Vaterfreuden

Neulich am Planschbecken

Text:
  • Sven Broder
Bild:
  • Viviana Chiosi
Ausgabe:
11/08

«Findest du echt, dass sie hässliche Ohren hat?» − «Nein, auf gar keinen Fall.»

(Bild: Viviana Chiosi  Viviana Chiosi)

Ich mag sie nicht, diese intimen Momente am Planschbecken zum Start der neuen Badesaison. Ich hatte das heikle Revier bereits schlecht gelaunt betreten, weil mir noch überhaupt nicht nach Baden war, meinen Kindern jedoch schon, und ich mich mal wieder in mein Schicksal als berufstätiger Event-Papa fügen musste.

Und dann das: Am Beckenrand waren sie alle versammelt, die Frauen vom letzten Jahr mit ihren Früchten der vergangenen dunklen Monate. Babys en masse. Keine Männer. Hahn am Becken. Ich hätte es wissen müssen. Die Blicke der versammelten Frauen gaben mir zu verstehen: Du bist hier fehl am Platz. Offensichtlich war noch zu wenig Zeit zwischen Geburt und Freiluftbadesaison verstrichen, um schon einen Mann im Kreise der noch schlaffen Bäuche und zu eng gewordenen Bikinis zu dulden. Liv, unser jüngstes Früchtchen, schien die Lage richtig zu deuten und löste die Anspannung auf ihre Weise - und machte in die Hose. Ich war nicht unglücklich darüber und verschwand erst mal für einige Minuten in der Umkleidekabine.

Doch das Glück blieb mir treu. Als ich zurückkam, sass eine alte Bekannte vom Schwangerschaftsvorbereitungskurs am Becken. Ihre Füsse baumelten im Eiswasser. Anbei ein kurzes Protokoll des darauffolgenden geistreichen Gesprächs: «Oh, süss. Das ist jetzt also euer Mädchen.» - «Ja. Liv.» - «Ist ja voll herzig.» - «Ja.» - «Die ist dir wirklich wie aus dem Gesicht geschnitten.» - «Ja.» - «Wie sie schaut, richtig grosse Augen.» - «Ja.»

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Hier endete der Dialog. Es folgte ein kurzes, aber auffälliges Schweigen. Nun war ich also an der Reihe. Ich tat, was ich in solchen Momenten immer tue; ich gehorchte: «Und das ist jetzt eure Tochter. So süss.» - «Ja. Ella.» - «Herzig, diese dunklen Haare.» - «Ja.» - «Und diese Fingerchen.» - «Ja.» - «Aber mit diesen leicht abstehenden Ohren gleicht sie eher deinem Mann?» - «Findest du?» - «Ja.» - «Warum?» - «Ja, einfach diese leicht abstehenden Öhrchen.» Ich hatte mich unversehens auf dünnes Eis begeben und versuchte, mich mit dem Diminutiv aufs Festland zu retten. «Findest du echt, dass sie hässliche Ohren hat?» - «Nein, auf gar keinen Fall.» - «Die sind voll normal!» - «Klar, voll normal!» - «...» - «Lust auf Kaffee?» - «Nein, aber sag mal ernsthaft.» - «Was?» - «Das mit den Ohren.» - «Aha...»

Warum gibt es volle Windeln eigentlich nicht auf Knopfdruck - quasi als Duftspray zum Mitnehmen?

© Beobachter Ausgabe 11 vom 28. Mai 2008 - Alle Rechte vorbehalten

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