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Geburt
Der sichere Schnitt ins Leben?
Böse Zungen meinen, er passe gut in den Terminplan einer Frau. Zudem verdiene das Spital viel Geld damit. Dabei gibts sachliche Gründe, warum Kinder per Kaiserschnitt zur Welt kommen - und warum nicht.
Kaum eine andere Operation wird so emotional diskutiert wie der Kaiserschnitt. Und vor allem beim «Kaiserschnitt auf Wunsch» kursieren viele Vorurteile. Etwa dass Promis wie Victoria Beckham schlechte Vorbilder seien: Wegen ihrer Bekenntnisse zum Kaiserschnitt wollten immer mehr Frauen ebenfalls einen geplanten Eingriff, und das aus rein egoistischen Gründen. Weil sich die Geburt terminlich planen lässt, es keinen Stress mit den Wehen gibt oder das Sternzeichen fürs Kind gerade passt.
«In gewissen Kreisen mag das so sein, und deshalb ist der Kaiserschnitt in Verruf geraten», sagt Lucia Mikeler, Präsidentin des Schweizerischen Hebammenverbands. Doch die meisten Frauen wünschten einen Kaiserschnitt keineswegs aus «Lifestyle-Gründen». Was jedoch zunehme, seien Ängste und Unsicherheiten. Frauen fürchten sich zum Beispiel davor, bei der Geburt die Kontrolle zu verlieren. «Heutzutage scheint alles planbar, alles machbar. Angesichts dessen kommt vielen Frauen eine Geburt vor wie ein unkalkulierbares Risiko.»
Geburt à la carte
Ähnliche Tendenzen sieht Michael Singer, Zürcher Facharzt für Gynäkologie und Geburtshilfe. Erstgebärende werden immer älter. Und je älter sie sind, desto wichtiger werden Vernunfts- und Risikoüberlegungen. Frauen wollen das Beste und das Sicherste für ihr erstes und wohl einziges Kind. Für Singer sind das nachvollziehbare und ernstzunehmende Gründe. Der Wunschkaiserschnitt aus reiner Zweckmässigkeit, etwa weil er gerade in den Terminplan passt, sei hingegen sehr selten.
Nach Angaben des Bundesamts für Statistik (BfS) kommt jedes dritte Kind in der Schweiz per Kaiserschnitt zur Welt. Innerhalb von fünf Jahren ist der Anteil der Kaiserschnittgeburten um rund einen Viertel gestiegen. Allein mit dem höheren Durchschnittsalter der Schwangeren lasse sich der Anstieg aber nicht erklären. In der BfS-Erhebung «Gebären in Schweizer Spitälern» werden neben dem Alter folgende weitere Gründe genannt: Schwangere und Ärzte bedenken heute eher die körperlichen Folgen einer natürlichen Geburt wie Blasenschwäche oder eine Senkung der Gebärmutter. Weiterer Grund: Das Hebammenwissen wird zu wenig genutzt. Zudem verdienen die Kliniken an einer Schnittentbindung mehr und schützen sich mit dem geplanten Eingriff vor Haftungsprozessen.
Schätzungsweise elf Prozent der Kaiserschnitte wurden 2004 allein auf Wunsch der Schwangeren vorgenommen - das heisst, medizinisch gesehen wären diese Eingriffe nicht notwendig gewesen. Solche Wunschkaiserschnitte haben zugenommen, sagt Roland Zimmermann, Direktor der Klinik für Geburtshilfe am Zürcher Unispital. Was als medizinischer Grund gilt, sei jedoch ein dehnbarer Begriff. Ärzte und Kliniken haben Spielraum, was sie als notwendig einstufen. So können psychologische Gründe wie die Angst vor Schmerzen, die Sorgen um die eigene Gesundheit oder Bedenken, dass dem Kind bei der Geburt etwas passiert, ausschlaggebend für einen Kaiserschnitt sein. Die Schweizerische Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe hat all diese Gründe als «medizinische Indikationen im weiteren Sinne» definiert. «Seit man mit diesen zusätzlichen Kriterien den Kaiserschnitt enttabuisiert hat, sprechen Schwangere offener über ihre wahren Beweggründe. Sie müssen nicht mehr um einen Kaiserschnitt betteln», hat Michael Singer beobachtet.
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Ein Restrisiko bleibt - immer
Für die Mehrzahl der Schwangeren sei eine natürliche Geburt immer noch die beste, hält Michael Singer fest. Zu bedenken gibt er jedoch, dass auch eine Geburt ohne Komplikationen als schlechtes Erlebnis in Erinnerung bleiben oder Auslöser für spätere Beschwerden sein kann. Schmerzhafte Narben nach einem Dammschnitt oder Dammrisse zählen dazu. Laut Roland Zimmermann kann bei einer natürlichen Geburt zudem immer etwas Unerwartetes passieren. Sie gelingt in 60 bis 80 Prozent der Fälle ohne Komplikationen. Bei je 10 bis 20 Prozent braucht es jedoch eine Entbindung mit Saugglocke oder Zange - oder einen Notfallkaiserschnitt. Vielen Schwangeren und Ärzten scheint daher ein geplanter Kaiserschnitt heute die erträglichere und sicherere Option. Erst recht, wenn die Frau schon eine schwierige Geburt erlebt habe und es ihr entwürdigend vorgekommen sei, so lange leiden zu müssen, so Zimmermann.
Hebamme Lucia Mikeler hat jedoch auch schon viele Schwangere begleitet, die «eine Probegeburt» wagten: Sie wollten es mit einer natürlichen Geburt versuchen, obwohl die Erfolgsaussichten nur bei 40 Prozent lagen und die Frauen wussten, dass es vielleicht doch zu einem Kaiserschnitt kommt. Die Hebamme zollt den Frauen Respekt, die diesen Weg wählten - sie respektiert aber auch den Entschluss jener, die sich das nicht zumuten wollen.
Nach Mikelers Erfahrung wünschen sich die meisten Frauen nach wie vor eine Geburt aus eigener Kraft. Jenen Schwangeren, die einen Kaiserschnitt in Betracht ziehen, rät sie, eine natürliche Geburt nicht von vornherein auszuschliessen. Oft liessen sich Ängste mit Gesprächen und einer guten Begleitung während der Schwangerschaft abbauen. Vielen Frauen sei etwa nicht bewusst, dass Geburtsschmerzen mit einer Teilnarkose gelindert werden können.
Michael Singers Fazit: Frauen sollten die Wahl haben, wie sie ihr Kind zur Welt bringen. Es stünden heute mit natürlicher Geburt und Kaiserschnitt zwei medizinisch gleichwertige Möglichkeiten zur Auswahl. Roland Zimmermann aber betont, Schwangere sollten sich bewusst sein, dass sie mit der Operation ein Risiko für ihre Gesundheit und die des Kindes in Kauf nehmen (siehe «Kaiserschnitt: Das sollten Sie wissen»). Und sie nehmen sich damit das «Geburtserlebnis» - vielen Frauen sei das Gefühl wichtig, «es geschafft zu haben».
Kaiserschnitt: Das sollten Sie wissen
Ärzte unterscheiden zwischen primärem und sekundärem Kaiserschnitt. Der primäre Kaiserschnitt ist ein geplanter Eingriff, bei dem medizinische Gründe vorliegen: Quer- oder Schräglage des Kindes, Steisslage, ein zu grosses Kind fürs Becken der Mutter, Mehrlingsgeburt, Risikofaktoren wie Diabetes oder Bluthochdruck. Durchgeführt wird die Operation, bevor die Fruchtblase platzt und die Wehen einsetzen, oft zwischen der 38. und 39. Woche.
Gibt es bei der Geburt Komplikationen, bei denen Mutter oder Kind in Gefahr geraten, braucht es den sekundären Kaiserschnitt - eine Notoperation. Häufiger Grund: Die Herztöne des Kindes verschlechtern sich. Der Eingriff kann auch notwendig werden, wenn sich die Geburt zu lange hinzieht, ohne dass sich der Muttermund weiter öffnet, oder wenn Infektionen drohen.
Ein Kaiserschnitt ist mit Risiken verbunden. Bei der Frau kann es zu Thrombosen, starkem Blutverlust, Entzündungen und Wundheilstörungen kommen. Gebärmutter, Blase, Harnleiter und Darm werden manchmal verletzt. Die Operationsnarbe schmerzt oft lange. Bei einer weiteren Schwangerschaft kann die Narbe an der Gebärmutter eher reissen. Manchmal versperrt die Plazenta den Muttermund, das kann zu einem erneuten Kaiserschnitt führen. Für zwei von drei Frauen ist bei der nächsten Schwangerschaft jedoch eine normale Geburt möglich.
Auch für das Kind ist ein Kaiserschnitt nicht risikofrei: So leiden sie häufiger unter Problemen mit der Atmung. Im natürlichen Geburtsweg werden dem Kind die mit Fruchtwasser gefüllten Lungen ausgepresst, dieser Effekt fehlt beim Kaiserschnitt ohne Wehentätigkeit.
Werdende Eltern sollten die Vor- und Nachteile eines geplanten Kaiserschnitts abwägen und sich zu nichts drängen lassen. Empfehlenswert ist, sich eine zweite Meinung von einem Arzt oder einer Hebamme einzuholen. Die Kosten für einen Kaiserschnitt - sie können fast doppelt so hoch sein wie die einer normalen Geburt - trägt die Grundversicherung. Voraussetzung: Der Eingriff ist medizinisch notwendig.
Weitere Infos
- Schweizerischer Hebammenverband: www.hebamme.ch
- Berufsverband für Gymnastik und Bewegung, Fachgruppe Geburtsvorbereitung: www.geburt-sbg.ch
- Informations- und Beratungstelefon Appella: www.appella.ch
- Infos über Geburt und Schwangerschaft: www.swissmom.ch
- Hebammeninfos zum Thema Kaiserschnitt: www.kaiserschnitt.ch
© Beobachter Ausgabe 5 vom 05. Mär 2008 - Alle Rechte vorbehalten
