Koni Rohner zur Beziehung
«Ich möchte sie loswerden»
Frage: Ich bin seit vier Jahren mit einer Frau aus Ungarn verheiratet. Nun mussten wir ihre Kinder aus erster Ehe zu uns nehmen, weil die Grosseltern sie nicht mehr betreuen können. Der Junge kann sich gut anpassen, aber mit dem 16-jährigen Mädchen gibt es ständig Streit. Ich fühle mich ausgenutzt und ausgeschlossen, denn meist reden die drei in ihrer Muttersprache miteinander. Am liebsten würde ich sie alle los. Rolf G.

(Bild: Jupiterimages)
So einfach lässt sich das Problem wohl nicht lösen. Man kann seine Ehefrau nicht einfach wegschicken. Die drei würden sicher auch nicht freiwillig gehen, denn sie scheinen ja offensichtlich auf Ihre Unterstützung angewiesen zu sein. Es bleibt Ihnen also nichts anderes übrig, als sich den Konflikten zu stellen und diese zu bewältigen.
Ich sehe zwei Problemkreise: Einerseits geht es um die Beziehung zu Ihrer Frau. Sagen Sie ihr, dass Sie sich ausgeschlossen fühlen, und bitten Sie sie, in Ihrer Gegenwart Deutsch zu sprechen. Der zweite Konflikt besteht offenbar zwischen Ihnen und dem Mädchen im Jugendalter. Das ist nicht ungewöhnlich, weil es nicht so einfach ist, zu einem Mann in der Familie, der nicht der eigene Vater ist, ein gutes Verhältnis zu finden. Fragen Sie das Mädchen offen und ohne Vorwürfe nach den Problemen, die ihr die Beziehung zu Ihnen bereitet. Signalisieren Sie auch Ihr Interesse an einer konstruktiven Lösung, die das Leben für beide Seiten angenehmer machen würde.
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Wir sind nicht besonders konfliktfähig
Falls es Ihnen nicht gelingt, die Knoten zu lösen, sollten Sie nicht zögern, sich Hilfe zu holen. Eine Mediation könnte in Ihrem Fall sicher helfen.
Das Wort Mediation kommt aus dem Lateinischen und heisst Vermittlung. Es handelt sich um eine Methode zur Konfliktbewältigung, die eine einvernehmliche Lösung zwischen allen Beteiligten anstrebt. Wir sind im Allgemeinen nicht besonders konfliktfähig und neigen dazu, auszuweichen oder umgekehrt übers Ziel hinauszuschiessen. Konflikte tendieren dazu, zu eskalieren. Wenn wir uns verletzt oder angegriffen fühlen, schwindet unsere Fähigkeit, klar wahrzunehmen und zu denken. Erbitterte Machtkämpfe entstehen, wenn beide Seiten versuchen, einer Niederlage zu entgehen. Ein neutraler Mediator kann diese destruktive Entwicklung verhindern. Das Grundprinzip des Verfahrens besteht darin, die Bedürfnisse beider Parteien ernst zu nehmen, diese auf den Tisch zu legen, auf gegenseitige Angriffe und Entwertungen zu verzichten und nach Lösungen zu suchen, bei denen sich keine Partei als Verlierer fühlen muss.
Mediation eignet sich für Konflikte zwischen einzelnen Menschen, in der Familie wie in Ihrem Fall, aber auch für Konflikte in Gruppen, Institutionen und Firmen. Im Unterschied etwa zu einer Familientherapie stehen nicht nur die Gefühle im Vordergrund, ebenso können auch wirtschaftliche oder sogar rechtliche Aspekte einer Situation eine Rolle spielen. Die Mediation fragt nicht nach Schuld und ist auch kein Schiedsgericht, das der einen Seite recht gibt. Es ist auch nicht der Mediator, der die Lösungen liefert, sondern er hilft den Parteien, ihre eigenen Wege zu finden. Voraussetzung sind also Gesprächsbereitschaft, Offenheit und Engagement der Teilnehmer.
Seit 2004 gibt es übrigens ein gesamtschweizerisches Anerkennungsverfahren für kompetente Mediatorinnen und Mediatoren.
Vermittlung von Mediationsfachleuten
Das Beobachter-Beratungszentrum vermittelt den Mitgliedern des Beobachters auf Anfrage Mediationsfachleute. Mehr dazu unter www.beobachter.ch/mediation
Buchtipp
Esther Haas, Toni Wirz: «Mediation». Konflikte lösen im Dialog; Beobachter-Buchverlag
© Beobachter Ausgabe 18 vom 03. Sep 2008 - Alle Rechte vorbehalten
