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Gesellschaft: Lose Sitten

Text:
  • Urs Zanoni
Ausgabe:
17/03

Rücksichtslose Autofahrer, gedankenlose Kollegen, schamlose Nachbarn: Gern wird das Schwinden von Anstand und Moral beklagt. Oder ist womöglich das Meckern über den Sittenverfall die wahre Unsitte?

«Arschloch», zischen Sie leise. Die Lifttür schliesst sich Millimeter vor Ihrer Nasenspitze, der Mittvierziger dahinter grinst süffisant. Auf der Treppe dann macht die Nachbarin vom vierten Stock keine Anstalten, Ihren Morgengruss zu erwidern. Und als Sie Ihren Frust mit einem Espresso runterspülen möchten, stellen Sie entnervt fest: Ihr Wohnpartner hat den Wassertank nicht nachgefüllt.

Es gelten keine klaren Regeln

Unachtsamkeiten, Demütigungen, Provokationen – warum ist diese Welt oft so ärgerlich? Für viele ist klar: Unsere Gesellschaft leidet an einem bedrohlichen Zerfall von Sitten und Moral. Doch tut sie das?

«Es ist alles eine Sache des Bezugspunkts», beschwichtigt der Zürcher Psychoanalytiker Peter Schneider: «Verglichen mit dem Paradies ist alles sicherlich nur schlechter geworden. Verglichen aber mit der Situation eines Bauern zur Zeit des Dreissigjährigen Kriegs oder eines Arbeiters Mitte des 19. Jahrhunderts ist der Befund nicht mehr so eindeutig.»

Verschiedene Studien zeigen aber auch: Es ist rauer geworden in unserem Land. Fast jede zehnte Körperverletzung geht auf Verkehrsquerelen zurück. Der Vandalismus kostet die SBB jährlich 15 Millionen Franken. Die Schäden an Schulhäusern lassen sich auf mindestens 40 Millionen Franken schätzen – pro Jahr.

Was sind die Gründe für diese Verrohung? Noch vor wenigen Jahrzehnten prägten klare Regeln das Zusammenleben. Mit den Jugendrevolten der sechziger Jahre und der zunehmenden Durchmischung von Lebensstilen und Kulturen kam ein Prozess in Gang, der noch immer anhält: Die Stichworte heissen Individualisierung und Erosion verbindlicher Normen.

In zahllosen Gruppen, die sich durch Alter, Herkunft, Glaube, Beruf oder Freizeit definieren, haben die Menschen zwar Orientierung im Kleinen gefunden – nur macht dies das Zusammenleben im Grossen komplizierter. Regeln «für alle» gibts längst nicht mehr. «Anstand» ist zu einem vieldeutigen Begriff geworden. Wer es gewohnt ist, leer getrunkene PET-Flaschen auf offener Strasse zu entsorgen, wird sich kaum daran stören, wenn andere dasselbe tun. Umgekehrt: Wer Wert auf ein gepflegtes Gespräch legt, dürfte es als unanständig empfinden, wenn sein Gegenüber plötzlich das Handy zückt und minutenlang mit einem Freund schwatzt.

«Ich habe überhaupt keine Hoffnung mehr für die Zukunft», sinnierte Aristoteles bereits vor 2400 Jahren. «Unsere Gesellschaft ist unerträglich, unverantwortlich und entsetzlich anzusehen.» Der griechische Philosoph würde heute wohl zu einem ähnlichen Befund kommen.

Samstagnachmittag im Gartenrestaurant auf dem Bachtel: «Jens will immer Analverkehr, aber ich kann damit nichts anfangen.» Die dunkelhaarige Mittdreissigerin lässt sich auch von erstaunten Blicken nicht aus der Ruhe bringen und führt ihren Sextalk am Handy ungerührt weiter. Einige Stunden später, nach dem Spiel des FC St. Gallen gegen den FC Thun, steht ein gutes Dutzend Männer an einem Drahtzaun und entledigt sich der angestauten Flüssigkeit.

Wohin man blickt, wird auf den Boden gespuckt, zwischen die Schenkel gegriffen und in der Nase gebohrt. Da werden die Schweissfüsse auf dem Lederpolster der 1. Klasse gelagert, die Fussnägel am Bistrotisch geschnitten und in der Kinopause die Brüste der Freundin massiert. Und das alles so selbstverständlich, als befände man sich in den eigenen vier Wänden. Schamhaftigkeit, laut dem Kulturhistoriker Norbert Elias (1897 bis 1990) ein Merkmal der Zivilisation, ist zum Nonvaleur geworden.

Für Peter Gross, Soziologieprofessor an der Universität St. Gallen, ist diese Entwicklung leicht erklärbar: «Wenn eine massenmedial überfütterte Gesellschaft geltungssüchtige Ichlinge und Exhibitionisten als Idole hervorbringt, fallen auch bei den einzelnen Menschen die Hemmungen und Hüllen.» Dabei sind Führungskräfte in Wirtschaft und Politik durchaus mitgemeint: «Wird in Entscheidungsgremien abgezockt und gemauschelt, muss man sich nicht wundern, dass Bezüger von IV-Renten, Arbeitslosengeld oder Sozialhilfe dasselbe versuchen.»

Gemeinwohl ist chancenlos

Daniel Staib, Projektleiter beim Gottlieb-Duttweiler-Institut, nennt das die «Ökonomisierung» der Gesellschaft: «Das Abwägen von Kosten und Nutzen durchdringt heute sämtliche Lebensbereiche, sei es beim Einkaufen, in der Liebe oder beim Zeitmanagement.» Und auch hier gilt: Die Grossen machen es vor, zum Beispiel wenn Unternehmen mit Buchungstricks die Gewinne schönen oder die Steuerbelastung senken – das Gemeinwohl ist chancenlos gegen die Eigeninteressen.

215 Jahre sind es her, seit Adolph Franz Friedrich Freiherr von Knigge sein wegweisendes Werk «Über den Umgang mit Menschen» schrieb. In der Zwischenzeit sind gegen tausend deutschsprachige Bücher zu Benehmen und Manieren erschienen. Heute gelten Anstandsratgeber, allen Alltagserfahrungen zum Trotz, als Verkaufsrenner. Und es gibt sie für jeden Lebensbereich: Reise-Knigge, Karriere-Knigge, Handy-Knigge, Auto-Knigge, Ess-Knigge, Flirt-Knigge, Schmink-Knigge, Tanz-Knigge.

Selbstlüge der Gutmenschen

Weshalb aber zeigen solche Ratgeber kaum Wirkung? Weil nur anständig sein kann, wer zur Einsicht bereit ist, dass er von Zeit zu Zeit auch unanständig ist. Doch viele Menschen zeigen lieber mit dem Finger auf die andern und gefallen sich in der Opferrolle: Schon wieder so ein «Tubel», der mir den Vortritt verweigert. Wieder so ein «Rüpel», der sich nach vorne drängt. Noch so ein «Idiot», der den Zigarettenstummel einfach wegschnippt.

«Es ist üblich, dass sich ein Mensch Vorteile verschaffen will – ganz egal in welcher Situation», sagt Horst Autzen, Koautor des Buchs «Ich mobbe gern!». «Nur bedeutet dies meist einen Verstoss gegen den Anstand.» Das Buch mit dem provokanten Untertitel «Die 10 ultimativen Strategien für mehr Lebensglück» ist eine satirisch-intelligente Abrechnung mit der täglichen Selbstlüge, der viele vermeintlich rücksichtsvolle Gutmenschen unterliegen. Denn Rücksichtslosigkeit ist weit vielschichtiger, als man glauben mag: Gerüchte streuen gehört genauso dazu wie falsches Lob oder ein vergessener Geburtstag. Deshalb heisst die erste und wichtigste Massnahme für mehr Rücksicht und Anstand: Lassen Sie Ihre Mitmenschen wissen, wenn Sie sich rücksichtslos oder unanständig behandelt fühlen. Damit helfen Sie sich selbst und den anderen.

Mag sein, dass Sie im einen oder anderen Fall als intolerant oder kleinkariert gescholten werden. Doch Toleranz, so ehrbar sie ist, kippt allzu leicht in Gleichgültigkeit um. Und die war für den Humanisten Erich Fromm (1900 bis 1980) mindestens so schädlich wie die Rücksichtslosigkeit: «Unser heutiges Problem ist nicht un- sere Verderbtheit, sondern unsere Gleichgültigkeit – uns selbst und der Zukunft gegenüber.»

Mitarbeit: Sibylle Stillhart, Ueli Zindel

© Beobachter Ausgabe 17 vom 22. Aug 2003 - Alle Rechte vorbehalten

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