Betteln: Almosen lösen das Problem nicht
In der Schweiz muss heute niemand mehr verhungern. In den Städten trifft man trotzdem immer wieder auf Bettler. Wohltätige Organisationen bekämpfen diese Armut.

Der Mann kauert am Boden. Vor ihm liegt ein Karton mit
der Aufschrift «Ich habe Aids und Hunger». Daneben
schläft ein Hund. Längst sind solche Szenen nicht
mehr nur in ausländischen Grossstädten oder in ärmeren
Ländern an der Tagesordnung auch hierzulande vergrössert
sich die Zahl der Bettler. Der Mann, von dem hier die Rede
ist, sitzt beim Bellevue in Zürich, der Stadt mit dem
angeblich weltweit höchsten Lebensstandard.
Soll man ihm etwas geben oder nicht? Eine «richtige»
Antwort auf diese heikle persönliche Frage gibt es nicht.
Manche Leute machen aus Mitleid ein bisschen Münz locker.
Andere geben Geld, um damit ihr Gewissen zu beruhigen. Wieder
andere glauben, damit Kleinkriminalität verhindern zu
können.
Eigentlich müsste in der Schweiz niemand betteln gehen,
um über die Runden zu kommen. Das ist sogar in der Bundesverfassung
verankert: Jede Einwohnerin und jeder Einwohner hat «Anspruch
auf Hilfe und Betreuung und auf die Mittel, die für ein
menschenwürdiges Dasein unerlässlich sind».
Notleidende erhalten Sozialhilfe und können mancherorts
in niederschwelligen Beschäftigungsprogrammen arbeiten.
Ausserdem ist Betteln in vielen Schweizer Städten verboten
und wird polizeilich verzeigt.
Das Elend der Bettler, so die Meinung von Experten, wird
durch ein paar Franken nicht wirklich gelindert. Wer einem
Bettler Geld gibt, geht zwar sicher, dass das Spendengeld
eins zu eins beim Hilfsbedürftigen ankommt dessen
Armut wird aber nicht besiegt. «Armut kann nur mit professioneller
Hilfe und auf politischer Ebene bekämpft werden»,
ist der Zürcher Obdachlosenpfarrer Ernst Sieber überzeugt.
«Ein Bettler braucht nicht einen achtlos hingeworfenen
Franken.» Vielmehr benötige er menschliche Wärme
jemanden, der ihn an der Hand nehme, ihm Zeit schenke
und ihn eben gerade nicht wie einen Bettler behandle.
HIlfswerke helfen effizienter
«Ein Fünfliber für den Sieber ist mir darum
lieber», sagt der Pfarrer. Das Geld soll natürlich
nicht in seine eigene Tasche fliessen, sondern in eines seiner
Hilfswerke, die Obdachlosen Essen, Unterkunft, Schlafmöglichkeiten,
Arbeit und Betreuung anbieten.
Ähnlich tönt es bei der Aids-Hilfe. «Natürlich
wünschen wir, dass die Leute uns eine Spende machen»,
sagt Christoph Schlatter, Sprecher der Aids-Hilfe. «Ihr
Vorteil ist, dass sie in diesem Fall genau wissen, wo das
Geld landet und wofür es ausgegeben wird.»
Weitere Infos
Wo Spendengelder sinnvoll verwendet werden, erfahren Sie bei
der Stiftung Zewo, der Fachstelle für gemeinnützige,
Spenden sammelnde Organisationen, Telefon 01/366 99 55, www.zewo.ch.
Zweck der Zewo ist die Förderung von Transparenz und
Lauterkeit im Spendenmarkt Schweiz. Sie nimmt Stellung zu
Mittelbeschaffungsmethoden und weiteren Fragen rund um das
Spendenwesen. Die Zewo führt einen neutralen Informationsdienst
über gemeinnützige Organisationen mit und ohne Gütesiegel.
Alle Organisationen werden da nach den gleichen Richtlinien
beurteilt.
© Beobachter Ausgabe 11 vom 29. Mai 2003 - Alle Rechte vorbehalten











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