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Ausflüge

Die Stadt als Familienpackung

Text:
  • Dominique Hinden
Mitarbeit:
  • Andrea Elmer
  • , Vera Bueller
  •  und Martin Müller
Bild:
  • Michael Würtenberg
Ausgabe:
14/08

Bimmelbahn, Oldtimer-Tram oder Trolleybus: Schweizer Städte bieten Rundfahrten in allerhand Gefährten an. Der Beobachter wollte wissen, was die Angebote taugen.

(Bild: Michael Würtenberg)

Der Tipp gehört zum Standardrepertoire der Tourismusbüros, sei es in Amsterdam, London, Paris - oder Zürich, Basel, Luzern: «Entdecken Sie unsere Stadt mit einer Stadtrundfahrt - so geniessen Sie bequem einen Überblick über die Sehenswürdigkeiten.» Die Sehenswürdigkeiten im Zeitraffer kommen nicht nur den Japanern oder Amerikanern - Stichwort: «Europa in zehn Tagen» - entgegen, auch Schweizer nutzen die Angebote, sei es beim Familienausflug oder beim Vereinsanlass. Laut einer kleinen Umfrage des Beobachters bei den grossen Tourismusbüros in der Schweiz gehört die Stadtrundfahrt zu den gefragtesten Touristenattraktionen. Viele Städte haben neben der klassischen Stadtrundfahrt im Car auch Touren in aussergewöhnlichen Fahrzeugen wie Bimmelbahn, Trolleybus oder Oldtimerfahrzeugen im Repertoire. Diese werden auch als Erlebnis für die ganze Familie angepriesen: Den Kleinen macht allein schon die Fahrt in einem dieser Fahrzeuge Spass, während die Erwachsenen in aller Ruhe Wissenswertes zur Stadt erfahren.

Basel siegt, Locarno verliert

Doch was bekommt der Passagier für sein Geld? Zur Beantwortung dieser Frage liessen sich Beobachter-Mitarbeiter Ende Mai durch sechs Schweizer Städte kutschieren. Getestet wurden unter anderem die Kategorien Fahrkomfort, Familientauglichkeit und die Art und Weise, wie die Fahrt mit touristischen Informationen begleitet wurde. Ebenfalls in die Bewertung eingeflossen sind weiche Faktoren wie Ambiente, Freundlichkeit der Fahrer und Erlebnisfaktor.

Ergebnis: Es gibt himmelweite Unterschiede zwischen den einzelnen Angeboten, von unbrauchbar bis sehr gut. Testverlierer ist der Trenino in Locarno: lieblos, zu teuer, und über die Stadt erfährt man kaum etwas. Das Tourismusbüro in Locarno verweist darauf, dass die Rundfahrt im Trenino eher eine vergnügliche sei, während die andere Stadtrundfahrt die historisch-kulturellen Aspekte bediene.

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Dass es auch anders geht, zeigt der Minizug in Freiburg: Eine lohnende Art, diese Stadt kennenzulernen und dabei noch Spass zu haben. Ein speziell dichtes Programm bietet Zürich und mit zwei Stunden auch die längste Stadtfahrt. Ein grosses Minus setzt es hier jedoch wegen der teilweise penetranten Schleichwerbung für bestimmte Restaurants oder Läden.

Spitzenreiter punkto Charme und Erlebnis ist das Oldtimer-Tram in Basel. Nicht zuletzt, weil es das einzige ist, das anstelle einer Konserve ab Band von einer Stadtführerin in Fleisch und Blut begleitet wird.

Übrigens: Die Bundeshauptstadt Bern bietet keine Stadtrundfahrt in diesem Sinn an. Dafür kann man im Juli und August mit dem Schlauchboot von der Aare aus die Stadt entdecken. Eine bestechende Idee, die für den Beobachter im besagten Zeitraum leider nicht zu testen war.

 

Basel, Oldtimer-Tram

Dauer: 1 StundeKosten: 20 Franken, Kinder 6 bis 16 Jahre 10 FrankenFamilientauglichkeit: Da Kinder in der Regel Tram fahren toll finden, ist dies ein kurzweiliger Spass für die ganze Familie.Fahrkomfort: Es ruckelt, es rüttelt, es quietscht und knarrt - ein Oldtimer eben. Auf den alten Holzbänken sitzt es sich überraschend bequem.Touristische Informationen: Die Tramfahrt wird von einer Stadtführerin begleitet, die abwechslungsreich zwischen historischen Daten und Fakten, Anmerkungen zu Wirtschaft und Architektur sowie kleinen Geschichten rund um die Stadt hin und her pendelt. Neben einem Blick auf die wesentlichen Sehenswürdigkeiten der Altstadt fährt man nahe an die französische Grenze, erlebt die Basler Aussenquartiere und sieht Hafen und Pharmaindustrie.Atmosphäre: Ein bisschen Familienausflug (nur rund 16 Sitzplätze, Reservation lohnt sich), ein bisschen Nostalgie und viel Individualität. Die Begleitung durch eine Stadtführerin gibt dem Ganzen eine persönliche Note. Einziger Wermutstropfen: Der Tramführer dürfte bisweilen ein wenig langsamer fahren. Fazit: Da werden alte Trämlerträume wahr. Eine gelungene Kombination zwischen Stadtführung und Oldtimerfahrgefühl. Leider fährt das Tram nur sonntags. www.basel.com

 

Freiburg, Minizug

Dauer: 1 Stunde mit einem Stopp hoch über der StadtKosten: 10 Franken, Kinder 6 bis 16 Jahre Fr. 5.50, Gruppe Erwachsene (mindestens 15 Personen): Fr. 8.50 pro Person; Kindergruppe: 5 Franken pro PersonFamilientauglichkeit: Bei der Testfahrt war eine ganze Kinderschar dabei, die sichtlich (und hörbar) Freude hatte am Ausflug.Fahrkomfort: Gepolsterte Holzbänke, bei den engen Kurven ist der Körperkontakt zum Sitznachbarn garantiert. Die Sicht ist durch das tiefe Dach eingeschränkt.Touristische Informationen: Die Informationen sind in Deutsch und Französisch (wie es sich für die zweisprachige Stadt gehört) und umfassen die wesentlichen Eckdaten zu Stadt und Geschichte. Das Ganze ist - Freiburg ist eine katholische Hochburg in der Westschweiz - sehr kirchen- und klosterlastig. Die Männerstimme ab Band dürfte durchaus ein wenig rassiger sein, dafür werden zwischen den Texten zum Heulen schöne, alte Fribourger Volkslieder eingespielt.Atmosphäre: Gemütlich tuckert der Minitrain mal aufwärts, mal steil abwärts. Den schönsten Anblick bietet die Altstadt von Freiburg mit ihren unprätentiös daliegenden mittelalterlichen Gassen und den hohen Brücken sowie die wundersame Topographie, die die Stadt umgibt: die schroffen, zur Saane steil abfallenden Felswände einerseits und die lieblichen Ufer am Fluss mitten in der Stadt anderseits.Fazit: Eine abwechslungsreiche Berg-und-Tal-Fahrt in der mittelalterlichen Stadt an der Saane mit überraschenden Perspektiven. Ausprobieren! www.fribourgtourisme.ch

 

Genf, Minitrain, Route «Vieille Ville»

Dauer: 40 Minuten (Testfahrt dauerte jedoch nur 35 Minuten) mit einem Stopp Kosten: Fr. 9.90, Kinder Fr. 6.90Familientauglichkeit: Die Kinder mögen daran noch Freude haben, die Erwachsenen, siehe Fazit, eher weniger.Fahrkomfort: Unbequeme schmale Holzbänke - auf den Pflastersteinen in der Altstadt wird man arg durchgeschüttelt.Touristische Informationen: In Genf werden drei verschiedene Touren mit dem Minitrain angeboten. Die vom Beobachter gefahrene Route «Vieille Ville» zeigt vier der neun vom Tourismusbüro angegebenen absoluten Sehenswürdigkeiten der Stadt. Die Informationen ab Band zeichnen sich durch eine strenge, nüchterne Vortragsweise ohne jeglichen Charme aus. Die Angaben auf der Website (Preis und Fahrplan) stimmen nicht mit den effektiven Daten überein, die Broschüre, auf der man die Tour verfolgen könnte, ist verwirrend. Atmosphäre: Null Charme - man hat das Gefühl, das Ganze könnte irgendwo stattfinden. Die monoton vorgetragenen langen Texte tragen in keiner Weise zur Auflockerung bei. Ebenso wenig der demotiviert wirkende Chauffeur, der, ohne etwas zu sagen, die Tour einfach abkürzte.Fazit: Routenplan schnappen und auf eigene Faust losgehenwww.geneve-tourisme.ch

 

Locarno, Trenino (Minizug)

Dauer: 30 MinutenKosten: 7 Franken, Kinder 3 bis 13 Jahre 3 Franken, Gruppe ab 15 Personen 6 Franken pro PersonFamilientauglichkeit: 30 Minuten sind ideal, um kurz die Beine baumeln zu lassen - auch wenn die Fahrt sonst kein Highlight ist.Fahrkomfort: Wie auf einer Kirchenbank - mit dem Unterschied, dass diese hier leicht gepolstert ist.Touristische Informationen: Die Ansagen ab Band beginnen jeweils wie Bahnhofsdurchsagen mit einem Gong - steril und unpersönlich. Wer direkt unter dem Lautsprecher sitzt, versteht die Erklärungen noch knapp. Die italienische Version kommt jeweils zu früh, die deutsche zu spät - die Sehenswürdigkeit erscheint dazwischen. Zwischen den äusserst kurz gehaltenen Informationspassagen scheppern Tessiner Melodien durch den Lautsprecher.Atmosphäre: Eine lieblose Angelegenheit. Von Locarno erfährt man fast nichts: Man rast an den Sehenswürdigkeiten vorbei und kurvt durch ein, zwei Altstadtgassen, holpert weiter zum Lido mitten durch Wohnquartiere mit Hochhäusern - vergleichbar einer Rundfahrt duch Plattenbauquartiere der ehemaligen DDR. Fazit: Locarno hat mehr zu bieten: Erkunden Sie die kleine Stadt lieber zu Fuss!www.trenino.ch

 

Luzern, City-Train

Dauer: 40 MinutenKosten: 12 Franken, Kinder 5 bis 15 Jahre 5 FrankenFamilientauglichkeit: Eine kurzweilige Entdeckungstour für alleFahrkomfort: Ganz in Ordnung - wenn man keine bequeme Sänfte erwartetTouristische Informationen: Man erfährt viel Wissenswertes zu den Sehenswürdigkeiten der Leuchtenstadt. Hinzu kommen interessante Ausführungen zu bestimmten Quartieren ausserhalb der Altstadt. Die Informationen sind leider äusserst kurz gehalten.Atmosphäre: Interessant und abwechslungsreich bei dieser Rundfahrt ist, dass praktisch alle Sehenswürdigkeiten und Orte, die angefahren werden, nahe beieinander liegen. Es gibt wenig Fahrzeit ohne Kommentar; so vergehen die 40 Minuten wie im Flug. Die vielen Touristen aus aller Herren Länder machen die Fahrt zu einem multikulturellen Ausflug.Fazit: Ein kompakter Überblick, was Luzern alles zu bieten hat. Wer die vielen Touristen nicht scheut: nur zu!www.luzern.org

 

Zürich, Trolleybus

Dauer: 2 Stunden mit zwei Stopps für Fotos

Kosten: 33 Franken, Kinder 6 bis 16 Jahre Fr. 16.50

Familientauglichkeit: Eigentlich wäre der Trolleybus für Gross und Klein geeignet. Doch die Tour ist mit zwei Stunden zu lang für die Kleinen. Zudem kostet sie für eine vierköpfige Familie fast 100 Franken.

Fahrkomfort: Gut gepolstert, gut gefedert, die hinteren Plätze werden hin und wieder von den Busabgasen eingenebelt.

Touristische Informationen: Dichte Informationen zu Stadt, Wirtschaft, Architektur, Einkaufen, Kultur. Darüber hinaus gibt es Einführungen ins Schul- und Ausbildungssystem. Konzentration auf die «schönen Seiten» von Zürich (inklusive die nobleren Wohnquartiere am Züriberg) - das Industriequartier und die Langstrasse bleiben aussen vor. Nervend ist, dass die Infos mit versteckter Werbung für Cafés und Läden gespickt sind. Ebenso störend sind die vielen Superlative, mit denen die Stadt angepriesen wird: Ist Zürich wirklich hinter New York und Paris die Stadt mit der höchsten Vielfalt an Restaurants?

Atmosphäre: In dem bunten Trolleybus kommt Disneyland-Feeling pur auf. An warmen Sommertagen weht einem der kühlende Fahrtwind um die Nase, und der nette Chauffeur trägt das Seine zu einer gemütlichen Fahrt bei. Zum Schluss brummt einem ein bisschen der Kopf vor lauter Daten und Fakten - dafür hat man sicher den einen oder anderen Winkel gesehen, den man sich mal näher anschauen möchte.

Fazit: Es lohnt sich durchaus, Zürich mal so zu erkunden. Bei den Werbespots weghören.

www.zuerich.com

© Beobachter Ausgabe 14 vom 09. Jul 2008 - Alle Rechte vorbehalten

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