Kinder im Spital
Die Angst gemeinsam überwinden
Operationen und Spitalaufenthalte sind für Kinder oft eine psychische Belastung. Deshalb sollten die Eltern sie behutsam darauf vorbereiten – auch wenn sie selbst nervös sind.

(Bild: Caro)
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Die vierfache Mutter Karin Gonseth, 38, aus Riggisberg BE war dabei, als ihr Sohn Joël, damals ein Jahr alt, am Auge operiert wurde. Das einschneidende Erlebnis beschäftigt sie noch heute.
Gonseth sah auf dem EKG-Monitor plötzlich nur noch eine gerade Linie: kein Herzschlag mehr! «Zum Glück», sagt die Mutter heute, «war dies nur ein technischer Defekt. Die Elektroden hatten sich verschoben.»
Für Karin Gonseth ist es heute fast schon Routine, wenn eines ihrer Kinder unter das Messer muss: Zehnmal wurden sie insgesamt schon operiert. Meist Routineeingriffe, wie die Entfernung der Mandeln sowie die Operation einer verengten Vorhaut. Sie stehen auf der Liste typischer Kinderoperationen ganz oben. «Zu hoch stehende Hoden, ein Leistenbruch oder die Korrektur abstehender Ohren gehören auch dazu», sagt Beat Hanimann, stellvertretender Chefarzt und Chirurg am Kinderspital St. Gallen.
Eine gute Vorbereitung vor einem Eingriff ist aber wichtig, um das Interesse der Kinder zu wecken und Ängste abzubauen. «Ich habe mich jeweils vorgängig mit Ärzten unterhalten, Bücher gelesen und erst dann meinen Kindern erklärt, was bei der Operation passieren wird», sagt Karin Gonseth. So habe sie etwa die Beruhigungsmittel, die den Kleinen vor der Operation verabreicht werden, mit dem Wort «Schlafsirup» umschrieben. Und die Narkose mit einer «Maske, wie sie der Pilot im Düsenjet anzieht».
Eltern sollten ihre Kinder bis vor den Operationssaal begleiten, aber nicht weiter. Im Kinderspital St. Gallen müssen sich Eltern vor der Lifttür von ihrem Kind verabschieden. «Die kleinen Patienten werden mit Medikamenten beruhigt und bekommen ohnehin nicht mehr viel von dem mit, was um sie herum passiert», sagt Kinderchirurg Beat Hanimann. Zudem könne es Eltern verunsichern, wenn die Narkose zu wirken beginne «Viele Kinder verdrehen dabei die Augen. Das kann natürlich beängstigend aussehen.»
Beim Aufwachen Mami und Papi sehen
Wer unbedingt mit in den Operationssaal will, tut gut daran, sich vorher zu überlegen, was er sich selbst zumuten kann. «Nicht alle ertragen den Anblick von Spritzen, Infusionen oder Blut beim eigenen Kind», sagt der Berner Kinderchirurg Martin Tönz. Dem einen oder anderen Elternteil sei auch schon schlecht geworden. Ärzte könnten sich zudem gestört fühlen. «Sie brauchen Routine und Erfahrung, um in Anwesenheit von Eltern ruhig operieren zu können», sagt Tönz.
Deshalb ist meist vor der Operationstür Schluss. Dort beginnt die Zeit des Wartens. Eine Mandeloperation dauert inklusive Vorbereitung eine Stunde, ein Leistenbruch zwischen einer halben und einer Stunde. Länger dauert mit rund zwei Stunden die Blinddarmoperation. Danach werden die Eltern sofort benachrichtigt. «Es ist uns sehr wichtig, dass die Kinder beim Aufwachen gleich einen Elternteil sehen», erklärt Kinderchirurg Hanimann.
«Ich habe Mamis Gesicht zuerst gar nicht richtig gesehen. Alles war verzerrt, das hat mir Angst gemacht», erinnert sich Joël ans Aufwachen nach der letzten Narkose. Ein Phänomen, das etwa jedes fünfte Kind erlebt. «Sie können in der Aufwachphase verwirrt und erregt sein und ihr Umfeld vorerst verzerrt wahrnehmen», erklärt Hanimann. Einige Kinder erbrechen auch oder schlafen die Narkose kräftig aus.
Kleinkinder erholen sich schneller und schlafen ruhiger, wenn Mami und Papi im Spital anwesend sind – auch nachts. 95 Prozent der Kinder sind allgemein versichert. In manchen Spitälern gibt es Einzelzimmer für Mutter und Kind, die gegen Aufpreis gemietet werden können. In St. Gallen etwa kostet ein Mutter-Kind-Zimmer 30 Franken pro Nacht, ohne Verpflegung. Das Kinderspital Luzern verlangt inklusive Vollpension 125 Franken.
Sind diese Zimmer besetzt, kann ein Elternteil kostenlos auf einem Klappbett neben dem Kind übernachten. Die Platzverhältnisse sind jedoch oft prekär. Eltern von privat oder halbprivat versicherten Kindern dürfen ohne Aufpreis in einem Einzelzimmer schlafen, bezahlen jedoch – wie etwa im Kinderspital Luzern – die Mahlzeiten meist selbst.
Buchtipps
Janosch: «Ich mach dich gesund, sagte der Bär»; Diogenes-Verlag, Fr. 23.70. Zum Vorlesen für Kleinere, auch zum Selberlesen für Grössere
Alfons Weber: «Elisabeth wird gesund»; Anja-Verlag, 28 Franken. Der Klassiker. Ab fünf Jahren
Charlotte Roederer: «Im Krankenhaus»; Bibliographisches Institut, Fr. 14.70. Ab fünf Jahren
Norbert Golluch: «Ich weiss was vom Krankenhaus»; Betz-Verlag, Fr. 23.60. Ab vier Jahren
© Beobachter Ausgabe 4 vom 17. Feb 2005 - Alle Rechte vorbehalten











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