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Familienreisen: Dem Stress davonfahren

Text:
  • Dominique Spirgi
Ausgabe:
5/03

Wer mit der Familie in die Ferien fährt, braucht oft starke Nerven. Gute und frühzeitige Planung ist die halbe Erholung.

Ab Kilometer sieben wird die Autofahrt in die ersehnten Ferien zum Horrortrip. Beim achtjährigen Sohn mehren sich die Zeichen, dass er sich gleich übergeben wird. Dies bestärkt die pubertierende Tochter in der Meinung, dass es nichts Uncooleres gibt als Familienferien. Als die Familie endlich am Ziel angelangt ist, stellt sich heraus, dass das «Ferienhaus in Strandnähe» gute zehn Kilometer vom Meer entfernt liegt und viel zu wenig Platz bietet.

Familienferien können zur reinsten Tortur werden – vor allem dann, wenn sie von Grund auf falsch geplant worden sind. «Man kann das Unglück geradezu provozieren», sagt Susy Signer, Psychologin und Leiterin der Familien- und Erziehungsberatung Basel. Wenn zum Beispiel eine Familie ohnehin zu Konflikten neige, dann sei es sinnvoll, für alle Beteiligten genügend Freiräume einzuplanen. «Wird eine solche Familie in einem Wohnmobil oder Hausboot zusammengepfercht, sind Konflikte programmiert.»

Unnötigem Stress kann vorgebeugt werden, wenn etwa die Sprösslinge bei der Ferienplanung mitreden dürfen. «Das bedeutet aber nicht, dass die Kinder alles bestimmen sollten», betont Familienberaterin Signer. «Auch die Eltern haben ein Recht, in den Ferien auf ihre Kosten zu kommen.» Dann gilt es, aus allen Wünschen und Erwartungen ein Ferienprofil zu schaffen, das sich dann auch noch in einem realistischen Budgetrahmen bewegen muss.

Nicht alle wollen das Gleiche

 

Dabei sollte man sich aber keine falschen Hoffnungen machen: Familien, in denen alle Mitglieder dieselben Interessen haben, sind die Ausnahme. Eher der Realität entsprechen dürfte die Familie mit der Mutter, die nach purer Entspannung lechzt, dem Vater, den es ständig auf die Wanderrouten treibt, dem kleinen Sohn, der mit anderen Kindern spielen möchte, und der halbwüchsigen Tochter, die vor allem am Nachtleben interessiert ist.

Eine solche Familie ist in einem Ferienklub mit Kinderbetreuung am besten aufgehoben. Auch die so genannten «Familienorte Schweiz» mit dem Gütesiegel «Familien willkommen» bieten einige Gewähr, dass auch Familien mit divergierenden Interessen auf ihre Kosten kommen.

Wer gründlich plant, schont das Portemonnaie, denn durch frühzeitige Reservation lassen sich die günstigsten Angebote sichern. Urlaub mit Kindern kann teuer werden: Zwei Wochen Badeferien in der Hochsaison reissen einer vierköpfigen Familie rasch ein Loch von 6000 bis 10000 Franken in die Haushaltskasse. Das ist mehr, als sich viele leisten können oder sollten. «Das Ferienbudget sollte in vernünftigem Verhältnis zum Gesamtbudget einer Familie liegen», rät Susy Signer. «Auf keinen Fall sollte man sich für die Ferien verschulden.» Ist das Budget knapp bemessen, sind Ferien zu Hause, mit regelmässigen Ausflügen, die bessere Lösung als die Aufnahme eines Kredits zur Finanzierung eines Ferienflugs in die Karibik.

Schweizers lieben die Schweiz

Im Durchschnitt reist Familie Schweizer für ihre Ferien ohnehin nicht ganz so weit weg. «Die meisten Familien verbringen ihre Ferien im eigenen Land», sagt Touristikexperte Christian Laesser von der Universität St. Gallen.

Dies gilt zumindest, solange die Kinder jünger als 15 Jahre sind. Werden die Sprösslinge älter, reisen viele Familien in fernere Gefilde. Laesser hat die Zahlen in der Publikation «Reisemarkt Schweiz» zusammengetragen: 64 Prozent aller «familienorientierten Reisen» von Schweizerinnen und Schweizern führen an ein Ferienziel im eigenen Land – hauptsächlich ins Tessin, ins Wallis oder nach Graubünden. Je acht Prozent der Familien zieht es nach Italien und nach Frankreich, 4,7 Prozent reisen nach Österreich, 3,7 Prozent nach Deutschland und 2,5 Prozent nach Spanien.

Auch Trennungen tun gut

Die Hauptreisemonate für Familienferien, die im jährlichen Durchschnitt 7,4 Tage dauern, sind Februar, Juli und August. Familien verbringen ihre Ferientage häufiger in Ferienwohnungen oder bei Verwandten und Bekannten als in Hotels. Und wenn es doch ins Hotel geht, dann werden die günstigeren Zwei- bis Dreisternehäuser bevorzugt.

So wichtig und schön Familienferien auch sind – Jung und Alt sollten während dieser Zeit auch mal getrennte Wege gehen können. «Den Eltern kann es ganz gut tun, für ein paar Tage im Jahr ohne ihre Kinder zu verreisen», meint Susy Signer. Und auch die Kinder nehmen keinen Schaden, wenn sie einmal ohne die Eltern in die Ferien fahren. Ab dem frühen Schulalter bieten sich dafür beispielsweise Lagerferien an. Und ab etwa 16 Jahren sollten die Kinder dann auch mal auf eigene Faust Ferien machen dürfen.

© Beobachter Ausgabe 5 vom 07. Mär 2003 - Alle Rechte vorbehalten

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