Hans Christoph Binswanger «Aktiengesellschaften sind ja nicht gottgegeben»

Hans Christoph Binswanger, 83, ist emeritierter Professor für Volkswirtschaftslehre an der Universität St. Gallen. Bis 1995 leitete er das Institut für Wirtschaft und Ökologie. Hans Christoph Binswanger ist Autor der Bücher «Die Wachstumsspirale» und «Vorwärts zur Mässigung».

Der St. Galler Ökonom Hans Christoph Binswanger hat Rezepte, wie sich das Wachstum der Wirtschaft nachhaltig verlangsamen liesse.

Beobachter: Uns geht es gut. Die Wirtschaft wächst, wir haben wenig Arbeitslose. Trotzdem macht sich ­Unmut breit: über Zuwanderung, ­Zersiedelung, verstopfte Strassen. Ist das der Preis für den Wohlstand?
Hans Christoph Binswanger: Wir leben in einem ständigen Konflikt. Einerseits sind da die Erwartungen an eine Wirtschaft, die stets wachsen soll, um Arbeitsplätze zu sichern und mehr Wohlstand zu erzeugen. Das geht aber nur, wenn wir immer mehr konsumieren. Auf der anderen Seite wünschen wir uns unverbaute Landschaften, einen nachhaltigen Um­gang mit Ressourcen und einen stressarmen Alltag. In der bereits dichtbesiedelten Schweiz drückt sich dieser Grundkonflikt halt an der Zersiedelung und an der Zuwanderung aus.

Beobachter: Zersiedelung und Zuwanderung sind also nur Symptome eines ­grundsätzlicheren Problems?
Binswanger: Ja, es geht um die Frage, ob das Wirtschaftswachstum und der Verschleiss von Ressourcen begrenzt werden können. Dabei verdrängen wir schnell, wa­rum es überhaupt zu solchen Konflikten kommt. Die Bautätigkeit etwa wird nicht einfach durch Zuwanderung, sondern durch zu tiefe Zinsen an­gekurbelt. Beim Wohnungsbau wird dann Kapital mit der Erwartung investiert, dass bei einem Anstieg der Zinsen auch automatisch höhere Mieten bezahlt werden.

Beobachter: Kann dieses Wachstum also nur über ­Raumplanung und Zuwanderungskontingente gebremst werden?
Binswanger: Solche Regulierungen lösen das grundsätzliche Problem nicht: den Zwang der Wirtschaft zu einem unendlichen Wachstum.

Beobachter: Wir alle konsumieren doch ständig mehr, die Firmen bieten es uns nur an.
Binswanger: Das ist zu einfach. Der Mensch ist zwar gierig. Er weiss aber auch, dass ihm übel wird, wenn er satt ist und trotzdem weiterisst. Wir müssen das Thema von einer wirtschaftlichen Seite her betrachten. Heute sind es die Aktiengesellschaften, die unser Wirtschaftssystem dominieren, weltweit. Sie sind die Motoren für das Wirtschaftswachstum. Denn in ihnen ist der Zwang zum Wachstum bereits eingepflanzt, vor allem wenn sie an der Börse kotiert sind.

Beobachter: Weil die Aktionäre als Besitzer ständig ­steigende Aktienkurse erwarten?
Binswanger: Ja, sie verzichten dann auf hohe Dividenden und ermöglichen es den Firmen, einen grösseren Teil der Gewinne wieder zu investieren und so in absehbarer Zukunft noch höheren Gewinn zu erwirtschaften. Gelingt das, erwarten die Aktionäre sofort einen weiteren Kursanstieg durch wiederum neue Investitionen, das heisst durch Wachstum. Andernfalls verkaufen sie ihre ­Beteiligungen, und der Kurs fällt. Die Aktiengesellschaft ist quasi zu einem unendlichen Wachstum verdammt. Als Konsumenten müssen wir diese Motoren durch Mehrkonsum am Laufen halten.

Beobachter: Das ist entfesselter Kapitalismus. Als Mitglied der FDP sehen Sie in Verboten und Planwirtschaft wohl kaum eine Alternative.
Binswanger: Natürlich nicht. Wir brauchen ein moderates Wachstum, um die Wirtschaft funktionsfähig zu erhalten. Es sind aber Reformen nötig, um den Wachstumsdruck durch die Aktiengesellschaften zu mindern. AGs sind ja nicht gottgegeben. Sie sind erst im 19. Jahrhundert entstanden, um während der Industrialisierung Grossprojekte zu finanzieren. Als Gesetzgeber können wir sie jederzeit anders definieren, wenn sie sich – wie heute – immer öfter in spekulative Dimensionen verlieren.

Beobachter: Was schlagen Sie konkret vor?
Binswanger: Wir müssen die heutigen Beteiligungsformen, also die Namens- und die Inhaber­aktien, neu ausgestalten. Die auf den Be­sitzer ausgestellten Namensaktien sollen auch künftig eine unendliche Laufzeit haben, dürfen aber nicht mehr an der Börse gehandelt werden. Und im ausserbörs­lichen Handel dürfen sie erst nach einer Frist von etwa drei Jahren verkauft werden. Für die nicht namensgebundenen Inhaberaktien sollten wir den Börsenhandel weiterhin zulassen, aber mit einer befristeten Laufzeit von 20 oder 30 Jahren; dann müsste das Unternehmen den Nominalwert der Aktie zurückzahlen.

Beobachter: Was bringt das?
Binswanger: Der Effekt wäre ein deutlich geringeres Schwanken der Aktienkurse.

Beobachter: Braucht es weitere Massnahmen?
Binswanger: Wir sollten Genossenschaften und Stiftungen fördern, die auf längerfristige Ziele ausgerichtet sind. Solche Reformen würden zusammen den Drang und Zwang zum Wirtschaftswachstum mindern, es aber nicht abwürgen. Wir hätten weniger spekulative Gewinne, aber mehr Sicherheit.

Beobachter: Auf der anderen Seite haben wir die Banken, die als Kreditgeber und Spekulanten an der Börse für Wirtschaftsblasen mitverantwortlich sind. Muss man auch hier ansetzen?
Binswanger: Genau. Die Geschäftsbanken haben heute die Möglichkeit, praktisch unbeschränkt neues Geld zu schöpfen, indem sie Kredite vergeben, ohne dass der Betrag auf anderen Konten belastet wird. Die Kompetenz zur Geldschöpfung muss ausschliesslich den Zentralbanken zugestanden werden.

Beobachter: Sie gelten als Vater der ökologischen Steuer­reform. Der Bund prüft eine solche Steuer, die Grünliberalen verlangen sie mit einer Volks­initiative; nicht erneuerbare Energien sollen stark belastet, die Mehrwertsteuer dafür ­abgeschafft werden. Ist das in Ihrem Sinn?
Binswanger: Leider nein. Das ist nicht optimal. Nachhaltiger und sozialer wäre eine Steuer auf alle Energien, da alle zu einer steigenden Belastung der Umwelt führen. Mit der Steuer könnten wir die Sozialleistungen neu fi­nan­zieren, insbesondere die Altersrenten. Diese sollten nicht mehr allein durch Abgaben bezahlt werden, die die Lohnkosten erhöhen. Mit dieser Energiesteuer würden wir gleichzeitig die Beschäftigung und den Umweltschutz fördern.

Beobachter: Sie suchen nach Stellschrauben im System, die das Wachstum mindern und die Wirtschaft stabilisieren. An der Urne stimmen wir nur über Gebote und Verbote ab. Sie unterstützen die Ecopop-Initiative, die das Bevölkerungs­wachstum durch Zuwanderung beschränken will. Ist das nicht bloss Symptombekämpfung?
Binswanger: Solche planerischen Massnahmen sind notwendig, aber nur dann erfolgreich, wenn wir das Wachstum durch die erwähnten Reformen mässigen. Eine nachhaltige Änderung des Wirtschaftssystems muss aber klar im Vordergrund stehen.

Text:
  • Peter Johannes Meier
Bild:
  • private Aufnahme
25. Februar 2013, Beobachter 4/2013