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Bettelbriefe

Mit erhobenem Zeigefinger

Text:
  • Edith Lier
Ausgabe:
7/06

Wohltätige Organisationen danken nicht nur für Spenden, sie mahnen neuerdings auch, wenn man ihnen mal nichts überweist.

Im hart umkämpften Spendenmarkt lassen wohltätige Organisationen nichts unversucht, ihre potenzielle Gönnerschaft bei der Stange zu halten (siehe Artikel zum Thema «Spenden: Geben ist mühseliger als nehmen»). Auch Terre des hommes Schweiz macht da keine Ausnahme: Im Februar erhielten alle rund 50’000 Spenderinnen und Spender des Kinderhilfswerks eine «Spendenbestätigung» zuhanden des Steueramts - und zwar unabhängig davon, ob sie die Institution im letzten Jahr finanziell berücksichtigt hatten oder nicht.

Abgesprungene Sympathisanten bekamen allerdings einen Wink mit dem Zaunpfahl: «Im Jahr 2005 sind von Ihnen keine Spenden bei uns eingegangen», steht da geschrieben - mit der aufmunternden Ergänzung: «Wir würden uns freuen, wenn Sie 2006 die Projekte wieder unterstützen.» Einzahlungsschein liegt bei, versteht sich.

Ursula Huber, zuständig für Fundraising und Information, erklärt gegenüber dem Beobachter, es sei kostengünstiger, diesen integrierten Abschnitt zum Begleitbrief den Abtrünnigen ebenfalls zuzustellen. Auch Swissaid und die Erklärung von Bern seien zu diesem Prozedere übergegangen - doch diese weisen auf die drucktechnischen Umstände hin.

Spendenwilligen, die es vorziehen, nicht in dieser Art gerügt zu werden, bleibt eine unbürokratische Ausweichmöglichkeit: Obdachlose auf der Strasse mit einer Münze zu unterstützen. So ist gewährleistet, dass man nicht in einer Datenbank landet - und dann mit erhobenem Mahnfinger um Beiträge angegangen wird.

© Beobachter Ausgabe 7 vom 30. Mär 2006 - Alle Rechte vorbehalten

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