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Augenzeuge: «Ich erschrak über mich selber»

Text:
  • Edith Lier
Ausgabe:
13/03

Fabian Biasios Engagement gegen die Todesstrafe ging so weit, dass der junge Luzerner Fotograf die Vollstreckung eines Urteils in Texas, USA, mit seiner Kamera dokumentierte.

Eine Frau beugt sich über ihren Bruder und darf ihn zum ersten Mal seit zehn Jahren berühren – 30 Minuten nach seiner Hinrichtung durch die Todesspritze. Nie zuvor erlebte ich einen Moment, der mit so viel Liebe und gleichzeitig mit unendlichem Schmerz erfüllt war. Auf dieses Bild im Bestattungsinstitut von Huntsville, Texas, hatte ich ein Jahr lang hingearbeitet. Es hat eine unglaubliche Kraft, denn es dokumentiert die Perversion der Todesstrafe.

Im Staatsgefängnis von Huntsville wird zwischen Verurteilten und Angehörigen keine einzige Berührung zugelassen. Die Besucher werden streng bewacht und sind von den Insassen durch Panzerglas getrennt. Dieses System schafft eine zweite Opferfamilie – jene des Täters.

Der 43-jährige geisteskranke James Colburn bestritt nie, eine Frau erstochen zu haben, betonte aber immer, er habe inneren Stimmen gehorcht. James litt seit seinem 17. Lebensjahr an Schizophrenie. Dass er trotzdem exekutiert wurde, empörte mich zusätzlich.

Es mag nach Berufsromantik klingen, entspricht aber den Tatsachen: Mein Beschluss, das Thema Todesstrafe in einer fotografischen Arbeit umzusetzen, reifte vor drei Jahren auf einer Zugfahrt von Travemünde nach Hamburg. Die Präsidentschaftswahlen in den USA standen bevor, und ich schwor mir, das Projekt zu realisieren, falls George W. Bush das Rennen machen sollte. Ein Mensch, der eigenhändig Todesurteile unterschrieben hatte, durfte in meinen Augen nicht zum mächtigsten Mann der Welt gekürt werden.

«Du kommst mir bekannt vor»

Journalisten aus Ländern, die sich gegen die Todesstrafe stellen, erhalten in der Regel keine behördliche Erlaubnis, im Todestrakt eines US-Gefängnisses zu fotografieren. Um eine Vollstreckung aus grösstmöglicher Nähe aufnehmen zu können, musste ich mit Angehörigen in Kontakt kommen und sie vom Projekt überzeugen.

Die ersten Anläufe scheiterten. Erst im letzten November ergab sich eine neue Chance, als in Huntsville vier Todeskandidaten auf der Liste standen. Ich schrieb alle an mit der Bitte, ihre letzten Tage in der Zelle in einem Tagebuch festhalten zu können. Zwei antworteten unverbindlich, James Colburn reagierte gar nicht.

Mit einem befreundeten Journalisten begann ich vor Ort zu recherchieren. Wir schmuggelten uns als Besucher in den Todestrakt. Auf der Bank des Besucherraums sprach mich plötzlich eine tränenüberströmte Frau an und sagte: «Du kommst mir bekannt vor.» Im Lauf des Gesprächs stellte sich heraus, dass sie die Schwester von James war und sich an mein Foto erinnerte, das ich im Brief an ihren Bruder mitgeschickt hatte.

In letzter Minute verschoben

Es war der Tag seiner Hinrichtung. Tina bat mich, sie zur letzten Begegnung zu begleiten. Ich konnte Colburn durch das Panzerglas hindurch wahrnehmen: panikgeschüttelt, zusammengebrochen. Tina hielt mir den Telefonhörer hin: «Er will mit dir sprechen.» James war ausser sich – und ich völlig hilflos.

Kurze Zeit später rannte Tina auf mich zu und schrie: «He got a stay!» – eine Minute vor der Hinrichtung wurde der Termin verschoben. Ich liess die Bilder von Tinas Freudentanz gleich entwickeln und schenkte sie ihr. Damit war der Pakt besiegelt. Ich kehrte in die Schweiz zurück und blieb mit ihr in Kontakt, um mich auf den neuen Termin vorzubereiten.

Ich spielte stets mit offenen Karten und erklärte Tina genau, was ich wollte und wie ich mir die Teamarbeit vorstellte. Sie war bereit, mir ihre Story zu schenken. Sie sagte, sie schätze es, dass jemand hinter ihr stehe, der das Prozedere dokumentiere. Ich sprach mit ihr jeden Ablauf bis ins Detail ab. Zum Selbstschutz hämmerte ich mir immer wieder ein: «Fabian, deine Aufgabe hier ist, zu fotografieren; ein Zusammenbruch ist fehl am Platz.»

Ich trug grosse innere Kämpfe aus. Ich fragte mich, ob ich mit einer Kampagne in der US-Presse nicht doch noch eine Diskussion über die Todesstrafe für Geisteskranke auslösen und das Leben von James retten könnte. Ich erkundigte mich bei Amnesty International nach den Möglichkeiten. Die Gewissheit, dass sein Anwalt wirklich alle Mittel ausgeschöpft hatte, schaffte Erleichterung.

Als hätte sie meine Zerrissenheit gespürt, fragte mich Tina nach dem Aufschub der Exekution ganz direkt, ob ich enttäuscht sei, dass James nicht hingerichtet worden sei. Ich war in einem schrecklichen Dilemma. In den dunkelsten Momenten wünschte ich mir wohl wirklich ein Ende der Belastungsprobe. Es war unerträglich, darüber nachzudenken und zu reden.

Am 26. März dieses Jahres, dem endgültigen Hinrichtungstermin, nahm mir Tina einmal mehr eine Last ab. «Lieber Gott», betete sie, «wenn es denn schon sein muss, dass du mir meinen Bruder nimmst, dann bitte gleich heute Abend.» Jetzt konnte auch ich mit mir ins Reine kommen.

Ungeschminkte Wirklichkeit

Als James 30 Minuten nach der Hinrichtung im Bestattungsinstitut von Huntsville aufgebahrt lag, funktionierte ich nur noch mechanisch. Besonders grotesk erschien mir der Moment, als ich im Auftrag von Tina den vor dem Gefängnis wartenden Familienmitgliedern die Todesnachricht überbrachte und dabei zugleich durch die Kamera guckte und abdrückte. Im Nachhinein erschrak ich über mich selber.

Zurück in der Schweiz, brachte ich die Filme sofort ins Labor, liess dann aber die entwickelten Bilder eine Zeit lang liegen. Besonders die Kontaktabzüge wirken wie Skizzen auf mich, die den ganzen Ablauf Schritt für Schritt ungeschminkt nachzeichnen. Manchmal muss ich die Lupe weglegen, weil mich die Bilder zu sehr berühren. Ich hoffe, dass sich eine Ausstellung realisieren lässt. Ich bin jedoch nicht sicher, ob sich die Leute mit einem derart schrecklichen Thema auseinander setzen wollen.

Die Frage, ob ich aus einem fremden Schicksal Profit geschlagen habe, muss ich zulassen. Nur ich weiss in allen Einzelheiten, wie mir zumute war – und ist. Der Preis war hoch, aber ich kann zu meiner Arbeit stehen.

© Beobachter Ausgabe 13 vom 25. Jun 2003 - Alle Rechte vorbehalten

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