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Betteln: Almosen lösen das Problem nicht

Text:
  • Walter Noser
Ausgabe:
11/03

In der Schweiz muss heute niemand mehr verhungern. In den Städten trifft man trotzdem immer wieder auf Bettler. Wohltätige Organisationen bekämpfen diese Armut.

Der Mann kauert am Boden. Vor ihm liegt ein Karton mit

der Aufschrift «Ich habe Aids und Hunger». Daneben

schläft ein Hund. Längst sind solche Szenen nicht

mehr nur in ausländischen Grossstädten oder in ärmeren

Ländern an der Tagesordnung – auch hierzulande vergrössert

sich die Zahl der Bettler. Der Mann, von dem hier die Rede

ist, sitzt beim Bellevue in Zürich, der Stadt mit dem

angeblich weltweit höchsten Lebensstandard.

Soll man ihm etwas geben – oder nicht? Eine «richtige»

Antwort auf diese heikle persönliche Frage gibt es nicht.

Manche Leute machen aus Mitleid ein bisschen Münz locker.

Andere geben Geld, um damit ihr Gewissen zu beruhigen. Wieder

andere glauben, damit Kleinkriminalität verhindern zu

können.

Eigentlich müsste in der Schweiz niemand betteln gehen,

um über die Runden zu kommen. Das ist sogar in der Bundesverfassung

verankert: Jede Einwohnerin und jeder Einwohner hat «Anspruch

auf Hilfe und Betreuung und auf die Mittel, die für ein

menschenwürdiges Dasein unerlässlich sind».

Notleidende erhalten Sozialhilfe und können mancherorts

in niederschwelligen Beschäftigungsprogrammen arbeiten.

Ausserdem ist Betteln in vielen Schweizer Städten verboten

und wird polizeilich verzeigt.

Das Elend der Bettler, so die Meinung von Experten, wird

durch ein paar Franken nicht wirklich gelindert. Wer einem

Bettler Geld gibt, geht zwar sicher, dass das Spendengeld

eins zu eins beim Hilfsbedürftigen ankommt – dessen

Armut wird aber nicht besiegt. «Armut kann nur mit professioneller

Hilfe und auf politischer Ebene bekämpft werden»,

ist der Zürcher Obdachlosenpfarrer Ernst Sieber überzeugt.

«Ein Bettler braucht nicht einen achtlos hingeworfenen

Franken.» Vielmehr benötige er menschliche Wärme

– jemanden, der ihn an der Hand nehme, ihm Zeit schenke

und ihn eben gerade nicht wie einen Bettler behandle.

HIlfswerke helfen effizienter

«Ein Fünfliber für den Sieber ist mir darum

lieber», sagt der Pfarrer. Das Geld soll natürlich

nicht in seine eigene Tasche fliessen, sondern in eines seiner

Hilfswerke, die Obdachlosen Essen, Unterkunft, Schlafmöglichkeiten,

Arbeit und Betreuung anbieten.

Ähnlich tönt es bei der Aids-Hilfe. «Natürlich

wünschen wir, dass die Leute uns eine Spende machen»,

sagt Christoph Schlatter, Sprecher der Aids-Hilfe. «Ihr

Vorteil ist, dass sie in diesem Fall genau wissen, wo das

Geld landet und wofür es ausgegeben wird.»

Weitere Infos

Wo Spendengelder sinnvoll verwendet werden, erfahren Sie bei

der Stiftung Zewo, der Fachstelle für gemeinnützige,

Spenden sammelnde Organisationen, Telefon 01/366 99 55, www.zewo.ch.

Zweck der Zewo ist die Förderung von Transparenz und

Lauterkeit im Spendenmarkt Schweiz. Sie nimmt Stellung zu

Mittelbeschaffungsmethoden und weiteren Fragen rund um das

Spendenwesen. Die Zewo führt einen neutralen Informationsdienst

über gemeinnützige Organisationen mit und ohne Gütesiegel.

Alle Organisationen werden da nach den gleichen Richtlinien

beurteilt.

© Beobachter Ausgabe 11 vom 29. Mai 2003 - Alle Rechte vorbehalten

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