Augenzeuge Albert Conrad
«Schnapszahlen sind praktisch»
Am 7.7.2007 schliessen Standesbeamte Ehen im Viertelstundentakt. Schliesslich soll die Hochzeit unvergesslich sein - und dafür tun Paare mitunter Seltsames, sagt der 45-jährige Albert Conrad.

(Bild: Markus Bertschi)
Wirklich, ich weiss es nicht», sagte mal ein Bräutigam auf die Frage, ob er die Anwesende zur Ehefrau nehmen wolle. Wir sahen ihn mit grossen Augen an, die Braut und ich. Sie war schwer enttäuscht. Bei einem anderen Bräutigam hatte ich bereits im Voraus ein ungutes Gefühl, denn er tat sich schwer damit, über die Schwelle zu treten. Und er war auch schon viel zu spät gekommen. Diesmal kam mir die Zeit zu Hilfe. Nach einem klärenden Gespräch war es bereits 18 Uhr, und nach 18 Uhr durften wir bis Ende der neunziger Jahre keine Trauungen mehr vornehmen. Mit diesem uralten Gesetz sollte wohl verhindert werden, dass sich Brautleute nach Feierabend zuerst Mut antrinken. In solchen Momenten müssen wir Zivilstandsbeamte durchaus einmal Krisenmanager sein.
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Eine Hochzeit im Raumschiff
In meinem Standesamt steht eine Laterne mit der Aufschrift: «Mitternachtstrauung, 00.13 Uhr». Genau um diese Zeit und an einem 13.3. wollte sich ein Paar das Ja-Wort geben. Diesen Kundenwunsch habe ich gerne erfüllt - gegen kostendeckenden Aufpreis natürlich. Wahrscheinlich bin ich der Erste in der Schweiz, der eine Mitternachtstrauung durchgeführt hat. Wir wollen dieses Angebot nicht zu hoch hängen, damit die Paare das nicht zu oft verlangen - doch ich lote für unsere Kunden und Kundinnen gerne die gesetzlich zulässigen Möglichkeiten aus. Man sollte nicht den ganz strengen Staat heraushängen, aber auch nicht überliberalisieren.
Ab dem 1. Januar 2008 sollen wir Zivilstandsbeamte bei Verdacht auf eine Scheinehe diese nicht nur anzeigen, sondern sie gar nicht erst durchführen. Doch wie soll ich wissen, ob es sich tatsächlich um eine Scheinehe handelt? Natürlich gibt es Indizien wie einen grossen Altersunterschied, oder wenn sich die Brautleute gar nicht verständigen können, weil sie andere Sprachen sprechen. Das könnten jedoch willkürliche und subjektive Entscheide werden. Deshalb ist unser Berufsverband nicht begeistert. Wir wollen nicht Polizist spielen.
Wenn dereinst Opernhausdirektor Pereira seine junge, schöne Frau in Baden heiraten möchte, müsste ich mich theoretisch bereits fragen: Ist das eine Scheinehe? Denn der Altersunterschied ist ja bekanntlich verdächtig gross.
Ich finde es schade, dass viele Schweizer nach Las Vegas ausweichen, um zu heiraten. Ich war einmal auf einer Weiterbildungsreise mit Zivilstandsbeamten dort. Klar, man muss keine Dokumente vorweisen, nur Ja sagen und unterschreiben. Das ist natürlich bequem. Es gibt dort Heiratsräume, die aussehen wie das Cockpit eines Raumschiffs, so mit Folie überzogen. Die Brautleute können sogar einen Raumanzug mieten. Möglich sind auch Kostümierungen als Tarzan und Jane oder Cäsar und Kleopatra.
Auch bei uns kommen Brautleute manchmal kostümiert, zum Beispiel als Guggemusiker. Wie gesagt, ich bin eher liberal, aber eine Bedingung stelle ich: Das Gesicht darf nicht verhüllt sein. Den Töffhelm müssten sie also abziehen. Viele Bräute erscheinen immer noch traditionell im weissen Brautkleid. Manchmal sehr freizügig, nicht grad im Bikini, aber doch nahe dran: mit einem Dekolleté, bei dem man vielleicht ein bisschen mehr sieht, als man sehen sollte. Ein solcher Einblick verwirrte einmal einen Dolmetscher derart, dass er darob fast das Dolmetschen vergass.
Die Beine der Trauzeugin
Im Freien dürfen wir nicht trauen, das Gesetz verbietet das. Ungültige Showtrauungen dürfte man draussen machen, aber das bieten wir nicht an. Es stimmt übrigens nicht, dass jeder Schiffs- oder Flugkapitän trauen darf. In der Schweiz ist eine zivile Trauung auf dem Schiff von Gesetzes wegen nicht erlaubt.
Einmal konnte sich ein Brautpaar für keinen Familiennamen entscheiden und wünschte, dass das Los entscheidet. Ich warf eine Münze. Die Braut gewann. Beide waren zufrieden, da sie beide die gleiche «Gewinnchance» hatten.
Ein andermal hatte ich einen Bräutigam vor mir, der während der Trauung die Beine der Trauzeugin streichelte. Das verschlug selbst mir mit immerhin 20 Jahren Erfahrung fast die Sprache.
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© Beobachter Ausgabe 14 vom 04. Jul 2007 - Alle Rechte vorbehalten

