Kochen mit Peter Zeindler Verdächtige Rüebli in der Pfanne

Peter Zeindler schreibt Thriller – seit neustem auch für Kinder. In seiner Küche geht es fast genauso spannend zu und her wie in seinen Romanen.

Was ist der Unterschied zwischen Blades und einem Skateboard? Was für eine Sprache sprechen Schüler, wenn sie cool sein wollen? In welchen Situationen kommunizieren sie per SMS?

Peter Zeindler, Schriftsteller und Autor mehrerer Agentenromane, befasste sich vor kurzem mit genau diesen Fragen. Ein befreundeter Verleger hatte ihm vorgeschlagen, einen Kinderkrimi zu schreiben. Also tauchte Zeindler in die Welt der Jugendlichen ein, die für ihn als fast 70-Jährigen schon so weit weg war.

Ich treffe den Autor in seiner Wohnung, wo er von seiner Schreibstube aus eine atemberaubende Aussicht auf die Stadt Zürich hat. Doch wir haben zu tun und müssen uns vorerst in die schattige Küche zurückziehen. Ich bekomme den Auftrag, mich um die Karotten zu kümmern, und stelle schälend Fragen, während Zeindler rüstend antwortet. Wir reden und kochen gleichzeitig und sind überzeugt, alles im Griff zu haben. Doch plötzlich riechts verdächtig nach Verbranntem. Der Fall ist schnell gelöst: Die beiden Köche haben nicht den Brei verdorben, dafür sind die Rüebli gehörig verkohlt.

«Soziale Kontrolle ist gross»


Wenn Zeindlers Agent Konrad Sembritzki in fremden Städten unterwegs ist, hat der Autor die Umgebung zuvor gründlich erkundet. «Bevor ich zu schreiben beginne, will ich die Örtlichkeiten kennen lernen und die Stimmungen spüren, ob das nun in Casablanca oder Prag ist», sagt er. Zufällig sei er dabei immer wieder auf historische Städte gestossen, die Ähnlichkeiten mit seinem Heimatort Schaffhausen gehabt hätten. Über das estnische Tallinn sagt er: «Es hat eine Unzahl von Türmen, von denen herab man den Leuten direkt ins Schlafzimmer blickt. Die soziale Kontrolle ist sehr gross, genau wie bei uns.»

Zeindlers Thriller drehen sich um brisante Themen wie Geldwäscherei, Ölschmuggel oder die russische Mafia. Aber nicht die Fälle liegen ihm am nächsten, sondern seine «leicht angeschlagenen Helden»: Spione der internationalen Geheimdienste, die sich immer verstecken und verstellen müssen.

Während Figuren wie Donna Leons Commissario Brunetti ständig ans Essen denken, hat Sembritzki offenbar nie Hunger. Zeindler scheint das Thema literarisch wenig zu interessieren. «Ehrlich gesagt habe ich keine Ahnung, wovon der sich ernährt. Das Essen spielt in meinen Geschichten eine untergeordnete Rolle. Und wenn es mal vorkommt, dann lediglich, um ein paar Leute zu vergiften.»

«Leidenschaft aus Notübungen»


Peter Zeindler sagt von sich, er koche «nicht virtuos, aber gern und gut». Vor ein paar Jahren, als man auf Männer aufmerksam wurde, die sich in der Küche zu helfen wissen, handelte man ihn plötzlich als «kochenden Schriftsteller». Zeindler amüsiert sich über die Etikettierung und nimmt sie genauso wenig ernst wie die Unterzeile «Schweizer Krimiautor», die ihm anhaftet, seit er für vier seiner Werke mit dem Deutschen Krimipreis ausgezeichnet wurde.

Ich picke die Rüebli aus der Pfanne mit dem schwarzen Boden und versuche zu retten, was zu retten ist. Unterdessen hat Zeindler eine Flasche Rotwein entkorkt und weist auf dieses spezielle Erzeugnis hin: einen Biowein aus der spanischen Navarra-Gegend. Mit der Weinhandlung, die ihn vertreibt, ist Zeindler verwandtschaftlich verbunden.

Zeindler hat die Liebe zur Küche nicht in die Wiege gelegt bekommen. Von seiner Mutter sagt er, sie sei keine enthusiastische Köchin gewesen. Obwohl der Vater Chefbeamter war und viele Bekannte hatte, lud man kaum Gäste ein. Es sind andere Frauen, die dem Mann das Kochen beigebracht haben – wenn auch indirekt. «Nach meinen beiden Scheidungen musste ich selber für das Essen sorgen. Aus diesen Notübungen ist so etwas wie eine Leidenschaft gewachsen.»

«Schräge, provokative Fragen»


Zeindler ist nicht nur Autor, sondern vermittelt auch Literatur. Als Moderator der Talkshow «Bernhard Littéraire» in Zürich interviewt der promovierte Germanist seit Jahren einmal pro Monat andere Schriftsteller. Als was sieht er sich in dieser Rolle? Als Berufskollege oder Kritiker? «Weder noch», sagt er. «Ich stelle diejenigen Fragen zu ihren Büchern, die sich andere vielleicht auch stellen. Und ein paar schräge, provokative dazu, damit die Autoren auch mal die Deckung fallen lassen.» Ende Jahr ist allerdings Schluss mit den Talkshows. Schreiben wird Zeindler, der längst die AHV bezieht, jedoch weiterhin. «Früher hätte man gesagt: ‹Bis ihm die Feder aus der Hand fällt.› Bei mir muss es heissen: ‹Bis er unter den Computer rutscht!›»

Der Kinderkrimi «Das unheimliche Auge» ist übrigens vor kurzem erschienen. Er handelt von einem mysteriösen Kunstdiebstahl, den vier Schüler aufklären wollen. Die Hobbydetektive beobachten Wohnungen, beschatten Verdächtige, sammeln Beweise, ziehen Schlüsse – und zwischendurch essen sie sogar mal etwas.

Leidenschaftlicher Erzähler


Wir sind mit dem Essen früh genug dran, um am Tisch den Sonnenuntergang über dem Üetliberg zu erleben. Zeindler, der offen zugibt, dass er gern redet, erzählt die Geschichte von der Familie, bei der er einst als junger Lehrer zum Nachtessen eingeladen war. Während seiner langen Ausführungen habe er plötzlich realisiert, dass niemand mit dem Essen angefangen habe. Auf seine Frage, was denn los sei, sagte man ihm, man werde das Tischgebet sprechen, sobald er fertig sei. Später sei ihm, beim Erzählen genau dieser Geschichte, dasselbe noch einmal passiert. Um ihm heute eine dritte Blamage zu ersparen, machen wir uns sofort über die Rahmschnitzel her, ohne sie vorher segnen zu lassen.

Autor:
  • Röbi Koller
13. November 2003, Beobachter 23/2003