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Prix Courage
«Mut ist wertneutral»
Für Bundesrat Moritz Leuenberger, am 25. September Gastredner am Prix Courage 2004, ist Mut nicht immer selbstlos, sondern teils auch eine Form von Egoismus. Seine Vision: eine Gesellschaft, in der man Helden nicht mehr auszeichnen muss, weil alle Helden sind.

(Bild: Béatrice Devènes)
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Beobachter: Herr Leuenberger, eine gedankliche Mutprobe: Sie stehen im Schwimmbad auf dem Zehnmeterbrett – springen Sie?
Moritz Leuenberger: Ich gehe nicht einmal hinauf auf dieses Sprungbrett. Wieso sollte ich auch? Wozu dient denn der Mut, von dort hinunterzuspringen? Das ist bloss Nervenkitzel, und den suche ich nicht.
Beobachter: Man kann es sich aber nicht immer selber aussuchen. Beispiel: Ein Kind droht in einem fünf Grad kalten Fluss zu ertrinken – springen Sie jetzt?
Leuenberger: Wahrscheinlich schon. In einer solchen Situation überlegt man sich kaum, welche Folgen der Sprung haben könnte. Das ist ein Vorgang, der nicht über den Kopf abläuft, sondern instinktiv, über das Herz und den Bauch. Solch instinktives Handeln macht ja den Mut aus, den die anderen nachher bewundern.
Beobachter: Ist Mut denn nicht generell etwas Bewundernswertes?
Leuenberger: Für mich ist Mut wertneutral. Mut bedeutet ja ursprünglich Lebenssinn. Da sind positive und negative Wertungen möglich. Sicher gibt es den guten, den edlen Mut. Aber es gibt auch Hochmut, Übermut, Wagemut. Wenn etwa Mut zur Tollkühnheit wird, kann es schief herauskommen.
Beobachter: Bleiben wir bei den edlen Taten. Stehen dahinter immer auch edle Motive?
Leuenberger: Das ist die gängige Annahme. Ich möchte diese Glorifizierung aber nicht so ohne weiteres übernehmen. Es gibt viele Taten, die scheinbar selbstlos sind. Aber längst nicht immer steht dahinter automatisch ein guter Mensch, der überhaupt nicht an sich selber denkt.
Beobachter: Ein Beispiel?
Leuenberger: Nehmen wir die Einstellung zur dritten Welt: Wenn wir uns für weltweite soziale Gerechtigkeit einsetzen, sind wir deswegen nicht einfach Gutmenschen, die nur den Armen helfen wollen. Wir wissen auch, dass soziale Konflikte zu einer Bedrohung für uns werden können. Durch unser Engagement wollen wir uns davor schützen. Dieses Verhalten, so couragiert es auch sein mag, ist letztlich egoistisch motiviert. Das soll aber keine Verurteilung sein. Wer sich so verhält, ist einfach gescheiter und denkt den Egoismus etwas weiter.
Beobachter: Nennen Sie uns Persönlichkeiten, denen Sie ohne Wenn und Aber das Prädikat «mutig» geben.
Leuenberger: In meinem Präsidialjahr 2001 habe ich Václav Havel und Lennart Meri, den damaligen Präsidenten von Estland, in die Schweiz eingeladen. Damit habe ich auch meinen Respekt für sie zum Ausdruck gebracht. Das sind Menschen, die für ihre Meinung ins Gefängnis gingen und ein Leben lang wegen der Diktatur des Kommunismus untendurch mussten.
Beobachter: Als junger Anwalt galten Sie selber als mutig, weil sie Davids gegen Goliaths vertraten, etwa die Interessen von Babys gegen Nestlé. Sie hatten das Image eines Robin Hood…
Leuenberger: (Unterbricht) Was meine Person angeht, muss ich gleich relativieren. Als junger Anwalt gegen einen Grosskonzern zu prozessieren dient doch auch der eigenen Karriere. Der Prozess war für mich eine grosse berufliche Chance. Er ging zwar in grossen Teilen verloren, wir konnten ihn aber medial als grossen Sieg darstellen. So machte ich mir damals einen Namen als politischer Anwalt.
Beobachter: Dennoch steht dahinter die Grundhaltung, sich für Schwache zu engagieren. Woher kommt die?
Leuenberger: Bei mir ist das ein angeborener Instinkt. Selbst beim Fussball helfe ich immer jenen, von denen man annimmt, dass sie verlieren. Instinktfragen sind Fragen des Herzens – das mag ich nicht als etwas Edles darstellen. Ausserdem: War Robin Hood nicht ein Räuber?
Beobachter: Schon, aber er räuberte aus einem höheren Motiv. So wie es etwa Leute gibt, die Flüchtlinge verstecken, obwohl das verboten ist. Legitimiert Zivilcourage nicht gewisse Grenzüberschreitungen?
Leuenberger: Zivilcourage heisst, sich einzumischen in die Gesellschaft. Dazu gibt es verschiedene Mittel. Ein Mittel ist in der Tat, Normen zu überschreiten. Damit erreicht man Aufmerksamkeit und tut einen wichtigen Schritt für die eigene Überzeugung. Letztlich entwickelt sich die Gesellschaft, indem Normen überschritten werden. Vor nicht allzu langer Zeit war es zum Beispiel verboten, im Konkubinat zu leben. Jenen, die es trotzdem taten, ist es zuzuschreiben, dass das heute anders ist. Sie standen für ihre Überzeugung ein und riskierten Bussen und Kündigungen. Das kann man schon als mutig bezeichnen.
Beobachter: Und die Beherbergung von Flüchtlingen?
Leuenberger: Sie verbotenerweise aufzunehmen ist sicher eine zivilcouragierte Aktion. Doch alle, die die Grenzen dichtmachen wollen, finden das überhaupt nicht bewundernswert. Für sie ist bis heute James Schwarzenbach mutig, weil er seinerzeit die Ausländerfrage auf den Tisch brachte, ein Thema, das bis dahin alle totgeschwiegen hatten. Ob Mut gut oder verwerflich ist, ist eben auch eine Ansichtssache und wird an dem gemessen, was der Mutige bewirkt.
Beobachter: Im Herbst 2002, mitten in der grössten SVP-Hausse, plädierten Sie am SP-Parteitag für mehr Mut zur Unpopularität. Weshalb?
Leuenberger: Damit prangerte ich einen Trend in der Politik an, den ich schlimm finde: Man macht Meinungsumfragen, schaut, was die Leute am meisten beschäftigt, und fährt dann darauf ab. Wo bleibt da die eigene Meinung und Überzeugung? Wenn man so politisiert, beugt man sich dem Diktat der Mehrheit. Gegen die vorherrschende Meinung zu sein ist ein Element von Mut und Zivilcourage. Man muss auch den Mut haben, zu verlieren und in der Minderheit zu bleiben.
Beobachter: Gelegentliche Scharmützel hin oder her: Die Schweizer Politik ist nach wie vor auf Konsens ausgerichtet. Wo bleibt denn da der Mut?
Leuenberger: Ich teile diese Ansicht nicht. In einer bestimmten Situation einen Konsens zu wagen zeugt von mehr Courage, als stur bei der eigenen Meinung zu bleiben und sich dafür von den eigenen Leuten feiern zu lassen. Ich frage mich das immer wieder: Soll ich mit einem Antrag in den Bundesrat, obwohl ich genau weiss, dass ich damit nicht durchkomme? Dann könnte ich vor den eigenen Leuten prahlen: «Ich habe es ja probiert, aber die anderen haben mich überstimmt.» Ich finde es mutiger zu sagen, wir machen nur die Hälfte, dafür haben wir einen Kompromiss und haben überhaupt etwas erreicht. Dann muss man sich zwar den eigenen Leuten stellen, und das braucht auch wieder Mut.
Beobachter: Für Kompromisse gibt es selten Applaus.
Leuenberger: Dass man hinterher von links und rechts angegriffen wird, ist halt der Preis. Aber es geht ja um die Sache und darum, möglichst viel von der eigenen Überzeugung umzusetzen, statt in Glanz und Gloria unterzugehen.
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Beobachter: In der Fluglärmdiskussion gelten Sie als grosser Sündenbock. Haben Sie genug Mut, sich dieser Konfrontation zu stellen?
Leuenberger: Ich habe mich der direkten Konfrontation mit demonstrierenden Südanfluggegnern mehrfach gestellt. Das brauchte manchmal etwas Überwindung. Aber mutig war es, wenn schon, zu jenem Zeitpunkt den Staatsvertrag überhaupt abzuschliessen, im Wissen, dass es Scherereien geben würde. Dass der Vertrag dann nicht akzeptiert wurde, war von dessen Gegnern schon eher wagemutig. Und jetzt haben sie unter dem Strich etwas, das viel schlimmer ist.
Beobachter: Die Positionen in dieser Frage sind verhärtet. Das nervt Sie offensichtlich. Macht es Sie auch mutlos?
Leuenberger: Manchmal. Wenn man nicht argumentativ miteinander diskutieren kann, sondern Gespräche nur zum Schein geführt werden und die Bereitschaft zum Umdenken von vornherein fehlt, kann dies das politische Engagement schon beeinträchtigen.
Beobachter: Demnach brauchen Sie Mutmacher. Welche sind das?
Leuenberger: Da sind wir wieder bei der ursprünglichen Bedeutung von Mut – dem Sinn des Lebens. Den Mut schöpfen wir wohl alle vom Trieb zum Leben: Wir haben ja auch die Erfahrung, dass es immer irgendwie weitergeht, wenn wir uns nur aufrappeln.
Beobachter: Gilt das auch ausserhalb der Politik?
Leuenberger: Selbstverständlich.
Beobachter: Der Prix Courage belohnt mutige Taten im Alltag. Trotzdem hat von den Nominierten nie jemand das Gefühl, etwas Besonderes geleistet zu haben. Wie erklären Sie sich das?
Leuenberger: Das bestätigt meine Überzeugung: Wer mutig handelt, sieht das gar nicht als mutig an. Die Bezeichnung stammt von jenen, die zuschauen. Mutig sind jene, die sich abheben vom Durchschnitt jener, die den Mut nicht haben.
Beobachter: So gesehen stünde es besser um unsere Gesellschaft, wenn der Preis überflüssig wäre.
Leuenberger: Zweifellos. Zivilcourage bedeutet für mich die Bereitschaft und das Risiko, Engagement für das öffentliche Geschehen auf sich zu nehmen. Das muss im Einzelnen nicht spektakulär sein, aber in der Summe kann unsere direkte Demokratie darauf nicht verzichten. Meine Vision einer Gesellschaft ist eine, in der sich alle einbringen. Dann bräuchte man keine Helden mehr auszuzeichnen, weil alle Helden sind.
Beobachter: Visionen zeichnen sich dadurch aus, dass ihre Verwirklichung etwas länger dauert.
Leuenberger: Natürlich werden wir dieses Ideal nie erreichen. Aber es schwebt mir eben trotzdem vor. Die Schweiz braucht mehr Menschen, die sich einbringen. Eine gewisse Konsumhaltung ist stark verbreitet und wird durch die mediale Situation noch verschärft: Man schaut einfach mal zu, was beispielsweise wir Politiker machen, um sich nachher lauthals darüber zu beklagen – statt sich selber zu engagieren. In diesem Sinn braucht es den Prix Courage wohl noch eine ganze Weile: als Appell an alle, sich einzubringen.
© Beobachter Ausgabe 19 vom 16. Sep 2004 - Alle Rechte vorbehalten


