Der erste Triumph, den man als Austauschschülerin landen kann: von einer neuen Kollegin nach Hause eingeladen zu werden.
Auf jeden Fall wars für mich so, was mir einerseits ein wochenlanges Lächeln aufs Gesicht zauberte, mir aber auch erneut vor Augen führte, dass ich hier nochmals bei null anfange.
Mittlerweile bin ich allen möglichen Familien vorgestellt worden – und natürlich immer mit folgendem Satz: «You know, she’s the exchange student I told you about.» (Sie ist die Austauschschülerin, von der ich dir erzählt habe.) Und stets folgten darauf Reaktionen wie: «You’re such a brave girl!» (Du bist so ein mutiges Mädchen!) Nun könnte man das ja als Kompliment verstehen, doch irgendwie kommt es immer auch ein wenig so rüber, als bemitleideten sie mich.
Der grösste Unterschied zu den Familien in der Schweiz: Hier wird man, sobald man über eine fremde Türschwelle tritt, von der Mutter des Hauses heftig umarmt. Und gleich mit einem Kosenamen versehen wie «Honey», «Love» oder «Darling». Der Höhepunkt war, als mich eine Mutter tatsächlich «Pumpkin» nannte, also «Kürbis».
Das Vorurteil, Engländer seien eher zurückhaltend, wenn nicht gar unfreundlich, ist damit widerlegt; nach dem Besuch bei einer Familie muss man jeweils zuerst mal wieder ein paar Tage für sich sein. Nicht anders ist es bei meiner Gastfamilie; meine «Gastgeschwister», alle schon erwachsen, kommen so oft zu Besuch, dass man meinen könnte, sie seien nie ausgezogen. Diese Familienanlässe werden natürlich traditionell abgehandelt, also mit einem Festessen, von dem man Wochen danach noch zehren kann.
Ich kann nicht von mir behaupten, ein riesiger Familienbesuch-Fan zu sein. In der Schweiz habe ich mehr Zeit mit meinen Freunden als mit meiner Familie verbracht. Doch seltsamerweise machen mir diese Anlässe in der Fremde nichts aus – vielleicht weil ich weiss, dass ich hier so ungewohnt viel Freizeit habe, die ich ohnehin nicht auszufüllen wüsste. Oder auch weil ich die «Ich könnte etwas verpassen»-Teeniegefühle bereits ein wenig losgeworden bin.
Ich bin mir aber auf jeden Fall sicher, dass ich hier Familien kennengelernt habe, die liebevoller nicht sein könnten. Und die mir zu verstehen geben, dass ich bei ihnen jederzeit willkommen sein werde, wenn ich nach der Rückkehr in die Schweiz mal «Heimweh» nach England haben sollte.
Lisas Reise, Teil 10
Ich bin auch ein Kürbis
Der erste Triumph, den man als Austauschschülerin landen kann: von einer neuen Kollegin nach Hause eingeladen zu werden.
Britische Gastfreundschaft: Lisa (Mitte) mit ihren Gasteltern Deirdre und John (rechts) sowie deren Kindern und Freunden
Artikel zum Thema
Lisas Reise, Teil 7: Wenn das Jamie Oliver wüsste
(Ausgabe: 26/10)
Lisas Reise, Teil 8: Erst Tee, dann WC
(Ausgabe: 1/11)
Lisas Reise, Teil 9: Achtung, Geisterfahrerin!
(Ausgabe: 2/11)
Auf jeden Fall wars für mich so, was mir einerseits ein wochenlanges Lächeln aufs Gesicht zauberte, mir aber auch erneut vor Augen führte, dass ich hier nochmals bei null anfange.
Mittlerweile bin ich allen möglichen Familien vorgestellt worden – und natürlich immer mit folgendem Satz: «You know, she’s the exchange student I told you about.» (Sie ist die Austauschschülerin, von der ich dir erzählt habe.) Und stets folgten darauf Reaktionen wie: «You’re such a brave girl!» (Du bist so ein mutiges Mädchen!) Nun könnte man das ja als Kompliment verstehen, doch irgendwie kommt es immer auch ein wenig so rüber, als bemitleideten sie mich.
Der grösste Unterschied zu den Familien in der Schweiz: Hier wird man, sobald man über eine fremde Türschwelle tritt, von der Mutter des Hauses heftig umarmt. Und gleich mit einem Kosenamen versehen wie «Honey», «Love» oder «Darling». Der Höhepunkt war, als mich eine Mutter tatsächlich «Pumpkin» nannte, also «Kürbis».
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Das Vorurteil, Engländer seien eher zurückhaltend, wenn nicht gar unfreundlich, ist damit widerlegt; nach dem Besuch bei einer Familie muss man jeweils zuerst mal wieder ein paar Tage für sich sein. Nicht anders ist es bei meiner Gastfamilie; meine «Gastgeschwister», alle schon erwachsen, kommen so oft zu Besuch, dass man meinen könnte, sie seien nie ausgezogen. Diese Familienanlässe werden natürlich traditionell abgehandelt, also mit einem Festessen, von dem man Wochen danach noch zehren kann.
Ich kann nicht von mir behaupten, ein riesiger Familienbesuch-Fan zu sein. In der Schweiz habe ich mehr Zeit mit meinen Freunden als mit meiner Familie verbracht. Doch seltsamerweise machen mir diese Anlässe in der Fremde nichts aus – vielleicht weil ich weiss, dass ich hier so ungewohnt viel Freizeit habe, die ich ohnehin nicht auszufüllen wüsste. Oder auch weil ich die «Ich könnte etwas verpassen»-Teeniegefühle bereits ein wenig losgeworden bin.
Ich bin mir aber auf jeden Fall sicher, dass ich hier Familien kennengelernt habe, die liebevoller nicht sein könnten. Und die mir zu verstehen geben, dass ich bei ihnen jederzeit willkommen sein werde, wenn ich nach der Rückkehr in die Schweiz mal «Heimweh» nach England haben sollte.
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© Beobachter Ausgabe 3 vom 03. Feb 2011 - Alle Rechte vorbehalten