als einen, «der nicht aufs Maul hockt».

Kürzlich sei eine ältere Dame mit einer ebenfalls bejahrten Spanielhündin in seine Drogerie gekommen und habe ein Beruhigungsmittel für ihre Hundedame verlangt. Lüthi fragte sie nach dem Grund, worauf ihm die Rentnerin eine unglaubliche Geschichte erzählte: Sie sei am 1. August auf dem Rütli gewesen, um sich die Ansprache von Bundespräsident Samuel Schmid anzuhören. Auf der Rückfahrt von Luzern nach Konolfingen sei sie in ein Zugabteil voller Rechtsradikaler geraten. Weil es laut herging und sie angepöbelt worden sei, habe ihr Hund aus Angst gebellt. Die Skins hätten die Hündin daraufhin mit den Fäusten attackiert – doch niemand sei eingeschritten. Im Gegenteil: Der Billettkontrolleur habe sich sogar im Zug-WC versteckt.

Auch die Schulen machen mit

Lüthi unterhielt sich lange mit der betagten Kundin, die noch immer unter Schock stand. «Vielleicht habe ich ihr ein wenig geholfen», hofft er. Sowohl dem Hund als auch der Frau habe er ein Beruhigungsmittel mitgegeben. Der Drogist gibt aber unumwunden zu: Er sei nicht sicher, ob er selbst in einer solchen Situation genug Zivilcourage gehabt hätte, sich mit den Rechtsradikalen anzulegen. «Gerade auch deshalb finde ich all diese Aktivitäten in unserem Dorf so eine gute Sache. Sie regen an, sich diesen Fragen im Alltag immer wieder zu stellen.»

Wie gut verankert das Zivilcourage-Projekt ist, zeigen die Veranstaltungen an den drei Schulen in Münsingen. So textet der Schulleiter Hans Abplanalp, 57, vom Schulhaus Rebacker bereits an einem Song, der von seinen Schülerinnen und Schülern bei der Preisverleihung des Fotowettbewerbs vorgetragen werden soll: «Häreluege – i stah häre u loufe nid wägg, luege häre u nid gäng wägg. Das bruucht Muet, aber macht mi o staarch. – Du bisch anders als ig, i bi anders als du. Mängisch wird es schwierig, u de hocki uf ds Muu.»

Auch der Oberstufenlehrer Andreas Röthlisberger vom Schulhaus Schlossmatt setzte sich mit seiner Klasse im Rahmen einer Projektwoche mit dem Thema Zivilcourage auseinander. Die Schüler mussten sich dazu in Rollenspielen äussern und seien sehr ehrlich gewesen. Röthlisberger lässt es dabei aber nicht bewenden, sondern will das Thema im Unterricht weiterhin behandeln.

Der SVP-Gemeinderat Hans Rothen, zuständig für das Ressort Soziales, ortet die grössten Probleme in Münsingen in der Jugendgewalt und -arbeitslosigkeit. Dabei macht das Dorf an der Aare einen durchaus friedlichen Eindruck – und an den Schulen will niemand etwas von jugendlicher Gewalt spüren.

Auch Dorfpolizist Walter Beyeler, Wachtchef der Kantonspolizei in Münsingen, bezeichnet das Städtchen als «relativ ruhiges Dorf». Ausser einigen gelegentlichen Sprayereien gebe es eigentlich keine grossen Probleme und keine Gewalt auf den Schulhausplätzen. Beyeler: «Prävention ist immer wichtig – deshalb gefallen mir all diese Zivilcourage-Aktivitäten.»

Jeanne Allemann, die im Rahmen des Projekts Mädchen und Frauen in der Selbstverteidigungsmethode Wen-Do unterrichtete, findet es mutig, dass solche Veranstaltungen nicht nur in der Stadt durchgeführt werden. «Es ist toll, dass ein Dorf hinsteht und sagt: Zivilcourage ist wichtig – wir handeln.» Eine Philosophie, die sie auch ihren Kursteilnehmerinnen vermittle: hinschauen und wenn nötig eingreifen.

 

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© Beobachter Ausgabe 18 vom 01. Sep 2005 - Alle Rechte vorbehalten

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    Prix Courage


    Seit 1997 verleiht der Beobachter den Prix Courage, den Preis für ausserordentliche, mutige Taten.

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