Bundesbahnen: Die Angst vor Übergriffen fährt mit
Vandalismus, Tätlichkeiten, Schwarzfahrer: Mit Videokameras und Polizeipräsenz wollen die SBB die Negativentwicklung stoppen. Mehr Zugbegleiter wären sinnvoller – und billiger.

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«Geronimo», nach dem Kriegshäuptling der
Apachen, nannten die SBB die Grosskontrolle von 23000 Reisenden
vor Jahresfrist im Jurabogen. Doch wer aus der Aktion als
Sieger hervorging, war nicht immer klar. Jeder zehnte der
2149 Schwarzfahrer entzog sich der Kontrolle durch Flucht.
62 mussten gar der Bahnpolizei oder der Kantonspolizei
übergeben werden.Seit dem Abbau des Zugpersonals stellen
die SBB zwar weiterhin Lokomotive und Waggons bereit. Doch
was sich in den einzelnen Zugseinheiten abspielt, scheint
sie nur noch im Rahmen von Stichproben zu interessieren. «Aus
Fahrgästen sind Passagiere geworden», sagt Peter
Schwarzenbach, Betriebspsychologe und Berater verschiedener
Unternehmen.
Die Konsequenzen des kondukteurlosen Betriebs lassen sich
mittlerweile nicht mehr übersehen, auch wenn die SBB-Sprecher
Christian Ginsig und Roger Baumann unermüdlich betonen,
dass die Zahl der Vandalenakte mit einem jährlichen
Schaden von 15 Millionen Franken nicht zunehme. Auch
die Zahl der Tätlichkeiten gegen Personal und Passagiere
bleibe mit jährlich rund 140 Fällen konstant, «wobei
sich die Mehrheit zudem in begleiteten Zügen ereignet».
Allerdings nicht nur dort: Schlagzeilen machte vergangenen
Sommer die Vergewaltigung einer jungen Frau in der unbegleiteten
Zürcher S-Bahn.
Ein anderes Bild zeigen die Statistiken der SBB-Tochtergesellschaft
Securitrans. Unter den über 5000 Meldungen, die seine
Leute an die Zentrale machten, stellte Geschäftsleiter
Martin Graf innerhalb eines Jahres eine auffällige Zunahme
bei den Sachbeschädigungen fest. Und die Zahl der Personen,
die an die Polizei übergeben werden mussten, stieg im
Verlauf von zwölf Monaten von 845 auf 1133.
Die Gründe für Aggressionen und Kriminalität
sieht Psychologe Schwarzenbach in der «Anonymität»,
die die SBB heute in ihren unbegleiteten Zügen erzeugen.
Für Schwarzenbach ist es daher zwingend, den früheren
Zustand wieder einzuführen: «Menschen wollen von
Menschen betreut werden.» Dieser Schritt zurück
sei letztlich einer in die Zukunft. Als zusätzliche Sicherheit
sollten die Zugbegleiter auf heiklen Linien mit der Unterstützung
von in Zivil gekleideten Bahnpolizisten rechnen
können. Von den Anstrengungen der SBB, Vandalen mittels
Stichproben à la «Geronimo» wieder zur
Räson zu bringen, hält er nicht viel: «Solche
Kontrollen fördern in erster Linie Aggressionen.»
Die nationale Bahn legt ihre Schwergewichte aber anders.
Paul Blumenthal als Chef der Division Personenverkehr setzt
zurzeit in erster Linie auf Technik und Polizeipräsenz.
Videokameras, deren Anschaffung pro Zug mit 210000 Franken
fast so viel wie das Jahressalär von zwei Kondukteuren
kostet, sollen Fahrten auf kritischen Strecken überwachen.
Gleichzeitig wird die uniformierte Bahnpolizei weiter aufgestockt.
Sie patrouilliert nicht nur, sondern überwacht
mit Handschellen und Schlagstöcken ausgerüstet
nun auch die Zugänge zu den neuen Treffpunktwagen der
Zürcher S-Bahn.
Eine durchgehende Begleitung der Züge durch die vertrauten
Kondukteure ist für Blumenthal allerdings keine valable
Lösung, weil «diese sich ebenso unsicher fühlen
wie die Passagiere und sie zudem keine polizeilichen Kompetenzen
haben. Sie sind für den Kundendienst ausgebildet.»
Ausserdem stelle sich die Frage, wer die Kosten für das
zusätzliche Personal übernehme: «Wenn der
Bund und die Kantone zahlen, machen wir alles für die
Sicherheit.»
Glaubt man Judith Hauptlin, Beraterin für öffentlichen
Verkehr, braucht es aber den Obolus von Bund und Kantonen
gar nicht. Hauptlin hatte die Kosten einer Wiedereinführung
der Kondukteure bereits 1995 berechnet und zusammen mit dem
Verkehrs-Club der Schweiz vorgestellt. Die Verfasserin geht
in ihrer Studie von der Annahme aus, dass grundsätzlich
jeder Regionalzug wieder begleitet werden soll, was mindestens
700 neue Stellen erfordert. Auf den heutigen Kostenstand umgerechnet,
entstehen damit den SBB zwar jährliche Personalausgaben
von rund 77 Millionen Franken. Doch das wären immer noch
bis zu 20 Millionen weniger als jene Kosten, die der Personalabbau
verursacht. Zusätzliche Sicherheitskräfte und Personal
für Kontrollen, Vandalismus, Einnahmeausfälle durch
Schwarzfahrer und potenzielle Kunden, die aus Angst aufs Bahnfahren
verzichten: All dies kostet gemäss Hauptlin, dem heutigen
Stand angepasst, jährlich 92 bis 97 Millionen Franken.
Zu lange tatenlos zugesehen
Die SBB haben sich bislang aber nicht mal die Mühe gemacht,
diese Untersuchung nachzuprüfen. Laut Paul Blumenthal
gibt es zwar «Hochrechnungen», aber keine eigenen
Studien. Die Geschäftsleitung hört offenbar auch
nicht auf Stimmen ihrer Mitarbeiter. So würde beispielsweise
Jürg Hurni, Vizezentralpräsident des Zugpersonalverbands
und seit 25 Jahren bei den SBB, eine Wiedereinführung
der Zugbegleiter auf allen Kompositionen als «enorme
Verbesserung» begrüssen.
Derselben Ansicht ist sein Kollege Urs Langenstein, Präsident
des Zugpersonalverbands im Kanton Genf, wo Vandalismus und
Tätlichkeiten besonders grassieren: «Die Verstärkung
der Bahnpolizei ist zwar gut, aber das ist nur eine kurzfristige
Lösung. Die SBB müssen die heutige Situation mit
dem kondukteurlosen Betrieb überdenken.»
Die SBB müssen sich auch den Vorwurf gefallen lassen,
die Sache verschlafen zu haben. Erst kürzlich hat Blumenthal
sie zur Chefsache erklärt, während andere Bahnen
im Land bereits entscheidend weiter sind. So hat die Südostbahn
eine regelmässige Zugbegleitung für alle Fahrten
ab 20 Uhr gar nie aufgegeben. Mit gutem Grund, wie Bruno Irniger
als Bereichsleiter des Stations- und Zugpersonals festhält:
«Wir machen mit der Begleitung sehr gute Erfahrungen,
nicht nur zur Vorbeugung gegen Vandalismus, sondern auch zur
Sicherung der Einnahmen.» Kämpfen die SBB auf Strecken
wie im Jurabogen mit neun Prozent Schwarzfahrern, so liegt
die Quote bei der Südostbahn bei gerade mal rund einem
Prozent.
Begleiter immer mehr gefragt
Auch Anna Barbara Remund, Mitglied der Geschäftsleitung
der BLS Lötschbergbahn AG und Verantwortliche der Ende
2004 startenden Berner S-Bahn, denkt laut darüber nach,
die Züge zumindest in den Randstunden regelmässig
mit Kondukteuren zu besetzen. «Die Vorstellung, dass
da einfach niemand mehr da ist, gefällt mir nicht. Einzig
die Präsenz von Menschen vermag die Anonymität zu
brechen und den Fahrgästen Sicherheit zu vermitteln.»
Eine Haltung, der Kriminologe Martin Killias, Professor an
der Universität Lausanne, ohne Vorbehalt zustimmt: «Der
optische und akustische Kontakt zwischen Personal und Fahrgästen
ist entscheidend. Deshalb passiert in Bussen viel weniger.»
Solche Gedanken, die schliesslich zu einer zumindest teilweisen
Zugbegleitung führen könnten, macht man sich bei
den SBB zwar auch; sie sind Bestandteil eines «extrem
breiten Massnahmenspektrums». Aber bislang sind sie
Papier geblieben. Umgesetzt wird vorläufig nur, was sich
mit Technik, Stichkontrollen oder Schlagstock lösen lässt.
Die SBB verkennen dabei, was für den Psychologen Schwarzenbach
immer offensichtlicher wird: Waren die Reisenden bis vor kurzer
Zeit noch fähig, sich in den Abteilen friedlich und selbstständig
zu organisieren, so gilt das heute nur noch eingeschränkt.
Deshalb werden Zugbegleiter nicht weniger wichtig, sondern
immer wichtiger. Ihre grosse Zeit beginnt erst.
Dieser Beitrag erscheint in Zusammenarbeit
zwischen Beobachter und Schweizer Fernsehen DRS. Redaktionelle
Verantwortung: Monika Zinnenlauf.
© Beobachter Ausgabe 20 vom 03. Okt 2002 - Alle Rechte vorbehalten











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