Jugendliche: «Eltern reden über Dinge, die sie nicht kennen»
Fühlen sich Teenager von ihren Eltern zu sehr bevormundet? Lassen sie sich überhaupt noch etwas sagen? Der Beobachter befragte vier Berner Jugendliche, die am Ende ihrer Schulzeit stehen. Ihr Fazit: Die Jungen habens heute einfacher.

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Andrea Hänni, 17 (l.o.), beginnt eine KV-Lehre
Reto Fischer, 17 (l.u.), beginnt eine KV-Lehre
Annette Nusser, 17 (r.o.), beginnt eine Lehre als Informatikerin
Noah Inhauser, 17 (r.u.), plant eine Lehre als Polygraph
Beobachter: Was ist bei euch zu Hause strengstens verboten?
Reto: Meine Eltern hätten es gar nicht gern, wenn ich zu Hause rauchen würde. Alkohol trinken auch nicht. Das wäre das Schlimmste.
Noah: Ja, das sehen meine Eltern auch gar nicht gern.
Annette: Ich rauche zu Hause. Und trinke auch.
Beobachter: Keine Probleme mit den Eltern?
Annette: Nein. Beide rauchen ein Paket pro Tag. Auch Bier und Wein sind erlaubt.
Beobachter: Wer erzieht zu Hause wen: die Eltern euch oder ihr die Eltern?
Noah: Meistens die Eltern. Das geht eigentlich gut ausser ich bin ganz anderer Meinung. Sie lassen mir viel Freiraum und schnüffeln mir nicht immer hinterher. Damit haben sie früh aufgehört.
Annette: Manchmal reden die Eltern über Dinge, die sie gar nicht kennen. Kiffen sei ein Mist, sagen sie dabei haben sie es gar nie probiert. Das finde ich blöd.
Beobachter: Worüber habt ihr euch in den letzten Jahren zu Hause am häufigsten gestritten?
Reto: Bei mir ist es meistens um den Ausgang gegangen: Wann weg? Wie lange?
Andrea: Streit gab es bei mir deswegen eigentlich nicht, ein Thema ist der Ausgang aber schon. Unter der Woche habe ich gar nicht gross diskutiert, da ging ich von mir aus weniger fort.
Noah: Wo wohnst du?
Andrea: In Zimmerwald, einem kleinen Dorf auf dem Land.
Noah: Das wäre in der Stadt undenkbar. Ich wohne in Bern und wollte schon früh jeden Abend raus, auch unter der Woche.
Annette: Früher musste ich um Mitternacht zu Hause sein. Jetzt sagen sie nichts mehr, auch wenns drei oder vier Uhr wird.
Beobachter: Haben eure Eltern noch nie verlangt, dass ihr um 22 Uhr zu Hause seid?
Noah: Das könnte meine Mutter kaum durchsetzen. Deshalb verlangt sie es wohl auch nicht.
Annette: Ich würde mich nicht daran halten.
Andrea: Meist versuche ich Kompromisse einzugehen. Es ist auch schon vorgekommen, dass ich morgens um fünf nach Hause kam. Dafür bleibe ich dann vielleicht einen Abend mehr zu Hause.
Reto: Wenn ich an einem Freitag ganz spät nach Hause komme, haben sie mir auch schon für Samstag den Ausgang verboten. Aber meistens gibt es keine Probleme.
Beobachter: Und sonst, was war oder ist Auslöser für einen Streit?
Noah: Wir streiten wegen jeder Kleinigkeit. Ich habe mich manchmal richtiggehend hineingesteigert.
Reto: Ich hatte häufig Streit wegen meiner Schulnoten.
Noah: In der siebten und der achten Klasse gab es häufig Stress wegen der Schule.
Annette: Bei mir gab es mehr Streit um die Hausarbeiten und den Hund, zu dem ich besser schauen sollte.
Beobachter: Mit eurer Ordnung oder Unordnung gibt es keine Probleme?
Noah: Doch, sogar mehr als früher. Ich hatte jetzt einige Zeit lang zwei Zimmer, eines zu Hause und eines im Internat. Da war es schwieriger, Ordnung zu halten. Früher haben meine Kollegen immer geklagt über das «Gstürm» zu Hause. Bei mir war das irgendwie kein Thema vielleicht hat meine Mutter heimlich aufgeräumt.
Reto: In meinem Zimmer habe ich Ruhe. Wenn ich aber sonst im Haus eine Unordnung zurücklasse, bekomme ich es schon zu hören.
Andrea: In unserer Stube hat es einen Ofen, da deponiere ich häufig alles aus Bequemlichkeit. Früher hatte ich auch ein rechtes Puff im Zimmer. Meine Mutter hat mir immer wieder gesagt, ich solle endlich aufräumen. Und als ich dann länger weg war zum Beispiel in einem Lager , hat sie aufgeräumt.
Annette: Ich habe meistens ein Puff mit meinen Sachen. Meine Mutter sagt immer wieder: «Annette, jetzt räumst du endlich dein Zimmer auf.» Nach ein paar Wochen macht sie es dann jeweils selber.
Beobachter: Findet ihr das gut?
Annette: Ich bin froh. Müsste ich es selber machen, würde es sicherlich zwei Stunden dauern.
Andrea: Froh bin ich zwar auch, gut ist es aber sicher nicht. Irgendwann muss ich einen eigenen Haushalt führen können.
Beobachter: Habt ihr zu Hause auch schon bewusst Grenzen überschritten?
Reto: Ich hatte eine Zeit lang die Mode, mit dem Waschkorb die Treppe runterzurutschen. Meine Mutter hatte es mir immer wieder verboten probiert habe ich es dennoch. Nachdem ich in eine Wand gefahren war, hörte ich von mir aus damit auf.
Andrea: Ich habe manchmal die Nerven meiner Eltern getestet.
Annette: Das kenne ich auch.
Beobachter: Wie macht man das?
Andrea: Endlos über etwas völlig Nebensächliches diskutieren und nicht loslassen.
Annette: Genau, ein endloses «Gstürm» um nichts.
Noah: Oder man lässt in einem ungünstigen Moment eine 1.-August-Rakete los. Ich suche Grenzen aber nicht einfach so, sondern nur wenn ich etwas erreichen will.
Annette: Klar macht man manchmal etwas für den Kick. Meine Eltern waren einmal über Nacht weg ich war aber nicht sicher, ob sie doch noch auftauchen. Dennoch kam ein Kollege zu Besuch, und wir haben auf dem Balkon gekifft. Leider hörten wir nicht, als mein Vater morgens um vier Uhr zur Kontrolle anrief. Am nächsten Morgen habe ich ihm dann einfach erzählt, wir hätten schon geschlafen und das Telefon nicht gehört.
Beobachter: Welche Strafen wurden euch nach derlei Übertritten aufgebrummt?
Noah: Mir wurde oft angedroht, dass ich kein Sackgeld mehr erhalte. Meine Mutter hat es aber nie durchgezogen.
Andrea: Ich kann mich gar nicht an klare Regeln erinnern, die ich hätte überschreiten können. Meine Eltern haben mir immer vertraut. Deshalb wurde ich auch nie schwer bestraft.
Annette: Ich schon. Einmal wollte ich mit einer Kollegin an einen Eishockeymatch des SC Bern nach Ambri TI. Zu Hause haben wir beide erzählt, wir gingen über Nacht zu einer Freundin dabei fuhren wir im Car nach Ambri. Als meine Eltern das herausfanden, gab es eine zweistündige Standpauke und Hausarrest.
Reto: Eine solche Strafe habe ich nie erlebt. Mir wurde aber angedroht, dass das Sackgeld gestrichen wird, wenn ich rauche.
Beobachter: Glaubt ihr, dass eure Geschwister mehr dürfen als ihr?
Reto: Ich hatte immer das Gefühl, mein Bruder werde bevorteilt. Das war aber eher ein subjektiver Eindruck.
Annette: Meine Schwester ist sieben Jahre älter als ich. Sie sagt immer wieder, das und das sei ihr in diesem Alter nicht erlaubt worden. Aber so ist es halt die heutige Jugend ist anders als vor sieben Jahren.
Beobachter: Wie denn?
Andrea: Früher war alles viel strenger, und die Jungen kamen weniger auf die Idee, etwas Verbotenes zu machen. Wir profitieren sicher vom Fortschritt.
Reto: Ich glaube auch, dass vieles lockerer geworden ist. Wir wissen mehr und haben mehr Möglichkeiten als die Jugendlichen vor uns. Die Bremse hat sich gelöst.
Beobachter: Ist sie gar etwas zu locker geworden?
Andrea: Nein.
Noah: Sicher nicht.
Beobachter: Auch in der Schule gab es Regeln zur Ordnung, zum Rauchen, zum Trinken. Habt ihr euch daran gehalten?
Reto: Meistens schon. Ich hatte eigentlich nie Probleme, weil ich auch nicht rauche.
Andrea: Ich auch nicht.
Noah: Das kann ich nicht behaupten.
Beobachter: Was heisst das?
Noah: Wir waren immer eine ganze Gruppe, die irgendwo rund ums Schulhaus geraucht hat.
Worin lag da der Reiz?
Noah: Einen Reiz suchte ich eigentlich gar nicht. Es war einfach so, und fast alle haben mitgemacht.
Reto: Meine erste Zigarette habe ich mit einem Kollegen in einer Baumhütte ausprobiert. Der Reiz lag da sicher auch darin, etwas auszuprobieren und mit dem Feuer zu spielen. Zum Glück hat uns niemand erwischt.
Noah: Ich bin in der Schule öfters beim Rauchen erwischt worden. Dann gab es einen Brief nach Hause, mehr nicht.
Annette: Bis zur neunten Klasse durften wir im Umkreis des Schulhauses nicht rauchen. Dennoch sind wir sogar in der kleinen Pause abgehuscht und haben geraucht. Ich hatte Glück und wurde nie erwischt.
Beobachter: Seid ihr wegen der Zigarette verschwunden oder wegen der Lust am Verbotenen?
Noah: Ich habe es immer wie einen kurzen Gruppenausflug in eine andere Welt erlebt.
Reto: Der Kick kommt aber sicher auch dazu.
Annette: Bei mir waren es ein Viertel Kick und drei Viertel Nikotinsucht.
Beobachter: Und wie sieht es mit anderen Grenzüberschreitungen aus, zum Beispiel einem kleinen Diebstahl?
Andrea: Klauen hat für mich keinen Reiz.
Noah: Sicher ist die Spannung da, ob etwas passiert. Die Hoffnung ist aber, dass nichts passiert.
© Beobachter Ausgabe 16 vom 02. Aug 2001 - Alle Rechte vorbehalten











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